«Es gibt keine zwei Gehirne, die sich gleichen. Wenn wir das ignorieren, haben wir ein Problem – viele Probleme.» – André Frank Zimpel
Unser Nervensystem wird von etwa 10.000 bekannten Genen beeinflusst, während etwa die Hautfarbe nur durch 3 bis 4 Gene bestimmt wird. Daher ist es möglich, zwei Menschen mit derselben Hautfarbe zu finden, jedoch niemals zwei Menschen mit identischen Gehirnen. Überdies verändern sich unsere Gehirne kontinuierlich durch die Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen. Menschen, die in förderlichen Umgebungen aufwachsen, entwickeln andere Gehirne als Menschen, die in schwierigen oder traumatischen Verhältnissen aufgewachsen sind (Rivera, 2023).
Ein persönliches Erlebnis veranschaulicht diese Unterschiede: Mit viel Mut bat ich meine Vorgesetzte, ob ich im Grossraumbüro Kopfhörer tragen dürfe, um mich besser konzentrieren zu können. Ihre Antwort war ernüchternd: Sie hielt den Vorschlag für unangebracht und meinte, dass auch die anderen Mitarbeiter ohne solche Hilfsmittel arbeiten könnten und Musik mich nur ablenken würde.
Obwohl mir bewusst war, dass dies für mich nicht stimmte, fehlten mir damals die Argumente, um für mein Bedürfnis einzustehen. Erst Jahre später, als ich mich intensiver mit Hochsensibilität auseinandersetzte, verstand ich, warum der Lärm mich so stark beeinträchtigte und ich mich oft ausgelaugt fühlte.
Menschen, deren Gehirne anders funktionieren, als es den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht, erleben häufig ähnliche Situationen. Sie versuchen, sich anzupassen und fühlen sich dabei oft fehl am Platz oder „anders“, weil das, was als „normal“ gilt, für sie nicht funktioniert.
Diese Anpassungsversuche kosten nicht nur viel Energie, sondern führen auch dazu, dass wertvolles Potenzial verloren geht – ein Verlust, der nicht nur diese Personen betrifft, sondern die ganze Gesellschaft mit beeinflusst.
In diesem Artikel findest du unter anderem Antworten auf Fragen wie:
- Was ist Neurodiversität?
- Was ist Neurodivergenz?
- Was bedeutet neurotypisch und neuronormativ?
- Welche Neurodivergenzen gibt es?
- Was sind typische Eigenschaften neurodivergenter Personen?
Was bedeutet Neurodiversität?
Neurodiversität beschreibt die Tatsache, dass unsere Gehirne unterschiedlich funktionieren. Diese Unterschiede zeigen sich nicht nur in der Denkweise, sondern auch im Lernen, in der Motorik, Struktur, Interaktion, Sprache und Wahrnehmung.
Vielfalt ist eine unbestreitbare Tatsache der Natur und es gibt inzwischen Beweise dafür, dass die Natur nicht aufhörte, Vielfalt zu erzeugen, kurz bevor sie das menschliche Gehirn „entwarf“ (Legault, 2021). Diese Diversität zeigt sich in unterschiedlichen Denk- und Wahrnehmungsweisen der Menschen, also in einer Vielfalt unserer Gehirne.
Die Neurodiversität betont die Idee, dass diese Unterschiede nicht als Defizite betrachtet werden sollten, sondern als ein natürlicher Bestandteil der menschlichen Vielfalt und als Bereicherung für die Gesellschaft.
Das Konzept der Neurodiversität entstand in den 1990er Jahren in der autistischen Community basierend auf der Arbeit von Jim Sinclair und den Mitgliedern des Autism Network International sowie der Independent Living Community (Rivera, 2023). Für die noch jungen Konzepte von Neurodiversität und Neurodivergenz gibt es keine einheitliche Definition. Beide Begriffe gehen auf die Soziologin Judy Singer zurück, die sich dabei ursprünglich auf Menschen im Autismus-Spektrum bezog (Singer, 2017).

Was bedeutet Neurodivergenz?
