Das Wichtigste in Kürze

  • Equalizing Behavior bedeutet, dass ein Kind ein wahrgenommenes Machtgefälle zwischen sich und Erwachsenen auszugleichen versucht, oft durch Regelbrüche, Widerstand oder kleine Machtproben.
  • Ein Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern gibt es immer, und das ist normal. Wie gross es wird, hängt davon ab, wie viel Adultismus im Alltag steckt, also wie oft Kinder anders behandelt werden, nur weil sie Kinder sind.
  • Wer mit dem Kind auf Augenhöhe nach Lösungen sucht, statt Regeln von oben durchzusetzen, sieht dieses Verhalten in vielen Situationen deutlich seltener.
  • Besonders autonome und neurodivergente Kinder reagieren intensiver auf Machtgefälle und brauchen echte Mitbestimmung, nicht nur Scheinwahlen.

Eine einzige Aneinanderreihung von Machtkämpfen.

So beschrieb mir ein Vater, den ich begleiten durfte die Beziehung zu seinem 8-jährigen Kind, was er als sehr belastend erlebte. Er fühlte sich ohnmächtig. Er konnte kaum etwas vom Kind verlangen oder es um etwas bitten - sofort kam Widerstand. Regeln wurden nicht eingehalten und er fühlte sich in einem ständigen Kampf mit dem eigenen Kind.

Was half war nicht etwa eine clevere neue Technik (wobei ich bezweifle, dass es diese magischen Techniken überhaupt gibt), sondern eine Grundannahme. Er hörte auf zu glauben, er müsse als Vater alles besser wissen und richtig entscheiden. Stattdessen ging er mit seinem Kind auf Augenhöhe und sie suchten gemeinsam nach Lösungen, statt dass er sie vorgab. Und mit der Zeit passierte etwas, das ihn selbst überraschte: Genau das trotzige, regelbrechende Verhalten, das ihren Alltag fast täglich begleitet hatte, wurde in vielen Situationen spürbar weniger.

Ich glaube nicht, dass dies in jeder Situation die Lösung ist, doch ist es bei vielen Machtkämpfen wert in diese Richtung zu schauen;

Was hier passiert ist war "Equalizing Behavior" (ausgleichendes Verhalten), also Verhalten, mit dem ein Kind ein wahrgenommenes Machtgefälle zwischen sich und den Erwachsenen auszugleichen versucht. In diesem Fall ist das empfundene Ungleichgewicht der Auslöser für das als "rebellisch" oder "trotzig" empfundene Verhalten ausgelöst hat.

Was ist Equalizing Behavior?

Equalizing Behavior, auf Deutsch am ehesten ausgleichendes Verhalten, beschreibt Verhalten, mit dem Kinder versuchen, eine wahrgenommene Machtungleichheit zwischen sich und Erwachsenen wieder auszugleichen. Das zeigt sich häufig durch Regelbrüche, Widerstand oder kleine, scheinbar willkürliche Machtproben.

Wichtig dabei: Kinder überlegen sich das nicht strategisch am Frühstückstisch. Ihr Nervensystem reagiert auf ein Ungleichgewicht, ähnlich wie es auf jede andere Form von Stress reagiert. Das Kind sucht nicht bewusst den Konflikt. Das Ungleichgewicht sucht einen Ausgleich, und das Kind ist einfach der Ort, an dem das passiert.

Der Begriff stammt nicht aus der Forschung, sondern aus der Praxis. Geprägt hat ihn Casey Ehrlich, die in den USA mit PDA-Familien arbeitet. Kristy Forbes, Autismus-Fachfrau aus Australien und selbst autistisch, ADHS und PDA, nennt dasselbe Muster „equity-seeking behaviour“, also Verhalten, das nach Ausgeglichenheit sucht. Beide beschreiben damit zunächst PDA-Kinder.

Ich sehe das Muster allerdings breiter. Der Wunsch, ein Ungleichgewicht auszugleichen, wenn man sich ohnmächtig fühlt, ist nichts spezifisch Autistisches. Anders ist bei PDA-Kindern die Schwelle. Bei ihnen reicht schon sehr wenig.

