Dranbleiben solle ich, mich für etwas entscheiden und zur Expertin werden.
Das dachte ich.
Gelungen ist es mir nicht.
So oft wurde mir langweilig und ich habe mich gezwungen weiterzumachen, weil ich davon überzeugt war, das wäre wichtig.
Umso grösser war jeweils die Erleichterung, wenn ich nachgegeben habe und mich in ein neues Projekt, ein neues Hobby oder einen neuen Job gestürzt habe.
Ich glaubte, ich müsse die eine Sache finden, die zu mir passt und dann wäre ich endlich „normal“. Immer wieder glaubte ich, genau das gefunden zu haben, nur um nach ein paar Monaten oder Jahren das Interesse wieder zu verlieren.
In diesem Artikel findest du unter anderem Antworten auf Fragen wie:
- Was ist eine Scanner-Persönlichkeit?
- Bin ich vielbegabt oder ein Multitalent?
- Welche Stärken haben Scanner-Persönlichkeiten?
- Welche Herausforderungen bringt eine Vielbegabung mit sich?
In diesem Artikel
Ich bin eine Scanner-Persönlichkeit
Vor gut sechs Jahren habe ich eine spannende Person kennengelernt, die auch allerlei Interessen hatte, so wie ich. Im Gespräch hat sie die Vermutung eingebracht, ich könne, so wie sie, vielbegabt sein. Eine Tausendsassa, Generalistin oder ein Multitalent.
Also habe ich nachgelesen und das passte wie die Faust aufs Auge.
Plötzlich machte alles Sinn. Ich muss mich nicht einfach mehr anstrengen, um besser ins Schema zu passen. Ich kann mich entscheiden, einen anderen Weg zu gehen. Denn meine vielen Interessen und Fähigkeiten sind nicht nur Fluch, sondern auch ein Segen. Sie sind meine Begabung.
Das hat für mich vieles verändert: Wie ich mich selbst sehe, wie ich andere sehe, meine Einstellung zu meiner Arbeit, wie ich den Familienalltag angehe.
Und endlich habe ich verstanden, warum mein Kopf so verstrickt war. Nach und nach habe ich gelernt, ihn zu entwirren und all diese vielen unterschiedlichen Interessen, Ideen, Projekte und Gedanken zu sortieren. Also ich arbeite nach wie vor daran und werde auch nie damit fertig werden.
Doch gelingt es mir immer besser, die Vorteile der Vielbegabung zu erkennen und für mich zu nutzen.
Was ist eine Scanner-Persönlichkeit?
Eine Scanner-Persönlichkeit ist ein Mensch mit vielen unterschiedlichen Interessen und Begabungen, der sich nur schwer auf eine einzige Richtung festlegen kann. Die Interessen hängen oft nicht zusammen. Eine Scanner-Persönlichkeit kann Informatikerin sein, nebenbei Pferde-Physiotherapeutin und Briefträgerin.
Die vielen Interessen beschränken sich nicht auf die Arbeit. Auch in der Freizeit werden ständig neue Beschäftigungen ausprobiert und Projekte gestartet. Die Informatikerin ist Hobbygärtnerin, singt in einem Chor und engagiert sich ehrenamtlich im Naturschutzverein.
Was ebenfalls typisch ist: Wir bleiben nicht lange an derselben Sache dran, sondern suchen uns schon bald die nächste Herausforderung. Dabei gibt es verschiedene Typen. Die einen machen viel parallel, die anderen sequenziell, also nacheinander.
Wichtig ist mir dabei ein Punkt, der oft untergeht: Scanner-Persönlichkeit ist keine Diagnose. Der Begriff steht in keinem Diagnosemanual und wird nicht von Fachpersonen vergeben. Er ist eine Selbstbeschreibung, die vielen Menschen zum ersten Mal erklärt, warum sie so ticken. Das macht ihn nicht wertlos, im Gegenteil. Es heisst nur, dass niemand ihn dir bestätigen muss.