Während Neurodiversität ein Begriff der Inklusion ist, so bezeichnet die Neurodivergenz das Kollektiv von atypischen neurologischen Entwicklungen. Sie beschreibt, wenn das Denken, Lernen, Verarbeitung, Verhalten und die Gehirnfunktionen eines Menschen von dem abweichen, was allgemein als «normal» oder «typisch» (neurotypisch) betrachtet wird. Etwa jede fünfte Person hat eine neurodivergente Ausprägung. Zu der Neurodivergenz bei Erwachsenen gibt es noch eher wenig Forschung, doch bewegt sich zur Zeit sehr viel.
Besonders spricht mich die Definition der Neurodivergenz von Amazing 15, einer Jobvermittlungsagentur in diesem Bereich, an:
«Neurodivergent sind Menschen, die neurobiologisch besonders begabt dafür sind,neue Zugänge zu bestimmten Aufgaben zu finden.» (Amazing 15, 2024)
Neurodivergenz ist vielfältig – nicht jede Person tickt gleich
Neurodivergenz ist kein Fachbegriff und er beschreibt keine Krankheit, die geheilt werden müsste. Hingegen beschreibt er wertungsfrei, dass das Gehirn mancher Menschen anders funktioniert, als es den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Allerding unterscheidet sich auch das Denken von neurotypischen Menschen stark voneinander. «Wenn nämlich neurobiologische Unterschiede als Dispositionen unter anderen betrachtet werden, sind diese Phänomene Bestandteile menschlicher Vielfalt und keine Krankheiten.» (Stangl, 2024)
Was neurodivergente Menschen brauchen, sind Anpassungen, Offenheit und Rücksichtnahme. Insbesondere bei den eher milderen Ausprägungen der Besonderheiten, hängt ihre Herausforderung hauptsächlich mit den Anforderungen bestimmter sozialer Kontexte zusammen. Gesellschaftliche Barrieren können die optimale Entwicklung spezifischer Stärken behindern, die Teil dieser alternativen Art der Wahrnehmung und Interaktion mit der Welt sind.
Jede der beschriebenen Neurodivergenzen ist in sich sehr divers. Es gibt nicht den typischen Hochbegabten oder die typische ADHSlerin. Daher gibt es keine Standardherausforderungen oder -lösungen, die für alle Personen innerhalb einer Gruppe passen. Die Stärken und Herausforderungen müssen individuell betrachtet werden.
Ein Blick auf verschiedene neurodivergente Ausprägungen
| Neurodivergenz | Beschreibung | Prävalenz |
| Autismus-Spektrum (ASS) | Andere Art, die Welt wahrzunehmen und zu verarbeiten – in Bezug auf Kommunikation, Sinnesreize und soziale Interaktion | ~ 1 % |
| ADHS | Alternative Aufmerksamkeits- und Impulssteuerung, verbunden mit erhöhter Reaktionsbereitschaft, Ideenreichtum und Energie | 5–10 % |
| Dyskalkulie | Besonderer Zugang zu Zahlen, häufig mit Herausforderungen bei standardisiertem Rechnen, dafür oft mit starkem Bild- oder Raumdenken | 3–7 % |
| Dyslexie | Individuelle Art der Sprachverarbeitung – Lesen und Schreiben fallen schwerer, oft begleitet von hoher Kreativität und bildhaftem Denken | 2-20 % |
| Dyspraxie | Unkonventionelle Bewegungskoordination und Handlungsplanung – häufig verbunden mit hoher Gedankentiefe und origineller Lösungsfindung | 5–6 % |