Aus dem Umgang mit autonomen Kindern ist das Prinzip vertraut: Je mehr ein Kind das Gefühl hat, keinen Einfluss zu haben, desto vehementer versucht es, sich diesen Einfluss zurückzuholen. Bei manchen Kindern reicht dafür ein einzelnes Wort. Bei anderen braucht es Regelbrüche, die immer grösser werden, bis endlich jemand hinschaut.

Woher kommt das Machtgefälle zwischen Eltern und Kind?

Equalizing Behavior entsteht nicht im luftleeren Raum. Es entsteht dort, wo Kinder erleben, dass sie weniger zählen als die Erwachsenen um sie herum, in der Familie, in der Schule, in Institutionen.

Ein Machtgefälle zwischen dir und deinem Kind gibt es dabei immer. Das ist normal und in vielem auch nötig, denn du trägst die Verantwortung, du hast den Überblick, du bezahlst die Miete. Je nachdem wie wir mit unseren Kindern umgehen und vor allem, wie wir Kinder sehen verändert jedoch das Ausmass dieses Machtgefälles stark.

Ein Kind gegen seinen Willen vom Balkongeländer zu heben (weil es sonst hätte runterfallen können) ist etwas anderes, als es anzuschreien, weil es einen Becher umgestossen hat. Das eine nimmt Verantwortung wahr, auch wird dies gerne als schützende Gewalt gesehen. Während das Anschreien einfach nur gewaltvoll ist. Für das Verhalten, welches Kinder auf ein anderes Level stellt als Erwachsene wird der Begriff Adultismus verwendet.

Was ist Adultismus?

Adultismus ist die Ungleichbehandlung von Kindern, weil sie Kinder sind. Ihr Nein zählt weniger, ihre Wahrnehmung wird korrigiert. und ihre Gründe werden gar nicht erst erfragt. Und über allem steht die Annahme, dass Erwachsene ohnehin besser wissen, was gut für sie ist.

Im Alltag sieht das so aus: Das Kinderzimmer wird umgeräumt, während das Kind in der Schule ist und ohne, dass dies abgesprochen gewesen wäre. Beim Arzttermin wird über das Kind gesprochen, in der dritten Person, während es danebensitzt. Ein Kind wird zur Begrüssung umarmt, obwohl es das nicht will, weil das eben höflich ist. Bei neurodivergenten Kindern kann noch einiges dazukommen, weil über Therapien, Förderung und Diagnostik viel bestimmt wird ohne, dass das Kind mit einbezogen wird.

Eine brauchbare Prüffrage ist: Würde ich das mit einem erwachsenen Menschen auch so machen? Häufig lautet die Antwort hier "Nein". Und meistens fällt es uns nicht einmal auf. Adultismus ist so alltäglich, dass wir ihn erst sehen, wenn wir gezielt danach schauen.

Je mehr davon im Alltag steckt, desto grösser wird das Gefälle und darauf reagieren Kinder. Jedes Kind hat hier seine eigene Grenze, wann es auf ein Machtgefälle reagiert. So kann es passieren, dass das Kind Regeln nur deshalb bricht, weil es versucht, das Gleichgewicht wieder etwas mehr zu erschaffen.

In autoritär geprägten Familien ist Adultismus verbreiteter, weil häufig die Eltern bestimmen und sich über ihre Kinder hinwegsetzen. Jedoch ist niemand gefeit davon und auch Eltern, die bedürfnisorientiert begleiten und ihr Kind wirklich ernst nehmen wollen verhalten sich adultistisch. Sie tragen Bruchstücke aus der eigenen Kindheit mit sich herum, welche entsprechende Glaubenssätze beinhalten, und die melden sich genau dann, wenn es schnell gehen muss oder schwierig wird. Deshalb kommt ausgleichendes Verhalten auch in Familien vor, die sich alle Mühe geben.

Manfred Liebel und Philip Meade haben dazu ein lesenswertes Buch geschrieben: „Was ist Adultismus? Die Macht der Erwachsenen über die Kinder“* (Bertz + Fischer, 2023) und auch Machtgeschichten vom Deutschen Roten Kreuz ist sehr lesenswert dazu. Dieses enthält einen Teil für die Eltern und einen für die Kinder.