Woher der Begriff kommt
Der Begriff Scanner-Persönlichkeit stammt aus dem Amerikanischen und wurde von der Autorin Barbara Sher geprägt. In ihrem Buch „Refuse to Choose!“ (deutsch: „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“*) beschreibt sie Menschen, die viele Interessen und Begabungen haben, sich jedoch nur schwer auf eine einzige Richtung festlegen können. Sie nennt sie „Scanners“ und zeigt auf, dass diese Vielseitigkeit keine Schwäche ist, sondern eine Ressource.
Barbara Sher hat mit ihren Büchern vielen Vielbegabten erstmals das Gefühl gegeben, verstanden zu werden. Auch „Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will“* ist eine Leseempfehlung, wenn du dich hier wiederfindest.
Der Begriff Multipotentialität ist älter und kommt aus der Begabungsforschung. In den 1970er-Jahren beschrieb Ronald Fredrickson eine multipotentielle Person als jemanden, der bei geeigneter Förderung mehrere Kompetenzen auf hohem Niveau entwickeln kann. Ursprünglich wurde der Begriff also vor allem im Zusammenhang mit Hochbegabung verwendet.
Einige Jahrzehnte später machte Emilie Wapnick den Begriff „Multipotentialite“ im englischsprachigen Raum populär, vor allem durch ihren TED-Talk Why some of us don't have one true calling von 2015. Sie beschreibt Multipotentialites als Menschen mit vielen Interessen, kreativen Impulsen und der Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten. Ein anderes Wort, ein sehr ähnliches Phänomen.
Ist das nicht einfach ADHS mit einem schöneren Namen?
Vielleicht. Möglicherweise. Kann gut sein. Doch ist es relevant? Kommt darauf an. Wenn du gut klar kommst, es dir hilft, wenn du dich selbst im Licht der Scanner-Persönlichkeit sehen kannst, dann ist das prima. Denn alles was passt, darf so!
Insbesondere Fachpersonen, welche mit ADHS-Menschen arbeiten bringen diesen Einwand. Und ich verstehe völlig, woher dieser kommt. Denn sie sehen Klient:innen, die bisher dachten sie seien Scanner-Persönlichkeiten, aber an vielen Herausforderungen sich die Zähne ausbissen. Bis sie dann zu einer ADHS-Diagnose kamen und merkten, dass es mit der passenden Unterstützung (ob durch Therapie, Begleitung, Medikamente oder was auch immer) plötzlich weitergeht.
Doch heisst es nicht zwangsläufig, dass alle, die sich in den Beschreibungen einer Vielbegabung wiederfinden auch automatisch ADHS haben und eine solche Diagnose bekommen würde. Und ich finde es auch gerade für Erwachsene, insbesondere weiblich sozialisierte, ein prima Einstieg ist, sich mit diesem Aspekt auseinanderzusetzen.
Bei mir war das auf jeden Fall so. Bevor ich das Wort Scanner-Persönlichkeit kannte, hatte ich vor allem das Gefühl, Dinge nicht zu können, die andere offensichtlich können. Dranbleiben zum Beispiel. Ich dachte, mit mir stimme etwas nicht. Und als ich dann über Scanner-Persönlichkeiten gelesen habe, war da diese Erleichterung: Ich bin okay. Ich bin richtig. Ich bin einfach eine Scanner-Persönlichkeit, darum ist das so.
Auf ADHS wäre ich zu diesem Zeitpunkt nie gekommen. Nicht im Traum, weil ich kann mich organisieren, ich bin nicht zappelig, ich kann zuhören und bin sehr pünktlich. Und ich glaube, so geht es sehr vielen Menschen, besonders erwachsenen Frauen. Für viele ist dieser Begriff der erste Zugang zum Thema neurologische Vielfalt überhaupt, weil er nicht nach Defizit klingt und keine Abklärung voraussetzt.
