Das Wichtigste in Kürze

  • Neurodivergente Kinder begleitet man oft am besten mit der Frage „was braucht dieses Kind“, nicht „wie stelle ich dieses Verhalten ab“. Es gibt nicht die eine richtige Erziehungsmethode / Art der Begleitung, sondern gute Landkarten zum Kombinieren.
  • Strafen, Belohnungen und „logische Konsequenzen“ passen schlecht zu neurodivergenten Kindern. Sie setzen am Verhalten an, nicht an der Ursache, und trainieren im schlechtesten Fall Masking an.
  • Über ein Dutzend Ansätze im Überblick, von bedürfnis- und bindungsorientiert über Kommunikation, Low Demand, Selbstregulation und Brain-Body Parenting bis neurodiversitätsbejahend.
  • Den passenden Weg findest du meist durch Ausprobieren und Kombinieren, nicht durch Rechthaben eines einzelnen Modells.

„Hast du es schon mal mit härter durchgreifen probiert?“ „Also ich würde da mehr Konsequenzen setzen.“ „Kein Wunder, wenn du alles durchgehen lässt.“ Solche Sätze hören Eltern, die ich begleite immer wieder. Auch ich persönlich wurde schon kritisiert, dass mit unserem freien Erziehungsstil es ja für das Kind schon schwieriger sei sich ins System einzufügen.

Das kann verunsichern. Auch wenn ich hier gerne die Frage nach Huhn und Ei stelle. Denn vielleicht habe ich ja den Erziehungsstil (ach, wie ich das Wort Erziehung gar nicht mag) genau an die Eigenheiten und Persönlichkeitsmerkmale von meinem Kind angepasst, die dazu führen, dass das System nicht zu ihm passt.

Was auch verunsichern kann sind die vielen verschiedenen Erziehungsstile, Erziehungsmethoden und Arten, wie Kinder begleitet werden können. Darum schreibe ich diesen Artikel, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit. Ich versuche die klassischen Erziehungsstile zu erklären und auf neuere Möglichkeiten einzugehen, die uns unterstützen können mit unseren Kindern einen guten Umgang zu finden - insbesondere wenn diese doch irgendwie anspruchsvoller, herausfordernder und bedürfnisstärker sind als der Durchschnitt.

Mehr Grundlegendes dazu: „Neurodivergentes Kind begleiten“ und „Ist das noch normal? Mein Kind ist anders“.

Welche Begleitung passt zu deinem Kind? – Quiz

Welche Begleitung passt gerade zu deinem Kind?

Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Aber es gibt Landkarten, die zu deinem Kind und zu euch besser passen als andere. Beantworte ein paar Fragen zu drei Dingen: was bei deinem Kind gerade am meisten los ist, was du dir als Elternteil wünschst, und wo du gerade stehst. Am Ende bekommst du deine passenden Ansätze als Ausgangspunkt.

Rund zwei Minuten. Es geht nicht darum, dein Kind in eine Schublade zu stecken, sondern dir einen Anfang zu zeigen.

Und das Wichtigste: Kennst du ein Kind, kennst du ein Kind. Nimm dir aus jeder Landkarte, was bei euch trägt, und lass den Rest ohne schlechtes Gewissen liegen. Kein Modell ersetzt deinen Blick auf dein eigenes Kind.
Goni Boller

Ich bin Goni

Ich begleite Eltern von sensiblen, gefühlsstarken, wilden und neurodivergenten Kindern zu einem ruhigeren, klareren Familienalltag, ohne dabei auszubrennen. Aus all diesen Landkarten ist über die Jahre mein eigener Weg gewachsen: verstehen statt korrigieren, Beziehung statt Kampf, und der Blick weg von „wie stelle ich das ab“ hin zu „was braucht dieses Kind“. So arbeite ich mit dir →

Welche Erziehungsstile gibt es?

Es werden je nachdem, wen man fragt verschiedene Erziehungsstile oder -methoden unterschieden: Autoritär, autokratisch, autoritativ, demokratisch, sozial-integrativ, egalitär, permissiv, laisser-faire, antiautoritär, negierend. Das klingt nach viel, meint aber zu einem grossen Teil dasselbe mit anderen Worten. Ich sortiere es für mich und dich in ein paar Schubladen.

Autoritärer Erziehungsstil oder autokratisch: Viel Kontrolle, wenig Wärme

Im Zentrum stehen Gehorsam, Regeln, Strafen. Der Klassiker unter den Erziehungsstilen. Die Eltern bestimmten, die Kinder fügen sich und machen, was man ihnen sagt. Die Eltern wissen was gut ist und die Kinder sollen hören und das ausführen. Hier gibt es wenig bis kein Mitspracherecht, man befindet sich nicht auf Augenhöhe und im Hintergrund steht die Idee, dass die Kinder erst noch zu "guten Menschen" gemacht werden müssen, wobei die Eltern wissen, wie das aussehen würde. Für die gefühlsstarken, wilden, sensiblen und neurodivergenten Kinder ist das schwierig, weil hier häufig ein neurotypischer Massstab an das Verhalten gestellt wird, den sie nicht erfüllen können. So müssen sie sich verbiegen und anpassen, um der Bestrafung aus dem Weg zu gehen. Das kann zu Maskieren/Camouflaging führen und viel Stress verursachen.

Laisser-Faire Erziehung, permissiv oder antiautoritär: Viel Freiheit, wenig Führung

Das Kind macht weitgehend, was es will. Die Eltern lassen das Kind gewähren, auch wenn es sich nicht so verhält, wie es angebracht wäre oder Grenzen der Eltern oder anderer Menschen überschreitet. Antiautoritär ist ein Begriff der aus den 70ern übrig geblieben ist und hier ist der Fokus vor allem darauf, es nicht mehr so zu machen, wie die vorherigen Generationen (Autoritär). Hier ist dennoch viel Wärme vorhanden, die Eltern sind da. Doch insbesondere neurodivergente, gefühlsstarke und sensible Kinder können hier Schwieirgkeiten bekommen, weil die Struktur und die Leitplanken feheln.

Der negierende oder vernachlässigende Erziehungstil

Hier macht das Kind, was es will und zusätzlich fehlt die Bindung und die Wärme. Hier braucht es eigentlich nicht mehr Erklärung. Ich denke, dass dieser Erziehungsstil kaum bewusst eingesetzt wird, sondern eher aus einer Überforderung oder einem Desinteresse der Eltern entsteht.

Autoritative Erziehung, sozial-integrativ oder demokratischer Erziehungsstil

Hier gibt es viel Wärme und das Kind kann mitbestimmen, je nachdem mehr oder weniger. Die Führung bleibt bei den Eltern. Der egalitäre Stil liegt daneben und geht noch einen Schritt weiter, Richtung gleichberechtigte Partner. Dieser Stil schneidet in Studien am günstigsten ab. Kinder zeigen im Schnitt zum Beispiel weniger emotionale Probleme. „Der beste“ ist trotzdem zu viel gesagt, gerade für neurodivergente Kinder greift dieses Raster zu grob. Die Ansätze, die weiter unten kommen, gehören fast alle in diese warme, mitbestimmende Schublade.