Hinter vielen dieser Szenen steht eine Anforderung, die sich für dein Kind zu gross anfühlt. Beim Zerlegen hilft der „Anforderungs-Zerleger“ bei den kleinen Hilfen für den Alltag.

Wie zeigt sich Equalizing Behavior im Alltag?

Equalizing Behavior sieht in jeder Familie etwas anders aus, aber ein paar Muster kehren immer wieder:

  • Regeln werden gebrochen, obwohl das Kind sie genau kennt
  • Kleinste Dinge werden zum Verhandlungsgegenstand: Welche Socken, welcher Weg zur Schule, wer was zuerst darf
  • Das Kind sagt Nein zu Dingen, die es eigentlich mag, einfach weil gerade jemand anderes entschieden hat
  • Grenzen werden übergangen, egal wie klar sie aufgezeigt werden

Das sieht auf den ersten Blick aus wie Ungehorsam oder Provokation. Ist es aber nicht in dem Sinne. Ich bezweifle grundsätzlich, ob Kinder des Ungehorsames oder Provokation wegen handeln würden. Da steht IMMER mehr dahinter. Kinder würden mitarbeiten, wenn sie könnten und Verhalten spricht, wenn die Worte fehlen. Equalizing Behavior ist eher eine Art Kommunikation: „Ich habe hier keinen Einfluss, und das halte ich nicht mehr aus.“

Deswegen hilft es wenig, das Verhalten selbst zu bekämpfen, mit mehr Konsequenz, mehr Kontrolle, mehr Druck. Das verstärkt das Ungleichgewicht nur weiter und damit auch den Ausgleichsversuch. Es entsteht ein Teufelskreis.

Equalizing Behavior ist keine Manipulation

Ein Missverständnis taucht in Gesprächen mit Eltern immer wieder auf: Die Sorge, das Kind wolle die Eltern austricksen oder gezielt provozieren. Genau das ist Equalizing Behavior nicht.

Manipulation setzt voraus, dass jemand ein Ziel plant und bewusst Mittel dafür einsetzt. Kinder können diese doch sehr grosse Leistung für die Planung und das bewusste Einsetzen von Mitteln gar noch nicht leisten. Equalizing Behavior hingegen ist eine viel unmittelbarere Reaktion, näher an einem Reflex als an einer Strategie. Das Kind reagiert auf ein Gefühl von Ohnmacht, nicht auf einen ausgeklügelten Plan. Diesen Unterschied im Kopf zu behalten, verändert einiges: Statt „Was will es mit diesem Verhalten erreichen?“ hilft eher die Frage „Wo fehlt diesem Kind gerade Einfluss?“

Warum autonome und neurodivergente Kinder das oft stärker zeigen

Manche Kinder ertragen ein Machtgefälle relativ gut. Andere reagieren extrem darauf, teils schon bei winzigen Anlässen. Das betrifft besonders autonome Kinder und Kinder mit einer ausgeprägten, autonomie-getriebenen Reaktion, wie sie im Autismus-Spektrum unter dem Begriff PDA (Pathological Demand Avoidance) beschrieben wird. Viele bevorzugen hier inzwischen den Begriff Persistent Drive for Autonomy, weil er die Autonomie in den Mittelpunkt stellt, statt das Vermeiden selbst zum Problem zu erklären.

Diese Kinder erleben nahezu jede Aufforderung, auch alltägliche und sogar angenehme, als Bedrohung ihrer Autonomie. Ein Machtgefälle, das andere Kinder mit ein bisschen Grummeln hinnehmen, kann bei ihnen sofort zu massivem Widerstand führen, weil ihr Nervensystem auf Fremdbestimmung besonders empfindlich reagiert.

Für diese Kinder ist echte Mitbestimmung kein netter Bonus, sondern die Grundvoraussetzung für Kooperation.

Wo dein Kind bei euch das Machtgefälle ausgleichen will, schauen wir in einer Kurz-Session an euren Situationen an.

Was hilft: Auf Augenhöhe nach Lösungen suchen

Der Ausweg ist nicht, gar keine Regeln mehr zu haben. Der Ausweg ist, Regeln und Entscheidungen so zu gestalten, dass dein Kind darin tatsächlich vorkommt, nicht nur als jemand, der befolgen muss, sondern als jemand, der mitdenkt.