Dazu kommt: Das eine schliesst das andere nicht aus. Ich bin nicht plötzlich keine Scanner-Persönlichkeit mehr, wenn irgendwann ADHS dazukommt. Ich bleibe eine Scanner-Persönlichkeit und finde vielleicht einen weiteren Zugang zu mir.
Und noch etwas, das mir wichtig ist: Nicht jede Person braucht eine Diagnose. Wer mit sich und seinem Leben gut klarkommt, muss nicht wissen, ob da ADHS steht oder nicht. Als Scanner-Persönlichkeit kann man sehr gut durchs Leben kommen. Eine Abklärung lohnt sich dann, wenn du etwas davon hast, also Klarheit, Unterstützung, Medikation oder Nachteilsausgleich.
Wie sich Vielbegabung im Alltag anfühlt
Scanner-Persönlichkeiten beginnen ihre neuen Projekte völlig begeistert, mit einer scheinbar unerschöpflichen Motivation. Hat die Person jedoch ihr Level an Können oder Wissen erreicht, erlischt die Begeisterung von einem Tag auf den anderen. Und schon geht es ins nächste, spannende Projekt.
Mir gefällt hier der Vergleich mit einer Biene besonders gut. Die Biene bleibt auf jeder Blume des Feldes unterschiedlich lange. Sie scheint genau zu wissen, wie lange es dauert, bis sie hat, was sie braucht. Genau so ist es bei der Scanner-Persönlichkeit auch. Etwas in uns erkennt, dass wir erreicht haben, was wir erreichen wollten, und schon sind wir wieder weg.
Bleibt jemand an einem Projekt dran oder in einem Job, wo das Interesse weg ist, macht sich rasch Langeweile breit und es fällt schwer, eine gute Leistung zu erbringen. Das ist keine Faulheit. Das ist ein Motor, der ohne Neues keinen Treibstoff hat.
Wir Vielbegabten brauchen die Abwechslung, um uns wohlzufühlen. Dabei ist der Start in ein neues Projekt und der Prozess oft wichtiger als das Ergebnis. Denn wir beenden auch nicht alles. Typisch ist zum Beispiel, dass wir immer fünf Bücher parallel lesen und die meisten davon nie fertig lesen.
Du verstehst das Prinzip?
Bin ich eine Scanner-Persönlichkeit? 12 Anzeichen
Einen offiziellen Test für Scanner-Persönlichkeiten gibt es nicht, und das wird auch so bleiben, solange der Begriff kein diagnostisches Konstrukt ist. Barbara Sher beschreibt in ihrem Buch aber typische Muster. Die folgenden zwölf Punkte sind eine Orientierung, kein Ergebnis.
- Vielseitige Interessen. Du hast ein breites Spektrum an Interessen und bist in ganz verschiedenen Bereichen neugierig: Literatur, Wissenschaft, Kunst, Handwerk, Musik, Technik.
- Lesen, Schreiben, Reparieren, Erfinden. Du liest und schreibst gern, in Tagebüchern, Blogs oder anderen Formen. Vielleicht bist du auch geschickt darin, Dinge zu reparieren oder eigene Lösungen zu erfinden.
- Mehrere Bücher gleichzeitig. Auf dem Nachttisch liegen vier oder fünf angefangene Bücher, und ein Teil davon wird nie zu Ende gelesen.
- Autodidaktisches Lernen. Du saugst neues Wissen regelrecht auf und gehst dabei am liebsten selbst vor: Bücher, Blogs, Podcasts, und du suchst dir selbst aus, was als Nächstes dran ist.
- Angefangene Ausbildungen. Du hast verschiedene Aus- und Weiterbildungen besucht, wobei du nicht unbedingt alle abgeschlossen hast.
- Ideen für Projekte und Geschäftsideen. Du hast ständig neue Konzepte im Kopf und entwirfst gerne Pläne, hast aber Mühe, sie umzusetzen, weil dir die Lust schnell wieder vergeht.
- Kreativer Ausdruck in mehreren Formen. Kochen, Singen, Zeichnen, Malen, Musik. Deine Kreativität sucht sich nicht einen Kanal, sondern mehrere.