Ein modernerer Vertreter, der vor allem an Schulen viel praktiziert wird, ist die „Neue Autorität“ nach dem israelischen Psychologen Haim Omer, auch „Stärke statt Macht“ genannt. Sie sucht bewusst einen dritten Weg zwischen autoritär und laisser-faire, über Präsenz und Beziehung statt über Strafe. Trotzdem bleibt der Blick stark auf der Autorität der Erwachsenen und weniger auf der Frage, was das Nervensystem des Kindes gerade braucht.

Das Dumme ist: Wenn wir bei einem neurodivergenten Kind die Anforderungen senken oder auf Strafen verzichten, lesen viele das sofort als laisser-faire. Als Verwöhnen. Und die vorgeschlagene „Lösung“ ist dann fast immer ein Schritt zurück in Richtung autoritär, mehr Strenge, mehr Konsequenzen. Was ich mache, ist aber weder das eine noch das andere. Es richtet sich nicht nach einem Stil-Etikett, sondern nach dem Nervensystem meines Kindes.

Warum ich eigentlich kein Fan von Schubladen bin

So praktisch diese Einteilung zum Sortieren ist, im Alltag hilft sie mir wenig. Es geht mir nicht darum, herauszufinden, in welcher Schublade ich stecke oder mir ein Etikett aufzukleben. Es geht darum, sich im Dschungel der vielen Ideen zurechtzufinden und das herauszuholen, was zu diesem einen Kind passt. Die Stile sind eine grobe Landkarte der Landkarten. Sobald es konkret wird, lege ich sie zur Seite und schaue auf das Kind.

Statt an der Konsequenz zu drehen, lohnt es sich meistens, die Anforderung selbst kleiner zu machen. Dafür gibt es bei den kleinen Hilfen für den Alltag den „Anforderungs-Zerleger“.

Warum nicht Strafen, Belohnung und Konsequenzen bei neurodivergenten Kindern?

Strafen und Belohnungen setzen am Verhalten an, nicht an der Ursache. Sie gehen davon aus, dass ein Kind eigentlich könnte und nur nicht will, und dass man mit dem richtigen Druck oder dem richtigen Anreiz nachhelfen kann. Diese Annahme stimmt eigentlich bei keinem Kind. Bei neurotypischen Kindern fällt es nur weniger auf, weil sie oft besser damit zurechtkommen, wenn der Fokus auf ihrem Verhalten statt auf ihrem Nervensystem liegt. Bei neurodivergenten Kindern rächt sich dieser Fokus schneller und deutlicher. Forschung zu ADHS zeigt zum Beispiel, dass Strafen kaum wirken, weil sie das eigentliche Problem gar nicht berühren. Warum auch Belohnungssysteme an dieser Stelle scheitern, steht ausführlich in Können oder wollen? Warum Belohnungssysteme bei ADHS keine gute Idee sind.

Dazu kommt, dass viele neurodivergente Kinder ihren eigenen Körper anders wahrnehmen. Die Interozeption, also das Spüren von Hunger, Müdigkeit, Harndrang oder aufsteigendem Stress, funktioniert bei ihnen oft anders. Ein Kind, das nicht rechtzeitig merkt, dass es überläuft, kann auch nicht rechtzeitig gegensteuern. Das ist keine Frage des Willens.

Und es kommt etwas dazu, das mir besonders wichtig ist. Ein Belohnungs- und Strafsystem kann an der Oberfläche Ruhe erzeugen. Was es dabei aber oft trainiert, ist Masking / Camouflaging. Also das Unterdrücken des eigenen, natürlichen Verhaltens, um „normal“ zu wirken. Kurzfristig sieht das nach Erfolg aus. Langfristig ist es teuer. Erschöpfung, Burnout, das Gefühl, nicht zu wissen, wer man eigentlich ist. Viele neurodivergente Erwachsene sind heute damit beschäftigt, dieses Maskieren mühsam wieder zu verlernen. Ich gehöre selbst dazu. Ein Kind so weit zu bringen, dass es sich versteckt, ist keine gelöste Herausforderung, sondern eine verschobene.

Auch mit den beliebten „logischen Konsequenzen“ lohnt sich ein ehrlicher Blick. Eine Konsequenz, die wir Eltern uns ausdenken, damit das Kind etwas lernt, ist meistens einfach eine Strafe im netten Mantel. Kein Nachtisch, weil du nicht aufgeräumt hast, hat mit Aufräumen nichts zu tun. Natürliche Konsequenzen sind etwas ganz anderes. Die sind einfach da, ohne dass wir sie inszenieren. Nimmst du keinen Schirm mit, wirst du nass. Die eine Konsequenz zwingen wir von aussen auf, die andere ist schlicht die Welt.

Unsere Kinder sind wie Kanarienvögel

Kennst du den Vergleich von bunt denkenden Menschen mit dem Kanarienvogel im Bergwerk. Früher nahmen Bergleute einen Vogel mit unter Tag, weil er auf schlechte Luft empfindlicher reagierte als der Mensch und so früh warnte. Genau so verhält es sich mit unseren gefühlsstarken, wilden, sensiblen oder neurodivergente Kinder. Sie reagieren als Erste und am deutlichsten, wenn eine Umgebung nicht stimmt. Doch was für sie funktioniert, ist auch für die anderen gut, diese können einfach länger unter den weniger guten Bedingungen ausharren. Alle Kinder profitieren von einem wertschätzenden Umgang, von einem Blick auf das, was unter dem Verhalten liegt, von weniger Reizüberflutung, klarer Kommunikation und mehr Mitbestimmung. Wenn wir also auf die Empfindlichsten schauen und die Umgebung entsprechend anpassen, profitieren alle.

Was verbindet die modernen Ansätze in der Erziehung?

Was alle modernen Ansätze in der Erziehung verbindet ist der Blick hinter das Verhalten des Kindes. Es geht nicht mehr darum sich zu fragen: „wie stelle ich dieses Verhalten ab“, sondern es stellt sich folgende Frage ins Zentrum: „was braucht dieses Kind gerade“.

Dahinter steckt eine Grundannahme, die ich teile und die du in ganz verschiedenen Worten immer wieder finden wirst. Kinder würden mitarbeiten, wenn sie könnten. Verhalten ist Ausdruck von Können, nicht von Wollen. Ein Kind, das sich verweigert, schreit oder haut, ist nicht frech oder verzogen. Bei ihm ist gerade etwas zu viel, und es hat keine bessere Strategie zur Verfügung. Ab hier gehen die Ansätze dann auseinander, in dem, was sie betonen und wo sie hinschauen.

Bedürfnisorientierte Begleitung

Woher es kommt. Die Wurzel ist die Bindungstheorie und das „Attachment Parenting“, das der US-Kinderarzt William Sears und seine Frau Martha Sears in den 1980er-Jahren prägten. Im deutschsprachigen Raum hat vor allem Nora Imlau den Begriff „bedürfnisorientiert“ geprägt und weiterentwickelt, bewusst gelöst von den engen Ursprungsregeln. Von ihr stammt auch das Wort „gefühlsstark“. Der Begriff „bedürfnisstark“ kommt hingegen von uns.