| Synästhesie | Verknüpfte Sinneswahrnehmung – z. B. Farben hören oder Zahlen „sehen“; kreative, ganzheitliche Wahrnehmung der Welt | ~ 4 % |
| Hochbegabung | Überdurchschnittliches kognitives Potenzial, oft verbunden mit hoher Verarbeitungsgeschwindigkeit, Reflexion und Ideenfülle | 2 % |
| Hochsensibilität / Hochsensitivität | Feine Wahrnehmung von Sinneseindrücken, Stimmungen und Details – häufig mit hoher Empathie und Differenzierungsfähigkeit | 15–20 % |
| Tic | Unwillkürliche Bewegungen oder Lautäusserungen, oft in Kombination mit innerer Spannung, schneller Reaktion und starker Resilienz | ~ 1 % |
| Afantasie | Nicht-visuelles Denken ohne bewusste innere Bilder – oft mit starker sprachlicher, analytischer oder auditiver Orientierung | bis 4 % |
| Prosopagnosie | Besonderheit in der visuellen Verarbeitung, insbesondere bei der Erkennung von Gesichtern – häufig verbunden mit starkem verbalen oder logischen Denken | 2,5 % |
| Amusie | Individueller Zugang zu Ton und Rhythmus – Musik wird anders oder kaum wahrgenommen, dafür sind oft andere Stärken ausgeprägt | 4 % |
Neurodivergenzen und ihre Prävalenz. Eigene Darstellung basierend auf folgenden Quellen: (Autismus Schweiz, 2024) (Robertson, 2008) (Jäggi, 2023) (Doyle, 2020) (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019) (C.J. Dance, 2022) (A Klippel 1, 2009) (Wikipedia, 2024) (The Yale Center for Dyslexia & Creativity, Zugriff 2024)
Teilweise werden auch psychische Erkrankungen mit zu den Neurodivergenzen gezählt. Die Argumentation ist, dass auch psychische Krankheiten und Traumata die Funktionsweise unseres Gehirns verändern können.
Viele Menschen erkennen ihre eigenen neurodivergenten Eigenschaften nicht, weil diese für sie ganz natürlich sind. Sie nehmen ihre Art zu denken und zu fühlen als selbstverständlich, da es das ist, was sie ihr ganzes Leben lang gekannt haben.
Viele neurodivergente Menschen weisen gleichzeitig mehrere Neurodivergenzen auf. Häufig überschneiden sich dabei die Merkmale verschiedener Neurodivergenzen, wie etwa bei Personen mit ASS, hohem kognitiven Potenzial und ADHS. Diese Menschen zeigen oft eine erhöhte Sensibilität gegenüber Reizen oder verarbeiten diese effizienter und sind somit hochsensibel.
Haben neurodivergente Menschen besondere Eigenschaften?
Unterschiedliche Neurodivergenzen können ähnliche Besonderheiten mit sich bringen. Im folgenden habe ich eine Liste zusammengestellt, die keinen Anspruch an vollständigkeit hat.
Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – sie soll vielmehr typische Merkmale zeigen, die dabei helfen können, neurodivergente Denk- und Wahrnehmungsweisen besser zu verstehen. Denn diese Eigenschaften sind Teil der Persönlichkeit – sie müssen nicht angepasst, sondern verstanden und berücksichtigt werden.
Typische Eigenschaften neurodivergenter Menschen
- Andere Denkweise: Abstrakter, vernetzter, schneller, langsamer, kreativer, grosse Zusammenhänge erkennen, Dinge aus verschiedenen Perspektiven beleuchten
- Sensorische Unterschiede: Empfindlichere oder unempfindlichere Reaktion auf Reize wie Licht, Geräusche, Texturen, Gerüche usw.