- Schnelle Begeisterung für Neues. Du stürzt dich intensiv in ein neues Hobby oder eine Sportart und investierst viel Energie und Zeit, um sie zu erlernen.
- Materielle Spuren früherer Phasen. Bei dir zu Hause sammeln sich die Zeichen vergangener Projekte: die Kosmetik zum Selbermachen, die Kameraausrüstung samt Dunkelkammer, die Golfschläger, die Klettersachen, die Tauchausrüstung.
- Schwierigkeiten bei Entscheidungen. Es fällt dir schwer, dich auf eine Sache festzulegen, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Das führt zu Unentschlossenheit und manchmal zu Frust.
- Zu viel parallel. Du startest zehn Dinge gleichzeitig und bekommst nichts davon wirklich fertig, weil du dich verzettelst.
- Interesse erlischt, sobald die Grundlagen sitzen. Kaum hast du das Gefühl, ein Thema im Griff zu haben, wird es langweilig, und du sehnst dich nach der nächsten Herausforderung.
Wie viele davon kannst du mit „Ja“ beantworten? Je mehr es sind, desto eher passt die Beschreibung auf dich. Mehr sagt die Liste nicht, und mehr muss sie auch nicht sagen.
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Scanner-Persönlichkeit, Hochbegabung, Hochsensibilität und High Sensation Seeking
Diese vier Begriffe werden oft in einem Atemzug genannt und meinen doch nicht dasselbe. Die Übersicht hilft beim Auseinanderhalten.
| Begriff | Was gemeint ist | Woher der Begriff kommt |
| Scanner-Persönlichkeit / Vielbegabung | Viele, oft unzusammenhängende Interessen und Begabungen, Schwierigkeiten beim Festlegen | Ratgeberliteratur (Barbara Sher), keine Diagnose |
| Hochbegabung | Weit überdurchschnittliche kognitive Leistungsfähigkeit, in der Regel testbasiert erfasst | Psychologische Diagnostik, IQ-Test |
| Hochsensibilität | Reize von aussen und innen werden intensiver verarbeitet, mehr Tiefe im Denken, höhere Stressempfindlichkeit | Persönlichkeitsforschung, kein Diagnosemanual |
| High Sensation Seeking (HSS) | Ausgeprägtes Bedürfnis nach neuen, intensiven Reizen und Erfahrungen | Persönlichkeitsforschung (Sensation Seeking) |
Was Hochbegabte und Scanner-Persönlichkeiten oft verbindet, ist die rasche Auffassungsgabe. Doch bei den Hochbegabten gibt es auch viele, die sich völlig in ein Thema einarbeiten und dabeibleiben. Barbara Sher nennt diese Personen „Taucher“.
Hier lohnt sich ein genauer Blick, weil in der Ratgeberliteratur gern das Gegenteil behauptet wird. Achter, Lubinski und Benbow haben 1996 im Journal of Counseling Psychology über tausend hochbegabte Jugendliche untersucht und fanden bei weniger als fünf Prozent ein durchgehend hohes Fähigkeitsprofil, also das, was man landläufig unter Vielbegabung versteht (Studie als PDF). Ihre Erklärung: Die Tests waren zu einfach, alle stiessen oben an, und dadurch sah jedes Profil flach und gleichmässig hoch aus. Hochbegabung führt also nicht automatisch zu Vielbegabung. Mehr dazu steht im Artikel über Hochbegabung bei Erwachsenen.
Scanner-Persönlichkeiten und Hochsensible sind beide gut darin, vernetzt zu denken, also Informationen zu verbinden, und sie möchten gerne etwas mit diesen Informationen machen. Hochsensibilität erkennst du zusätzlich daran, dass du Reize von aussen und von innen stärker wahrnimmst, empathisch bist, tief und intensiv nachdenkst und stressempfindlich reagierst.