Die Grundidee. Kinder haben von Anfang an echte Bedürfnisse, keine blossen Launen. Die Aufgabe der Eltern ist, diese Signale wahrzunehmen und verlässlich darauf zu reagieren. Ein Kind, dessen Bedürfnisse ernst genommen werden, entwickelt Sicherheit, und aus Sicherheit wächst dann alles andere.

Was daran stark ist. Für neurodivergente Kinder passt das besonders, weil ihre Bedürfnisse oft intensiver und weniger sichtbar sind als bei anderen Kindern. Der Ansatz nimmt das Kind grundsätzlich ernst und macht Schluss mit der alten Idee, man verwöhne ein Kind, wenn man auf es eingeht.

Wo die Grenzen liegen. Die Ursprungsversion nach Sears war streng ausgelegt, und die Familie Sears kommt aus einem fundamentalistisch-evangelikalen Umfeld, weshalb manche den Begriff bewusst ablehnen. Der Ansatz sagt viel über das Wahrnehmen von Bedürfnissen, aber wenig darüber, was du tust, wenn zwei Bedürfnisse kollidieren. Deins und das deines Kindes zum Beispiel.

Verwandte Stimmen. Im deutschsprachigen Raum gehören mehrere Autorinnen in diese Familie: Susanne Mierau (geborgen wachsen), Danielle Graf und Katja Seide (das gewünschteste Wunschkind) und Inke Hummel, die vor allem gefühls- und wahrnehmungsstarke Kinder in den Blick nimmt.

Zum Weiterlesen: Nora Imlau, „So viel Freude, so viel Wut“*, Susanne Mierau, „Geborgen wachsen“*, Danielle Graf und Katja Seide, „Das gewünschteste Wunschkind“*, Inke Hummel, „Mein wunderbares wildes Kind“*. Website: nora-imlau.de

Was wir davon mitnehmen können: Nicht alle Kinder funktionieren gleich. Die Sensibilitätsforschung (W. Thomas Boyce, Michael Pluess) teilt Kinder grob in drei Gruppen, Löwenzahn (robust), Tulpe (mittel) und Orchidee (fein und schnell überreizt), ungefähr im Verhältnis 30 zu 40 zu 30. Für die feinfühlige, intensive Gruppe hat Nora Imlau im Deutschen das Wort „gefühlsstark“ geprägt. Gefühlsstarke oder Orchideen-Kinder brauchen einfach mehr Co-Regulation. Das ist anstrengend, ist aber so. Ein Beispiel: Dein Kind wirft beim Mittagessen den Teller vom Tisch. Statt sofort „das macht man nicht“ zuerst die Frage nach dem Bedürfnis. Ist es satt? Ist ihm langweilig, weil es schon fertig gegessen hat? Ist es überreizt vom Kindergarten am Morgen und braucht Rückzug? Darauf reagieren. Und natürlich darfst du trotzdem sagen, dass ein Teller nicht vom Tisch geworfen wird. Fliegt er runter, kommt der Teller weg.

Was ich mitnehme: Immer einen Blick auf die Bedürfnisse haben. Hinter jedem Verhalten steht ein Bedürfnis, und die Frage ist, wie sich die Bedürfnisse aller unter einen Hut bringen lassen. Erfüllte Bedürfnisse, und zwar von allen Familienmitgliedern, sind ein gutes Fundament für eine zufriedene Familie.

Und ganz wichtig: Nicht nur das Bedürfnis des Kindes im Blick haben, sondern die aller Familienmitglieder.

Bindungsorientierte Begleitung / artgerecht

Woher es kommt. Die wissenschaftliche Basis ist die Bindungsforschung von John Bowlby und Mary Ainsworth aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Das „Attachment Parenting“ von Sears ist im Grunde die praktische Anwendung genau dieser Bindungstheorie, deshalb liegen bedürfnis- und bindungsorientiert so nah beieinander. Für den Familienalltag weiterentwickelt haben den Ansatz unter anderem der Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld und der Arzt Gabor Maté.

Die Grundidee. Ein Kind kooperiert und lernt am besten aus einer sicheren Bindung heraus. Nicht die Erziehungstechnik trägt, sondern die Beziehung. Ein Kind orientiert sich an den Menschen, an die es gebunden ist. Wo die Bindung wackelt, wird jedes Werkzeug stumpf.

Was daran stark ist. Für neurodivergente Kinder, die schneller in Stress geraten, ist die sichere Basis noch wichtiger. Der Ansatz erinnert daran, Beziehung vor Methode zu stellen, gerade dann, wenn es schwierig wird.

Wo die Grenzen liegen. Setz dich damit nicht selbst unter Druck. Bindung entsteht nicht nur über eine einzige Form. Es ist völlig in Ordnung, das Kind im Wagen zu schieben, früh abzustillen und getrennt zu schlafen, wenn das für alle Familienmitglieder passt, und trotzdem eine sichere Bindung aufzubauen. Genauso ist es in Ordnung, zu tragen, lange zu stillen und im Familienbett zu schlafen. Es gibt hier kein Richtig, das zu jeder Familie passt.

artgerecht. Im Deutschen hat Nicola Schmidt mit „artgerecht“ eine sehr bindungsorientierte, an unserer Entwicklungsgeschichte orientierte Variante populär gemacht. Der Gedanke: Kinder sind auf Nähe, Getragenwerden und verlässliche Bindung angelegt, und daran darf sich der Alltag orientieren. Es ist im Grunde dieselbe Bindungsidee, nur mit einem evolutionären Blick.

Zum Weiterlesen: Gordon Neufeld und Gabor Maté, „Unsere Kinder brauchen uns!“*, Nicola Schmidt, „artgerecht“*. Websites: neufeldinstitute.org und artgerecht-projekt.de

Was wir davon mitnehmen können: Erst Beziehung, dann Anliegen. Ein Beispiel: Du möchtest, dass dein Kind zum Essen reinkommt. Statt aus der Küche zu rufen (ausser dein Kind hört auf so einen Zuruf wirklich gut), gehst du kurz hin, stellst Verbindung her, ein Blick, ein Satz, ein gemeinsamer Moment, und bringst erst dann dein Anliegen. In dieser Reihenfolge, nicht umgekehrt.

Was ich mitnehme: Tatsächlich hat mich dieser Ansatz darin unterstützt, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen von anderen Ansichten und Menschen die mir sagten, dass man besser schlafen würde, wenn die Kinder im eigenen Zimmer sind. Die Bücher in diesem Bereich - insbesondere "artgerecht" halfen mir dabei das zu tun, was für mich und meine Kinder gut gepasst hat: Tragen (den Grossen konnte man unmöglich im Wagen schieben, da hat er nur geschrien), lange zu stillen und im Familienbett zu schlafen (Kind im anderen Zimmer bringt nix, wenn es nachts 10x aufwacht und am besten an der Brust wieder einschläft).