- Herausforderungen mit exekutiven Funktionen wie Planung, Ausführung, Organisation
- Fähigkeit zum Hyperfokus: Intensive Konzentration auf eine einzelne Aufgabe
- Extremes Erleben von Emotionen und Herausforderungen in der Emotionsregulation
- Dinge wahrnehmen, die anderen entgehen – z. B. Nuancen, Details oder eine Stimmung, die im Raum liegt
- Bilddenkend
- Hohe oder geringe Empathiefähigkeit
- Hochstapler-Syndrom: Das Gefühl, die eigenen Erfolge seien unverdient und man könnte bald als „Betrüger:in“ entlarvt werden oder Versagensängste
- Viel Zeit allein brauchen zum Aufladen
- Bedürfnis nach Routinen und Strukturen oder Ablehnung derer
- Rasch auftretende Langeweile, Unterforderung oder Überforderung
- Rasche und kreative Problemlösung, Dinge auf eine einzigartige oder unkonventionelle Weise angehen
- Beobachten anderer Personen und das Nachmachen derer Verhalten
- Rejection Sensitive Dysphoria (erhöhte Kränkbarkeit)
- Starkes Selbstbewusstsein und intrapersonales Verständnis
- Stimming (Selbststimulierendes Verhalten zur Beruhigung)
- Ehrlichkeit, starker Gerechtigkeitssinn
- Erhöhte Fähigkeit, Widrigkeiten und Unstimmigkeiten zu bewältigen
- Selbständiges Arbeiten
- Masking: Verbergen der eigenen Fähigkeiten und Interessen, um sich besser in die Gesellschaft einzufügen und nicht aufzufallen
Diese Liste verdeutlicht, welche besonderen Stärken Neurodivergenz mit sich bringen kann und welche Herausforderungen damit verbunden sein könnten. Viele dieser Eigenschaften können sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich bringen, je nach Kontext und Umgang.
Das Verstecken oder Überspielen dieser Besonderheiten kostet immer Energie, die dann für andere Tätigkeiten nicht zur Verfügung steht. Gleichzeitig kann eine sensorische Überreizung oder das Fehlen von Rückzugsmöglichkeiten viel Kraft kosten, was dazu führt, dass die mögliche Leistung nicht erreicht wird. Dies kann zu Stress führen, welcher sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit auswirken kann (Werdecker, 2019).
Wird bewusst auf die unterschiedlichen Herausforderungen und Bedürfnisse unserer Gehirne Rücksicht genommen, profitieren alle – nicht nur die Neurodivergenten. Auch eine neurotypische Person kann an Leistungsfähigkeit einbüssen, wenn es unangenehm riecht oder sich besser einbringen, wenn auf die unterschiedlichen Denkgeschwindigkeiten Rücksicht genommen wird.
Was heisst Neurotypisch?
Neurotypisch beschreibt Menschen, deren neurologische Entwicklung dem gesellschaftlich erwarteten Durchschnitt entspricht – also jenem funktionalen Standard, an dem sich viele Systeme orientieren: Schule, Beruf, Leistungsbeurteilung, soziale Kommunikation.
Neurotypisch zu sein bedeutet nicht, „perfekt“ oder „frei von Problemen“ zu sein. Es bedeutet lediglich, dass die Art zu denken, zu lernen und sich zu verhalten mit dem vorherrschenden gesellschaftlichen Rahmen gut kompatibel ist – und daher selten als „abweichend“ auffällt.
Was ist neuronormativ?
Neuronormativität beschreibt die gesellschaftlich verbreitete Annahme, dass es eine „richtige“ oder „normale“ Art des Denkens, Fühlens und Verhaltens gibt – nämlich die, die als neurotypisch gilt. Diese Norm ist jedoch kein Naturgesetz, sondern ein kulturelles Konstrukt. Sie entsteht durch Erwartungen, Regeln und Systeme, die auf einen bestimmten Durchschnitt ausgerichtet sind – z. B. auf Menschen, die gut mit Reizflut umgehen, linear denken, sprachlich stark sind, ihre Emotionen gut kontrollieren können und sich in Gruppen intuitiv zurechtfinden.
Neuronormative Strukturen begegnen uns überall:
In Schulen, die davon ausgehen, dass alle Kinder stillsitzen und sich 45 Minuten lang konzentrieren können.
In Arbeitskontexten, in denen Multitasking, Teamfähigkeit und Selbstmarketing als Voraussetzung gelten.
In sozialen Beziehungen, in denen nonverbale Signale intuitiv erkannt und richtig gedeutet werden sollen.
Für viele Menschen funktioniert das – für andere nicht. Und wenn diese anderen nicht als neurodivergent wahrgenommen oder anerkannt werden, bleibt oft nur eine Strategie: Anpassung.