High Sensation Seeker brauchen den Kick. Sie wollen Reize und Neues erleben. Was vielleicht nicht zu erwarten wäre: Bei den HSS gibt es eine Untergruppe, die ebenfalls hochsensibel ist. Jacqueline Knopp und Saskia Klaaysen widmen dieser Gruppe ihr Buch „Her mit den Reizen“*. Sie erklären den Zusammenhang so: „Der hochsensible HSS ist durch sein breites Interesse im Allgemeinen ein Multitalent. Er weiss etwas über viele verschiedene Themen und liebt es, mehrere Arten von Intelligenz einzusetzen.“
Diese Gruppe überschneidet sich stark mit den Scanner-Persönlichkeiten und mit ADHS. Wenn du dich fragst, was bei dir gerade eigentlich los ist, findest du im Artikel darüber, wie es sich anfühlt, wenn 40 Tabs gleichzeitig offen sind, die verschiedenen Möglichkeiten nebeneinander: Hochsensibilität, Hochbegabung, Vielbegabung, ADHS im Erwachsenenalter, Twice Exceptionality und Autismus.
Ich will hier ehrlich sein: Wie stark sich diese Gruppen überschneiden, ist nicht sauber untersucht. Vielbegabung ist kein Forschungsgegenstand mit belastbaren Zahlen, sondern ein Beschreibungsangebot. Was ich sagen kann, kommt aus meiner Arbeit und aus meinem eigenen Leben, nicht aus einer Statistik.
Und was ich dabei immer wieder sehe: Nicht der Mensch passt nicht ins System, sondern das System passt nicht zum Menschen. Eine Arbeitswelt, die Spezialisierung zur einzigen Erfolgsform erklärt, produziert Menschen, die sich für ihre Neugier schämen. Das sagt mehr über die Arbeitswelt als über die Neugier.
Was Vielbegabung leichter macht
Der grösste praktische Vorteil ist die Einarbeitungsgeschwindigkeit. Vielbegabte kommen in einem neuen Gebiet schnell auf ein brauchbares Niveau, weil sie das Muster schon aus drei anderen Bereichen kennen. Was für andere ein Neuanfang ist, ist für sie eine Übersetzung.
Dazu kommt die Kombination. Wer Molekularbiologie, Tauchen und Copywriting im Kopf hat, sieht Verbindungen, die eine Spezialistin nicht sehen kann, weil sie schlicht nicht in ihrem Blickfeld liegen. Das ist der Punkt, an dem Vielseitigkeit von einer netten Eigenschaft zu einem echten Vorteil wird.
Und schliesslich die Anpassungsfähigkeit. Wer schon fünfmal etwas Neues angefangen hat, hat gelernt, dass Anfänge machbar sind. Das ist eine Erfahrung, die sich nicht theoretisch herstellen lässt.
Was ich dabei nicht schreiben werde: dass Vielbegabung eine Superkraft sei. Sie ist es nicht. Sie ist eine Art zu funktionieren, mit Vorteilen und mit Kosten, und die Kosten kommen jetzt.
Wo Vielbegabung anstrengend wird
Die Hauptschwierigkeit ist das Festlegen. Es gibt so viele Interessen und Möglichkeiten, dass die Entscheidung für eine Sache sich wie ein Verzicht auf alle anderen anfühlt. Daraus entsteht das Gefühl, ständig etwas zu verpassen.
Dazu kommen die unvollendeten Projekte. Der Start ist leicht, die Anfangsphase ist voller Energie, und sobald die Grundlagen sitzen, lässt die Motivation nach. Was bleibt, sind halb fertige Dinge und der Eindruck, keine Ausdauer zu haben.
Auch der Blick von aussen macht es nicht einfacher:
- Die Erwartung, sich zu spezialisieren. In einer Welt, die Fachwissen belohnt, fühlen sich Vielbegabte schnell wie Dilettantinnen.