Gleichwürdigkeit nach Jesper Juul

Woher es kommt. Jesper Juul war ein dänischer Familientherapeut und Gründer des Netzwerks Familylab International. Er gilt vielen als der bekannteste Familientherapeut Europas und hat über zwanzig Bücher geschrieben.

Die Grundidee. Sein zentraler Begriff ist die Gleichwürdigkeit. Das heisst nicht Gleichheit und nicht, dass alle gleich viel bestimmen. Es heisst, dass die Bedürfnisse, Gedanken und die Würde des Kindes genauso ernst genommen werden wie die eines Erwachsenen. Die Führungsrolle bleibt dabei klar bei den Eltern.

Was daran stark ist. Die Haltung passt wunderbar zu Kindern, die sehr genau spüren, ob man sie respektiert oder von oben herab behandelt. „Beziehung statt Erziehung“ bringt es auf den Punkt.

Wo die Grenzen liegen. Juul ist stark in der Haltung, aber bewusst zurückhaltend bei konkreten Techniken. Wer eine Schritt-für-Schritt-Anleitung sucht, bleibt manchmal etwas ratlos zurück.

Verwandt. Die Grundhaltung dem Kind gegenüber ist hier so wichtig wie bei der bedürfnisorientierten Begleitung. Beide stehen und fallen mit dem Respekt vor dem Kind als eigenständigem Menschen. Man kann Juul deshalb gut als die Haltungs-Seite der bedürfnisorientierten Familie lesen.

Zum Weiterlesen: Jesper Juul, „Dein kompetentes Kind“*. Website: familylab.de

Was wir davon mitnehmen können: Würde ist keine Frage des Alters. Ein Kind ernst zu nehmen heisst nicht, ihm die Führung zu überlassen. Ein Beispiel: Statt „weil ich es sage“ dem Kind den echten Grund nennen und seine Sicht gelten lassen, auch wenn die Entscheidung am Ende bei dir bleibt.

Was ich mitnehme: „Beziehung statt Erziehung“. Kurz nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich viel von Jesper Juul gelesen und für mich erkannt, dass ich das Wort „Erziehung“ nicht mag. Es klingt nach ziehen, und ich werde selbst nicht gern irgendwohin gezogen. Deshalb spreche ich lieber von Begleitung oder von Elternschaft. Und der Gedanke, dass Kinder mit uns kooperieren wollen, wenn sie können. Kooperation ist dabei beidseitig. Ich kann nicht erwarten, dass mein Kind macht, was ich sage, und das dann Kooperation nennen. Ich gehe genauso auf mein Kind und seine Bedürfnisse ein. Da schliesst sich der Kreis zur bedürfnisorientierten Elternschaft.

Welche dieser Landkarten zu deinem Kind passt, finden wir in einer Kurz-Session gemeinsam heraus. Statt eines Termins geht das auch schriftlich in der Flexiblen Begleitung, in deinem Tempo.

Unconditional Parenting und die Gentle-Parenting-Bewegung

Woher es kommt. Der amerikanische Autor Alfie Kohn veröffentlichte 2005 „Unconditional Parenting“, einen frühen und einflussreichen Baustein der heutigen „Gentle Parenting“-Bewegung. Gentle Parenting ist kein einzelner, klar definierter Ansatz, sondern ein lose verbundenes Bündel von Haltungen, die sich von klassischer Bestrafungslogik abwenden.

Die Grundidee. Kohn argumentiert, die meisten von uns erziehen „bedingt“. Wir vermitteln dem Kind, dass wir es mehr mögen, wenn es tut, was wir wollen. Auch mit Lob, Auszeiten und Belohnungssystemen. Er plädiert für bedingungslose Zuwendung, für Zusammenarbeit statt Kontrolle.

Was daran stark ist. Der Ansatz lenkt den Blick auf die stille Botschaft hinter unseren Erziehungsmethoden. Für neurodivergente Kinder, die ohnehin ständig die Erfahrung machen, „zu viel“ oder „zu wenig“ zu sein, ist bedingungslose Annahme enorm heilsam.

Wo die Grenzen liegen. Gentle Parenting hat sich zu einem Sammelbegriff verwässert, unter dem alles Mögliche läuft. Sanft heisst nicht grenzenlos. Und Eltern, die es als „nie Nein sagen“ verstehen, brennen oft aus.

Zum Weiterlesen: Alfie Kohn, „Liebe und Eigenständigkeit“* (deutsche Ausgabe von „Unconditional Parenting“). Website: alfiekohn.org

Was wir davon mitnehmen können: Der Unterschied zwischen „ich mag dich, wenn du“ und „ich mag dich“. Kinder hören diesen Unterschied genau. Und statt mit Strafe zu arbeiten, lässt sich fast immer eine Alternative finden. Ein Beispiel: Statt einer Konsequenz fürs Nicht-Aufräumen gemeinsam anfangen und überlegen, was das Aufräumen leichter macht.

Was ich mitnehme: Als mein Sohn das Brennholz den Fussweg zum Haus hochgetragen hat (wir wohnen mitten im Dorf, aber an einem Fussweg, und im Winter heizen wir das Wohnzimmer mit dem Feuer im Schwedenofen), habe ich nicht „gut gemacht“ gesagt. Sondern: „Das war ganz schön anstrengend, danke, dass du mitgeholfen hast.“ Ich lobe nicht nichtssagend, denn was heisst schon „gut“, sondern sage, was ich konkret beeindruckend fand. Nämlich, dass er es gemacht hat, obwohl es anstrengend war, und dass ich froh um seine Hilfe bin.

Kommunikation und gewaltfreie Erziehung nach Faber, Rosenberg und Aldort

Woher es kommt. Adele Faber und Elaine Mazlish waren zwei US-amerikanische Autorinnen, die auf der Arbeit des Psychologen Haim Ginott aufbauten. Beide sind inzwischen verstorben (Elaine Mazlish 2017, Adele Faber 2024). Ihr Klassiker heisst im Original „How to Talk So Kids Will Listen“ und auf Deutsch „So sag ich's meinem Kind“.

Die Grundidee. Hier geht es weniger um Haltung, mehr um konkrete Werkzeuge. Gefühle anerkennen statt wegreden, beschreiben statt bewerten, zur Zusammenarbeit einladen statt befehlen, Alternativen zur Strafe finden. Fast ein Werkzeugkasten für Sätze.

Was daran stark ist. Für Eltern, die nicht nur eine Haltung, sondern konkrete Formulierungen suchen. Gerade die Technik, Gefühle zuerst zu benennen, hilft gefühlsstarken Kindern enorm.