Neuronormativität ist dabei nicht per se böse – sie ist nur unreflektiert. Und sie wird dann problematisch, wenn sie zur einzigen Messlatte für Leistungsfähigkeit, Intelligenz, Belastbarkeit oder soziale Kompetenz wird. Denn dadurch entsteht ein Umfeld, in dem viele Menschen ihre Stärken nicht zeigen können – und sich stattdessen ständig selbst regulieren müssen, um dazuzugehören.
Wenn wir anfangen, neuronormative Strukturen zu hinterfragen, öffnen wir Räume für mehr Teilhabe, mehr Vielfalt – und für ein realistischeres Bild davon, wie verschieden Menschen tatsächlich sind.
Warum ist das Wissen darüber wichtig?
Viele neurodivergente Menschen erleben ihre Unterschiede nicht als Problem – solange sie sich in einem Umfeld bewegen, das sie verstehen, akzeptieren und unterstützen kann.
Das Problem entsteht meist erst dann, wenn diese Unterschiede unsichtbar, missverstanden oder pathologisiert werden.
Das Wissen über Neurodiversität, Neurodivergenz und neuronormative Strukturen verändert unseren Blick:
- Anstatt sich selbst immer wieder infrage zu stellen („Warum bin ich so? Warum schaffe ich das nicht wie andere?“), können Betroffene beginnen zu verstehen, wie sie funktionieren – und was sie brauchen.
- Anstatt andere vorschnell zu beurteilen („Warum reagiert er so empfindlich? Warum wirkt sie so abwesend?“), können wir lernen, andersartige Reaktionen einzuordnen – und sensibler zu kommunizieren.
- Und anstatt Vielfalt in neurologischen Mustern als Störung zu betrachten, können wir beginnen, sie als Ressource zu erkennen – für Innovation, Perspektivwechsel, Empathie, kreative Lösungsansätze oder hohe Detailgenauigkeit.
In Beratung, Schule, Arbeitswelt und auch in der Familie ermöglicht dieses Wissen,
- Bedürfnisse klarer zu benennen,
- Kommunikation zu erleichtern,
- Anpassungen gezielter vorzunehmen,
- Ressourcen sichtbarer zu machen.
Denn: Viele Schwierigkeiten entstehen nicht, weil Menschen neurodivergent sind, sondern weil ihr Umfeld neuronormativ denkt.
Wenn wir anfangen, unsere Systeme und Erwartungen flexibler zu gestalten, profitieren nicht nur die, die bisher nicht hineingepasst haben – sondern letztlich alle. Denn niemand denkt und fühlt durchgehend „typisch“. Und fast jede:r kennt Situationen, in denen die eigene Art zu denken nicht mit dem Umfeld kompatibel ist.
Dieses Wissen bringt also nicht nur Verständnis, sondern auch mehr Handlungsfähigkeit. Für alle, die sich selbst oder andere besser verstehen – und Veränderung ermöglichen – möchten.
Begriffe auf einen Blick – Neurodivers, neurodivergent, neurotypisch, neuronormativ
Neurodiversität: Die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und Denkweisen.
Neurodivers: Alle Menschen sind neurodivers, weil jedes Gehirn unterschiedlich funktioniert.
Neurodivergenz: Abweichung von der gesellschaftlich als typisch geltenden neurologischen Norm.
Neurodivergent: Sind Menschen, deren Gehirn (Sicht der Welt, Verhalten, Wahrnehmung, Ausdruck) von der gesellschaftlich als typisch angesehenen Norm abweichen.
Neurotypisch: Entspricht dem neurologischen Durchschnitt, wie er von Gesellschaft und Systemen erwartet wird.
Neuronormativ: Die stillschweigende Annahme, dass alle Menschen neurotypisch sein (und funktionieren) sollten.
Neurodivergenz mit mehrfacher Ausprägung: Bezeichnet das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer neurodivergenter Merkmale bei einer Person – z. B. ADHS und Autismus (auch AuDHS genannt), oder Hochbegabung und Dyslexie.
Neurodivergenz-Spektrum: Die Annahme, dass Neurodivergenzen nicht mehr in einzelne Ausprägungen unterteilt werden sollten, sondern sich in einem Spektrum bewegen.