- Das Hochstapler-Syndrom. Viele zweifeln, ob sie gut genug sind, um ein Projekt zu leiten oder einen Job anzunehmen. Sie glauben sich selbst nicht, dass sie tatsächlich so viele Dinge können, und schielen auf die Expertinnen, die immer besser sein werden.
- Missverstanden werden. Andere lesen Vielseitigkeit gern als Unentschlossenheit oder als mangelnde Hingabe.
- Verzettelung. Viele Ideen gleichzeitig, ständig etwas tun und trotzdem das Gefühl, nirgends voranzukommen.
- Werkzeuge, die nicht passen. Die gängigen Produktivitätsmethoden sind für lineare Wege gebaut. Für einen Kopf, der in Verzweigungen denkt, funktionieren sie schlecht.
Der letzte Punkt ist der, an dem ich am häufigsten arbeite. Es braucht nicht mehr Disziplin, sondern ein System, das zur eigenen Art zu denken passt. Wer sich in ein lineares Werkzeug zwingt, kämpft gegen den eigenen Kopf, statt mit ihm zu arbeiten.
Ein guter Einstieg dafür sind 77 Fragen zur Selbstreflexion. Nicht alle davon passen zu dir, und das ist der Punkt: Du suchst dir die drei heraus, bei denen es innerlich klickt, und lässt den Rest liegen.
Was sich ändert, wenn du dich erkennst
Für mich hat die Erkenntnis die grösste Veränderung angestossen. Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr „falsch“ mit meinen vielen Interessen und dem nicht-linearen Lebenslauf.
Beim Zusammenstellen meines Lebenslaufs habe ich mich vorher unglaublich schwergetan. Ich wollte die verschiedenen Erfahrungen verstecken und nur die „relevanten“ hervorheben. Doch nun sehe ich jeden Abschnitt meiner Karriere als Bonus und betone ganz bewusst meine Vielseitigkeit.
Danach habe ich begonnen, mich mit unseren Eigenschaften auseinanderzusetzen, und aufgehört, Dinge auszuprobieren, die nicht für Scanner gemacht sind. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, die Herausforderungen so zu sortieren, dass sie nicht mehr im Weg stehen, und gleichzeitig die Stärken auszubauen.
Ich würde diesen Artikel heute anders schreiben als vor ein paar Jahren. Inhaltlich trifft er trotzdem noch alles auf mich zu, und genau deshalb steht er hier weiter. Der Begriff ist ein Werkzeug, kein Ausweis. Er ist dann nützlich, wenn er dir erklärt, warum bisher so vieles nicht funktioniert hat, und dann überflüssig, wenn er zu einer neuen Schublade wird.
Was ich dir wünsche, ist weniger die Erkenntnis selbst als das, was danach kommt: dass du aufhörst, dich für einen Motor zu entschuldigen, der einfach anders läuft.
Suchst du gerade Klarheit, welche deiner vielen Richtungen es sein sollen, schauen wir in einer Kurz-Session gemeinsam darauf.
Was davon hat sich bei dir am ehesten wiedererkannt angefühlt?
*Mit Sternchen markierte Links sind Partnerlinks. Kaufst du darüber ein Buch, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts.
Wo bekomme ich Unterstützung, wenn mich die Vielfalt erschöpft?
Lesen hilft beim Verstehen. Im eigenen Alltag umsetzen ist der schwierigere Teil und genau dabei begleite ich dich gerne.
Manchmal ist es einfacher, zuerst ein paar Sätze aufzuschreiben. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Wir schauen dann gemeinsam, welches Angebot zu dir passt.
In einer Einzelsession schauen wir auf dein Leben mit vielen Interessen: wo die Vielfalt dich trägt und wo sie dich erschöpft. Gemeinsam suchen wir eine Struktur, die zu deinem Kopf passt. Wenn dir Schreiben leichter fällt als ein Termin, begleite ich dich auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.
Häufige Fragen zur Scanner-Persönlichkeit
Was ist eine Scanner-Persönlichkeit?