Wo die Grenzen liegen. Die Techniken können mechanisch wirken, wenn die Haltung dahinter fehlt. Und manches ist auf neurotypische Kommunikation zugeschnitten. Viele neurodivergente Kinder mögen es zum Beispiel gar nicht, wenn wir ihnen sagen „das macht dich wütend“ oder „das nervt total“. Das ist ihr Gefühl, und wir Eltern sollen es nicht für sie benennen. Dann hilft es oft mehr, von sich selbst zu sprechen: „Mich würde das total nerven.“

Verwandt: gewaltfreie Kommunikation. Marshall Rosenberg hat mit der gewaltfreien Kommunikation (GfK), auch Giraffensprache genannt, ein Modell geschaffen, das Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte voneinander trennt, statt zu bewerten und zu fordern. Das passt eng zu Faber und Mazlish und wird in vielen Kitas als „Giraffentraum“ gelebt.

Verwandt: gewaltfreie Erziehung. Naomi Aldort baut darauf auf. Ihre SALVE-Formel verbindet die GfK mit der Selbstbefragung von Byron Katie. Sie rät, dem Kind zuerst zuzuhören und seine Gefühle nicht zu bewerten oder zu beschämen, und den Alltag konsequent an den Bedürfnissen des Kindes auszurichten.

Zum Weiterlesen: Adele Faber und Elaine Mazlish, „So sag ich's meinem Kind“*, Marshall Rosenberg, „Gewaltfreie Kommunikation“*, Naomi Aldort, „Von der Erziehung zur Einfühlung“*. Websites: cnvc.org und naomialdort.com

Was wir davon mitnehmen können: Ein anerkanntes Gefühl beruhigt schneller als jedes Argument. Ein Beispiel: Statt „jetzt stell dich nicht so an“ ein „du bist enttäuscht, dass wir gehen müssen, du hättest gern weitergespielt“. Das Gefühl benennen, bevor irgendeine Lösung kommt. Und bei neurodivergenten Kindern lieber von sich selbst sprechen, statt ihnen ihr Gefühl vorzusagen.

Was ich mitnehme: Immer erst dem Gefühl Raum lassen. Das war für mich gar nicht so einfach, weil ich am liebsten sofort mit dem Lösungensuchen loslege. Doch oft braucht es zuerst einfach Raum für das Gefühl.

Collaborative and Proactive Solutions, also Kooperation, nach Ross Greene

Woher es kommt. Ross W. Greene ist ein amerikanischer klinischer Kinderpsychologe. Bekannt wurde er mit „Das explosive Kind“ und dem Modell, das er ursprünglich „Collaborative Problem Solving“ nannte und heute „Collaborative and Proactive Solutions“ (CPS) heisst.

Die Grundidee. Sein berühmtester Satz lautet: „Kinder verhalten sich gut, wenn sie können.“ Schwieriges Verhalten entsteht aus fehlenden Fähigkeiten, im Englischen „lagging skills“ genannt, nicht aus mangelndem Willen. Solche fehlenden Fähigkeiten sind zum Beispiel, flexibel von einer Tätigkeit zur nächsten zu wechseln, oder Frust auszuhalten, wenn ein Plan platzt. Greene bietet dazu drei Wege an. Bei Plan A entscheidest du allein, über deine Erwachsenenmacht. Bei Plan B löst ihr das Problem gemeinsam, in drei Schritten: erst die Sorge des Kindes hören, dann die eigene benennen, dann zusammen eine Lösung suchen. Bei Plan C legst du eine Erwartung bewusst und vorübergehend beiseite, um Druck rauszunehmen.

Was daran stark ist. Das ist konkret und alltagstauglich, ohne die Würde zu opfern. Plan B ist ein richtiges Werkzeug, kein Slogan, und der Ansatz gilt als evidenzbasiert.

Wo die Grenzen liegen. Plan B setzt voraus, dass ein Kind gesprächsfähig ist, wenigstens im ruhigen Moment. In der akuten Eskalation greift er nicht. Und mir persönlich sind die „lagging skills“ zu defizitorientiert. Sie orientieren sich an neurotypischen Fähigkeiten und machen vor allem sichtbar, wo ein neurodivergentes Kind etwas noch nicht so kann wie ein neurotypisches. Das Bild vom Kind, das gut mitmacht, sobald es kann, finde ich trotzdem wertvoll.

Zum Weiterlesen: Ross W. Greene, „Das explosive Kind“*. Website: livesinthebalance.org

Was wir davon mitnehmen können: Probleme lassen sich mit dem Kind lösen, nicht nur am Kind. Ein Beispiel für Plan B: „Mir ist aufgefallen, dass Zähneputzen gerade schwer ist, was ist da los?“ Erst zuhören, dann die eigene Sorge nennen, dann gemeinsam nach einer Lösung suchen.

Was ich mitnehme: Mir gefallen die drei Pläne. Das ist ganz einfach, um mir wieder bewusst zu machen, wo ich gerade unterwegs bin, wenn ich nicht weiterkomme. Bin ich bei Plan A, entscheide also allein? Manchmal mache ich das, ohne es zu merken. Und sobald es mir bewusst wird, kann ich gut umlenken und zu Plan B wechseln, wo ich gemeinsam mit dem Kind nach Lösungen suche.

Low Demand und Low Arousal (Ansprüche reduzieren - System nicht überfordern)

Woher es kommt. Zwei Dinge gehören zusammen. Die britische Psychologin Elizabeth Newson beschrieb in den 1980er-Jahren das PDA-Profil, einen starken, angstgetriebenen Widerstand gegen alltägliche Anforderungen. „Pathological Demand Avoidance“, heute oft gelesen als „Persistent Drive for Autonomy“. Darauf aufbauend hat die autistische Autorin Amanda Diekman mit „Low-Demand Parenting“ einen Elternansatz populär gemacht.

Die Grundidee. Low Demand ist keineswegs nur etwas für Kinder mit PDA-Profil, sondern für alle Kinder mit einem grossen Autonomiestreben, und das bringen viele neurodivergente Kinder mit. Bei ihnen löst schon die Anforderung selbst Widerstand aus, unabhängig davon, ob sie die Sache könnten oder sogar möchten. Low Demand senkt bewusst Anzahl und Wucht der Anforderungen und macht aus Befehlen Einladungen. Nicht für immer, sondern um das Nervensystem erst mal aus dem Daueralarm zu holen.

Was daran stark ist. Für Kinder mit starkem Autonomiestreben ist das oft der einzige Weg, der überhaupt funktioniert. Und es entlastet Eltern, die sich jahrelang gefragt haben, warum „normale“ Konsequenzen bei ihrem Kind alles nur eskalieren.

Wo die Grenzen liegen. Hier ecke ich regelmässig an, auch bei Fachpersonen. Der Vorwurf lautet, man erziehe sich mit so viel Nachgeben ein tyrannisches Kind heran. Dabei ist es genau umgekehrt. Mein Umgang ist nicht die Ursache für das Verhalten meiner Kinder. Ihre Neurodivergenz ist der Grund für meinen Umgang. Ehrlich bleibt trotzdem: Low Demand ist anspruchsvoll zu dosieren, und PDA ist nicht in allen Ländern eine offizielle Diagnose.

Verwandt: Low Arousal. Eng verwandt ist der Low-Arousal-Ansatz des britischen Psychologen Andrew McDonnell (Studio III). Er senkt gezielt Reize und Anspannung und setzt auf Nicht-Konfrontation, statt in einer angespannten Situation Druck aufzubauen. Ein zentraler Gedanke dabei: Auch ich als Erwachsene schaue zuerst auf mein eigenes Verhalten.