Was in der Praxis hilft:

  • Echte Wahlmöglichkeiten anbieten, nicht nur eine Scheinwahl zwischen zwei von dir vorgegebenen Optionen ohne echten Unterschied
  • Regeln, wo möglich, gemeinsam entwickeln, statt sie einfach zu verkünden
  • Nach dem Warum hinter einem Regelbruch fragen, statt nur das Verhalten zu sanktionieren
  • Aufmerksam sein mit dem eigenen Verhalten dem Kind gegenüber (Adultismus) mit der Frage: Würde ich mich einem Erwachsenen gegenüber auch so verhalten?
  • Die eigene Reaktion reflektieren: Warum fällt es so schwer, Kontrolle abzugeben?

Viele von uns haben selbst gelernt, dass Kontrolle behalten gleichbedeutend mit guter Erziehung ist (was soll das schon sein - gute Erziehung. Viel lieber begleite ich mein Kind und unterstütze es, wo es dies brauchen kann und schütze meine eigenen Grenzen und stehe für meine Bedürfnisse ein). Diese Prägung loszulassen, braucht Zeit, und manchmal auch jemanden, der von aussen mit draufschaut.

Wenn du an diesem Punkt feststeckst, schauen wir in einer Einzelsession gemeinsam auf dein eigenes Muster und wie du es Schritt für Schritt verändern kannst. In der Flexiblen Begleitung geht das auch schriftlich, ohne feste Termine und in deinem Tempo.

Manchmal ist es einfacher, zuerst ein paar Sätze aufzuschreiben. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Wir schauen dann gemeinsam, welches Angebot zu dir und deiner Familie passt.

Häufig gestellte Fragen zu Equalizing Behavior

Ist Equalizing Behavior dasselbe wie Trotz?

Nein. Trotz wird oft als bewusste Verweigerung verstanden. Wobei ich die Meinung vertrete, dass hinter einem Verhalten immer mehr steht als "Trotz". Equalizing Behavior beschreibt dagegen eine Reaktion auf ein tatsächliches Ungleichgewicht in der Beziehung. Die Lösung liegt entsprechend nicht darin, dem Kind das Verhalten abzugewöhnen, sondern das Ungleichgewicht zu verändern.

Betrifft das nur neurodivergente Kinder?

Nein, grundsätzlich kann jedes Kind Equalizing Behavior zeigen. Autonome und neurodivergente Kinder, insbesondere solche mit einem PDA-Profil, reagieren aber oft deutlich intensiver auf Machtgefälle als andere Kinder.

Bedeutet das, dass ich gar keine Regeln mehr aufstellen darf?

Nein. Es geht nicht um Regeln an sich, sondern darum, wie sie entstehen. Regeln, die gemeinsam entwickelt oder zumindest erklärt und verhandelbar sind, lösen deutlich weniger Ausgleichsverhalten aus als Regeln, die einfach verkündet werden.

Wie unterscheide ich Equalizing Behavior von normalem Grenzentesten?

Ich sehe kein Verhalten eines Kindes als Grenzen testen an. Ein Verhalten hat immer etwas mit dem Kind zu tun und nicht mit unseren Grenzen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Kinder Leitplanken spüren können. Zeigt sich Widerstand fast überall, auch bei Kleinigkeiten, die dem Kind eigentlich nichts ausmachen würden, lohnt sich der Blick auf das grössere Muster: Wie viel Mitsprache hat dieses Kind in seinem Alltag tatsächlich?

Was, wenn mein Kind auch bei mehr Mitbestimmung noch Regeln bricht?

Das ist normal und kein Zeichen, dass etwas nicht funktioniert. Mitbestimmung verändert die Grundstimmung, nicht jede einzelne Reaktion. Konflikte, Streit und dass Regeln nicht in allen Situationen befolgt werden können gehört weiterhin zum Familienleben, nur eben aus einer anderen Ausgangslage heraus. Wo in deinem Alltag hat dein Kind gerade am wenigsten Einfluss? Das ist oft ein guter Ausgangspunkt, um mit dem Verändern anzufangen.

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