Eine Scanner-Persönlichkeit ist ein Mensch mit vielen unterschiedlichen Interessen und Begabungen, der sich nur schwer auf eine Richtung festlegt. Der Begriff wurde von der amerikanischen Autorin Barbara Sher geprägt. Typisch ist, dass die Begeisterung für ein Thema nachlässt, sobald die Grundlagen sitzen, und die Aufmerksamkeit weiterzieht.
Ist Scanner-Persönlichkeit dasselbe wie ADHS?
Nein. ADHS ist eine Diagnose mit festgelegten Kriterien, die von Fachpersonen gestellt wird. Scanner-Persönlichkeit ist eine Selbstbeschreibung aus der Ratgeberliteratur. Die Beschreibungen überschneiden sich in vielen Punkten, etwa bei der schnellen Begeisterung und den vielen angefangenen Projekten. Das eine schliesst das andere aber nicht aus: Wer ADHS hat, hört damit nicht auf, eine Scanner-Persönlichkeit zu sein.
Brauche ich eine ADHS-Abklärung, wenn ich mich als Scanner-Persönlichkeit erkenne?
Nicht zwingend. Wer mit sich und seinem Alltag gut zurechtkommt, muss nicht wissen, ob zusätzlich ADHS im Spiel ist. Eine Abklärung lohnt sich dann, wenn du konkret etwas davon hast, etwa Klarheit, Unterstützung im Beruf, Medikation oder einen Nachteilsausgleich. Für viele Erwachsene, besonders für Frauen, ist der Begriff Scanner-Persönlichkeit der erste Zugang zum Thema neurologische Vielfalt überhaupt.
Wie erkenne ich, ob ich vielbegabt bin?
Einen validierten Test gibt es nicht. Orientierung geben typische Muster: viele unzusammenhängende Interessen, mehrere angefangene Ausbildungen, ständig neue Projekte, Schwierigkeiten beim Festlegen und nachlassendes Interesse, sobald ein Thema verstanden ist. Je mehr davon zutrifft, desto eher passt die Beschreibung.
Sind alle Scanner-Persönlichkeiten hochbegabt?
Nein. Die beiden Begriffe werden häufig vermischt, meinen aber Verschiedenes. Hochbegabung wird über Leistungstests erfasst, Vielbegabung beschreibt die Breite der Interessen. Eine Untersuchung von Achter, Lubinski und Benbow aus dem Jahr 1996 fand bei über tausend hochbegabten Jugendlichen sogar nur bei weniger als fünf Prozent ein durchgehend hohes Fähigkeitsprofil.
Muss ich mich als Scanner-Persönlichkeit trotzdem irgendwann entscheiden?
Nicht zwingend auf eine einzige Sache. Hilfreicher ist meist, den vielen Interessen eine Form zu geben, in der sie nebeneinander Platz haben, sei es sequenziell in Phasen oder parallel in einem Beruf, der Breite zulässt. Der Druck kommt selten von den Interessen selbst, sondern von der Erwartung, dass Erfolg nur über Spezialisierung geht.
Goni Boller ist Beraterin und Coach für Eltern von sensiblen, gefühlsstarken, wilden und neurodivergenten Kindern. Sie begleitet Familien dabei, zu verstehen, wie bei ihnen alle ticken, und Lösungen zu finden, die für alle passen. Damit der Alltag wieder mehr Spass macht und die Familie zusammenhält. Es geht dabei nicht nur um Ideen für den Umgang mit dem Kind, sondern auch um die eigenen Prägungen und Trigger, die oft genau dann im Weg stehen, wenn Eltern eigentlich anders reagieren möchten.
Selbst neurodivergent und Mutter von zwei gefühlsstarken Jungs kennt Goni diesen Familienalltag nicht nur aus der Theorie. Dazu kommt ihr Wissen aus der Coachingausbildung, aus der kindlichen Entwicklung und aus ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund. Als Coach arbeitet sie seit 2018. Mit ihrer Familie lebt sie im Aargau in der Schweiz.