Verwandt: Declarative Language. Gut dazu passt die „Declarative Language“ von Linda Murphy, also eine Sprache, die beschreibt statt auffordert. „Ich sehe, deine Schuhe sind noch nicht an“ wirkt für ein Kind mit hohem Autonomiestreben oft völlig anders als „zieh die Schuhe an“.

Zum Weiterlesen: Amanda Diekman, „Low-Demand Parenting“*, Linda Murphy, „The Declarative Language Handbook“*. Websites: pdasociety.org.uk und studio3.org

Bei mir dazu: „Kleinkind hört nicht“.

Was wir davon mitnehmen können: Aus „räum jetzt dein Zimmer auf“ wird „ich fang mal an, die Legos einzusammeln, magst du mitmachen?“. Die Anforderung wird zur Einladung, der Druck sinkt. Weniger Anforderungen heisst dabei nicht weniger Erwartungen fürs Leben, sondern erst mal Ruhe ins System bringen.

Was ich mitnehme: Dass eine Anforderung meist aus ganz vielen kleinen Anforderungen besteht. „Zieh dich an“ sind unzählige Schritte: mit dem aufhören, was ich gerade mache, aufstehen, ins Zimmer gehen, den Schrank öffnen, Kleider aussuchen, den Pyjama ausziehen, die Kleider anziehen. Und schon „Kleider aussuchen“ ist wieder eine ganze Kette: überlegen, wie das Wetter ist, ob kurze Hose, lange Hose oder Jeans passt, die Hose im Schrank finden, verschiedene anschauen, überlegen, welche bequem ist, welche Farbe gerade gut aussieht, was als Nächstes ansteht, ob die Hose überhaupt dazu passt. Bei jedem einzelnen dieser Schritte kann ich Anforderungen senken. Also zum Beispiel nicht kommentieren, wenn mein Kind bei dreissig Grad eine lange Hose anzieht. Oder am Abend vorher gemeinsam herauslegen, was es anziehen könnte. Oder das Spiel fertig spielen lassen, bevor angezogen wird. So kann ich auf das Nervensystem Rücksicht nehmen, damit es nicht von zu vielen Anforderungen auf einmal überfordert wird. Reagiert mein Kind auf eine Anforderung mit einem der vier F, also Kampf (fight), Flucht (flight), Erstarren (freeze) oder Fawn (Beschwichtigen, also sich anpassen und es allen recht machen, um dem Stress zu entgehen), dann schaue ich, welche Anforderungen darin alle steckten, und welche davon gar nicht nötig waren.

Gefühle des Kindes begleiten, Aware Parenting

Woher es kommt. Aletha Solter ist eine schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin und Gründerin des Aware Parenting Institute. Bekannt wurde sie mit „Warum Babys weinen“.

Die Grundidee. Aware Parenting stützt sich auf drei Säulen. Bindung, gewaltfreie Begleitung und die heilende Wirkung von Weinen, Lachen und Spiel. Zuerst prüfst du immer alle echten Bedürfnisse. Weint ein Kind danach weiter, versteht sie dieses Weinen nicht als Problem, das man stoppen muss, sondern als Stressabbau, der in liebevoller Begleitung geschehen darf.

Was daran stark ist. Für hochsensible und gefühlsstarke Kinder, die schnell überladen sind, ist das ein befreiender Perspektivwechsel. Gefühle müssen nicht weggemacht werden, sie dürfen durchfliessen. Verwandt ist das Emotion Coaching von John Gottman, das in fünf Schritten zeigt, wie man Gefühle wahrnimmt, benennt und begleitet, statt sie zu übergehen.

Wo die Grenzen liegen. Der Gedanke, Weinen „zuzulassen“, wird leicht missverstanden und darf niemals mit dem alten „schreien lassen“ verwechselt werden. Gemeint ist das genaue Gegenteil, nämlich enge Begleitung. Manche Ideen sind wissenschaftlich weniger klar belegt, als die Literatur klingt. Dazu kommt: Bei neurodivergenten Kindern funktioniert die Interozeption, das Spüren der eigenen inneren Zustände, oft anders. Gerade deshalb lohnt es sich, bei den Gefühlen genau hinzuschauen und sie zu benennen, weil das Kind sein eigenes Innenleben vielleicht weniger klar liest.

Zum Weiterlesen: Aletha Solter, „Warum Babys weinen“*. Zum Emotion Coaching: John Gottman, „Kinder brauchen emotionale Intelligenz“*. Website: awareparenting.com

Bei mir dazu: „Ich kann mein Kind nicht mehr ertragen“.

Was wir davon mitnehmen können: Nicht jedes Weinen ist ein Problem, das gelöst werden muss. Manchmal ist es die Lösung. Ein Beispiel: Wenn dein Kind nach einem vollen Tag weint, obwohl „nichts passiert“ ist, das Weinen begleiten statt es abzustellen. Nah dranbleiben, Worte weglassen.

Was ich mitnehme: Solter habe ich gelesen, als mein erster Sohn gerade zur Welt gekommen war. Das half mir zu verstehen, dass ich nicht immer etwas tun muss, wenn er weint, sondern auch einfach da sein und ihn halten kann, manchmal mit Noise-Cancelling-Kopfhörern. Und bis heute finde ich es wichtig, dass Gefühle Raum haben dürfen, gerade Traurigkeit und Wut, die ich am liebsten schnell wieder weghätte. Mir hilft das auch in meiner eigenen Entwicklung, diesen beiden Gefühlen bei mir selbst mehr Raum und Beachtung zu schenken.

Selbstregulation: Self-Reg und der Whole-Brain-Ansatz

Woher es kommt. Zwei Namen prägen den Blick auf die Selbstregulation. Der kanadische Forscher Stuart Shanker mit seiner Self-Reg-Methode, und das Autoren-Duo Daniel Siegel und Tina Payne Bryson mit dem „Whole-Brain“-Ansatz.

Die Grundidee. Shanker dreht die Frage um. Statt „wie bekomme ich dieses Verhalten weg“ fragt er „welcher Stress steckt dahinter“. Sein Kernsatz: Ein Kind gibt dir keine schwere Zeit, es hat eine schwere Zeit. In fünf Schritten geht es darum, Stress zu erkennen und die Energie wieder aufzufüllen. Siegel und Bryson erklären dazu anschaulich, wie das obere und das untere Gehirn zusammenarbeiten, und geben Bilder wie „benenne es, um es zu zähmen“ und „erst verbinden, dann lenken“.

Was daran stark ist. Für neurodivergente Kinder, die schnell unter Strom stehen, ist dieser Blick entlastend. Er nimmt das Moralische aus dem Verhalten und macht daraus eine Frage von Anspannung und Energie. Und er gibt Eltern konkrete Bilder an die Hand, die im Alltag tragen.