Neuroinklusion: Ein Ansatz, der darauf abzielt, gesellschaftliche und strukturelle Bedingungen so zu gestalten, dass Menschen mit unterschiedlichen neurologischen Funktionsweisen gleichberechtigt teilhaben und mitwirken können – ohne sich anpassen oder verbergen zu müssen.
Und jetzt?
Verständnis und Akzeptanz entstehen nicht von selbst – sie brauchen Sprache, Raum und die Bereitschaft, Unterschiede als Teil eines grösseren Ganzen zu sehen. Neurodivergente und neurotypische Menschen leben nicht in getrennten Welten. Sie begegnen sich täglich – in Familien, Schulen, Teams, Gemeinschaften.
Um die Kluft zwischen „typisch“ und „anders“ zu verringern, braucht es vor allem eines: gegenseitiges Zuhören. Nicht, um zu bewerten, sondern um zu verstehen.
Es hilft, sich bewusst zu machen, dass niemand das vollständige Bild hat – und dass Wahrnehmung und Bedürfnis keine absolute Grösse sind.
Für neurotypische Menschen kann es bedeuten, die eigene Norm nicht als Massstab für alle anzulegen.
Für neurodivergente Menschen kann es bedeuten, sich selbst ernst zu nehmen – auch wenn das Umfeld es (noch) nicht tut.
Und für alle gemeinsam kann es heissen:
- neugierig statt vorschnell zu sein,
- zu fragen statt zu bewerten,
- Unterschiede nicht als Störung, sondern als Chance zu betrachten.
Denn in einer Gesellschaft, die Vielfalt nicht nur benennt, sondern lebt, müssen Menschen sich nicht mehr anpassen, um dazugehören zu dürfen – sondern dürfen dazugehören, so wie sie sind.
Quellenverzeichnis
- Amazing 15 (2024). Website der Jobvermittlungsagentur für neurodivergente Personen (Zugriff: 2024).
- Autismus Schweiz (2024). Informationsseite zu Autismus-Spektrum-Störungen. www.autismus.ch (Zugriff: 2024).
- Dance, C. J. (2022). Inside the Dyslexic Mind. London: Independent Publisher.
- Doyle, N. (2020). Neurodiversity at Work: Drive Innovation, Performance and Productivity with a Neurodiverse Workforce. London: Kogan Page.
- Haberstroh, S. & Schulte-Körne, G. (2019). Rechenschwäche bei Kindern: Diagnostik, Intervention und Förderung. München: Elsevier.
- Jäggi, M. (2023). Neurodiversität verstehen und begleiten. Zürich: Haupt Verlag.
- Klippel, A. (2009). Synästhesie – Wahrnehmung zwischen den Sinnen. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
- Legault, G. (2021). The Myth of Normal Brains: Diversity and the Human Mind. In: Journal of Neurodiversity, Vol. 2(1).
- Rivera, V. (2023). Neurodiversity and the Future of Human Connection. New York: Beacon Press.
- Robertson, S. M. (2008). Neurodiversity, Quality of Life, and Autistic Adults: Shifting Research and Professional Focuses onto Real-Life Challenges. Disability Studies Quarterly, 28(4).
- Singer, J. (2017). NeuroDiversity: The Birth of an Idea. Kindle Edition.
- Stangl, W. (2024). Stangl.eu – Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Stichwort: Neurodiversität. https://lexikon.stangl.eu (Zugriff: 2024).
- The Yale Center for Dyslexia & Creativity (Zugriff: 2024). https://dyslexia.yale.edu
- Wikipedia (2024). Verschiedene Einträge zu neurologischen Besonderheiten, u. a. „Afantasie“, „Prosopagnosie“, „Amusie“. (Zugriff: 2024).
- Werdecker, M. (2019). Stress und Gesundheit bei hochsensiblen Personen. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 66(2), 140–150.
- Zimpel, A. F. (Zitat). In: Neurodiversität: Begabung, Bildung, Teilhabe. Vortrag, 2021.