Wo die Grenzen liegen. „Selbstregulation“ wird schnell zum Modewort, hinter dem sich sehr Unterschiedliches versteckt. Und manche Werkzeuge aus diesem Feld sind stark durchkommerzialisiert. Die „Zones of Regulation“ zum Beispiel, ein amerikanisches Programm mit vier Farbzonen für Gefühlszustände, gibt es vor allem als teures Material zu kaufen. Entspannter und kostenlos geht im deutschsprachigen Raum die Gefühls-Ampel: rot heisst stoppen und atmen, gelb heisst überlegen, grün heisst losgehen. Wichtig bleibt: Selbstregulation lernt ein Kind über Co-Regulation, nicht über ein Arbeitsblatt.

Zum Weiterlesen: Stuart Shanker, „Self-Reg“*, Daniel Siegel und Tina Payne Bryson, „The Whole-Brain Child“*. Kostenlos und deutsch: Gefühls-Ampel, oder Carolin Neustedt, „Selbstregulation für Kinder“*. Website: self-reg.ca

Was wir davon mitnehmen können: Verhalten zuerst als Stresssignal lesen, nicht als Absicht. Ein Beispiel: Dein Kind rastet an der Kasse aus. Statt „jetzt reiss dich zusammen“ fragst du dich, was heute alles Stress gemacht hat und wo du Reize rausnehmen kannst. Und du erinnerst dich: erst verbinden, dann lenken.

Was ich mitnehme: Regulation ist etwas, das man lernen kann. Klar, unsere Kinder regulieren sich nicht so schnell von selbst wie regulationsstarke Kinder. Doch das heisst nicht, dass sie in ihrer Regulation nicht besser werden können. Wir können sie auf diesem Weg begleiten und über Co-Regulation mit ihnen üben, sich selbst immer besser kennenzulernen und immer besser zu regulieren.

Brain-Body Parenting nach Mona Delahooke

Woher es kommt. Mona Delahooke ist klinische Psychologin aus den USA und arbeitet seit vielen Jahren mit Kindern mit Entwicklungsunterschieden und ihren Familien. Ihr Denken wurzelt im DIR/Floortime-Ansatz von Stanley Greenspan und Serena Wieder: entwicklungs- und beziehungsbasiert, dem Kind folgen statt es zu lenken. In „Beyond Behaviors“ und „Brain-Body Parenting“ übersetzt sie diese Sicht in den Familienalltag.

Die Grundidee. Delahooke unterscheidet einen „top-down“-Blick von einem „bottom-up“-Blick. Top-down meint Verhalten, das ein Kind bewusst steuert und plant. Bottom-up meint Reaktionen, die aus dem Körper kommen, ohne dass das Kind sie wählt: Stress, Überforderung, Sinnesreize. Ihr Kerngedanke: Vieles, was wie absichtliches Fehlverhalten aussieht, ist eine Stressreaktion, weil die soziale und emotionale Entwicklung an diesem Punkt noch nicht so weit ist. Dazu passt die Co-Regulation aus der Entwicklungs- und Bindungsforschung. Ein aufgewühltes Kind braucht kein gutes Argument, sondern ein Gegenüber, an dem sich sein System beruhigen kann. Die Forschung zur sozialen Pufferung zeigt, wie stark die Nähe einer vertrauten Bezugsperson die Stressreaktion eines Kindes dämpft (Hostinar, Sullivan und Gunnar, 2014). Erst reguliert sich das Kind über dich, mit der Zeit lernt es, sich selbst zu regulieren.

Was daran stark ist. Gerade neurodivergente Kinder wechseln oft schnell in den Schutzmodus. Dann hilft kein Erklären mehr. Diese Brille nimmt Eltern den Selbstvorwurf, wenn Reden im Ausnahmezustand nichts bringt. Sie zeigt auch, wie wichtig die eigene Regulation ist. Delahooke schlägt eine sehr praktische Brücke zwischen Forschung und Küchentisch und schaut auf Stärken statt auf Schwierigkeiten.

Wo die Grenzen liegen. Delahooke stützt ihre Erklärungen stark auf die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Deren anatomische und evolutionäre Annahmen sind fachlich stark umstritten (Grossman, 2023). Ihre praktischen Ideen tragen auch ohne dieses Modell, weil sie auf genauer Beobachtung im Alltag aufbauen. Und der bottom-up-Blick braucht Übung, weil er der eingeübten Reflexfrage „wie stelle ich das ab“ entgegensteht.

Zum Weiterlesen: Mona Delahooke, „Brain-Body Parenting“* und „Beyond Behaviors“. Website: monadelahooke.com

Was wir davon mitnehmen können: Verhalten ist oft kein Wollen, sondern ein Körperzustand. Am Zustand ansetzen, nicht am Verhalten. Ein Beispiel: Bevor du fragst „warum machst du das“, fragst du „in welchem Zustand ist mein Kind gerade“: ruhig und erreichbar oder im Schutzmodus. Wenn dein Kind tobt und du merkst, wie du selbst hochfährst, fährst du zuerst dein eigenes System runter, atmest langsamer und wirst leiser. Dann kann sich dein Kind an dir mitregulieren.

Was ich mitnehme: Delahooke stellt die Frage: Was ist Verhalten überhaupt? Eine beobachtbare Antwort auf innere und äussere Erfahrungen. Das äussere Zeichen für innere Vorgänge. Darunter liegt ganz viel: Emotionen, das Warum, die Fähigkeit zu planen und umzusetzen, innere Körperprozesse, der Entwicklungsstand, die soziale und emotionale Entwicklung, Erinnerungen, Gedanken, Ideen, Sinnesreize, die im Körper und im Gehirn verarbeitet werden. Ihr Satz, der bei mir hängen geblieben ist: Wir schauen oft auf das falsche Ziel. Die Frage ist nicht, wie ich das Verhalten wegbekomme, sondern was ich überhaupt anschaue.

Spielbasierte / spielerische Begleitung

Woher es kommt. Der amerikanische Psychologe Lawrence J. Cohen hat mit „Playful Parenting“ das Spiel zur Brücke gemacht. Verwandt ist die Arbeit von Patty Wipfler (Hand in Hand Parenting), die ebenfalls stark auf Spiel und Zuhören setzt.

Die Grundidee. Kinder verarbeiten die Welt im Spiel, nicht im ernsten Gespräch. Statt einen Konflikt frontal zu lösen, gehst du ins Spiel, ins Alberne, ins Toben, und löst so Anspannung, Nähe und Kooperation aus. Lachen entlädt Stress ähnlich wie Weinen.

Was daran stark ist. Für manche neurodivergente Kinder wirkt der spielerische Weg dort, wo Worte längst nicht mehr ankommen. Er umgeht den Machtkampf und stellt Verbindung her, ohne zu fordern.

Wo die Grenzen liegen. Spielerisch sein lässt sich schlecht auf Knopfdruck, gerade wenn du selbst erschöpft oder gereizt bist. Und nicht jedes Kind mag in jeder Situation ins Spiel gehen. Für manche ist im Ausnahmezustand Reizarmut wichtiger als Albernheit.

Zum Weiterlesen: Lawrence J. Cohen, „Playful Parenting“*. Website: handinhandparenting.org

Bei mir dazu: „Streit unter Geschwistern“.

Was wir davon mitnehmen können: Verbindung geht auch über Spiel, nicht nur über Reden. Ein Beispiel: Statt beim Anziehen zu drängeln, machst du ein Spiel daraus, die Socke „verschwindet“ und taucht am falschen Fuss wieder auf. Oft kippt die Stimmung, und plötzlich geht es.

Was ich mitnehme: Ich versuche, spielerisch zu sein, wann immer etwas schwierig ist und ich noch Energie habe. So werfe ich mich manchmal verzweifelt auf den Boden, wenn die Kinder schon wieder streiten und drohen, aufeinander loszugehen. Oder ich spreche mit einer Comic-Stimme für die Zahnbürste: „Nimm mich ja nicht in den Mund.“ Und plötzlich putzt der Vierjährige die Zähne wie von selbst.

Bewusste Elternschaft (Conscious Parenting)

Woher es kommt. Die Psychologin Shefali Tsabary hat mit „The Conscious Parent“ einen Ansatz bekannt gemacht, der den Blick umdreht, weg vom Kind, hin zu uns Eltern.

Die Grundidee. Vieles, was uns an unseren Kindern triggert, hat mit uns selbst zu tun, mit unserer eigenen Kindheit und unseren Prägungen. Bewusste Elternschaft lädt ein, diese eigenen Muster anzuschauen, statt sie unbemerkt weiterzugeben. Das Kind wird nicht zum Projekt, sondern beinahe zur Einladung, an sich selbst zu wachsen.

Was daran stark ist. Gerade bei neurodivergenten Kindern, die uns oft an unsere Grenzen bringen, ist dieser Blick nach innen enorm wertvoll. Wenn ich meine eigenen Trigger kenne, reagiere ich weniger aus dem Reflex und mehr aus der Ruhe.

Wo die Grenzen liegen. Der Ansatz kann ins Gegenteil umschlagen, wenn Eltern beginnen, sich für jede eigene Reaktion zu verurteilen. Es geht nicht um Selbstoptimierung und nicht um Schuld, sondern um ein freundliches Hinschauen. Und die eigene innere Arbeit ersetzt keine konkreten Werkzeuge für den Alltag.

Zum Weiterlesen: Shefali Tsabary, „The Conscious Parent“*. Website: drshefali.com

Was wir davon mitnehmen können: Bevor ich das Verhalten meines Kindes bewerte, kurz innehalten und schauen, was es gerade in mir auslöst und warum. Ein Beispiel: Wenn mich das Trödeln meines Kindes auf die Palme bringt, steckt oft mein eigener Stress mit Pünktlichkeit dahinter, nicht das Kind.

Was ich mitnehme: Ich schaue meine eigenen Trigger an, immer wieder neue und immer wieder dieselben. Eine der deutschen Elternratgeber-Autorinnen, vielleicht war es Nora Imlau, hat einmal sinngemäss gesagt, ein gefühlsstarkes Kind sei wie eine Therapie, nach der man nie gefragt hat. In meinen Begleitungen liegt hier ein grosser Fokus. Ich halte mich dabei nicht an Tsabary, sondern schöpfe aus ganz vielen verschiedenen Lehren, aus der Psychologie und aus Coachingtools.

Der neurodiversitätsbejahende Ansatz

Woher es kommt. Weniger eine einzelne Methode, mehr eine Haltung und eine Bewegung, getragen von autistischen und anderen neurodivergenten Selbstvertreter:innen. Den Begriff Neurodiversität prägte die Soziologin Judy Singer. Die Bewegung versteht sich als Gegenentwurf zu Verfahren wie ABA (Applied Behavior Analysis), im Deutschen oft mit Verhaltenstherapie gleichgesetzt, obwohl das nicht dasselbe ist.

Die Grundidee. Neurodivergenz ist keine Störung, die repariert werden muss, sondern eine natürliche Variante des Menschseins und ein Teil der Identität. Nicht das Kind soll an die Welt angepasst werden, sondern die Umgebung so gestaltet werden, dass unterschiedliche Gehirne gut darin leben können.

Was daran stark ist. Diese Haltung schützt Kinder vor Masking, also davor, ihr natürliches Verhalten zu unterdrücken, um normal zu wirken. Sie rückt das Kind vom Objekt der Behandlung zum Subjekt mit eigener Stimme. Das ist genau die Bewegung, für die ich stehe.

Wo die Grenzen liegen. Über ABA wird oft gesagt, es sei der einzige wissenschaftlich belegte Ansatz, der bei Neurodivergenz „wirklich hilft“. Genau das lohnt sich zu hinterfragen. Viele autistische Erwachsene berichten von Anpassungsdruck und belastenden Erfahrungen, und der Ansatz zielt darauf, Verhalten an eine neurotypische Norm anzupassen, statt zu fragen, wozu ein Verhalten dient. Der bejahende Ansatz ist stark in der Haltung, aber als Bewegung nicht immer konkret in der Frage, was du am Dienstagmorgen im Badezimmer machst. Am fruchtbarsten wird es, wenn man die Haltung mit konkreten Werkzeugen aus den anderen Ansätzen verbindet.

Zum Weiterlesen: Für dich als Elternteil, um dein Kind zu verstehen: Barry M. Prizant, „Uniquely Human“*. Um Masking zu verstehen (eher für Erwachsene): Devon Price, „Unmasking Autism“*. Website: reframingautism.org.au. Zur ABA-Kritik auf Deutsch: autismus-kultur.de

Was wir davon mitnehmen können: Nicht das Kind an die Welt anpassen, sondern die Umgebung so gestalten, dass das Kind es selbst sein darf. Ein Beispiel: Statt einem Kind das Handflattern abzugewöhnen, dieses „Stimming“ als Selbstregulation verstehen und Raum dafür lassen. Das Verhalten ist Hilfe, nicht Störung.

Was ich mitnehme: Ich überlege, ob ich an mein Kind neurotypische Erwartungen habe, was den Umgang mit einer Situation betrifft. Wenn ja, kommen wir auf keinen grünen Zweig, ausser mein Kind verbiegt sich und lernt vielleicht Wege, die für es selbst nicht hilfreich sind und die es später mühsam wieder verlernen muss. Besser frage ich, wie sich alles unter einen Hut bringen lässt. Wenn ein Kind zum Beispiel rasch überreizt ist, finde ich nicht, es müsse sich mehr zusammenreissen, sondern schaue, wo der Raum ist, in dem es sich regulieren kann. Tatsächlich frage ich meinen Grossen manchmal, wenn sein Verhalten zeigt, dass er überreizt ist: „Kannst du dich noch zusammenreissen, oder sollen wir...“, zum Beispiel rausgehen, nach Hause gehen, dir ein Hörbuch einstellen.

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Die Ansätze auf einen Blick

AnsatzWer dahinterstehtKern in einem SatzHilfreich beiSchwäche
BedürfnisorientiertSears, Nora Imlau, Susanne Mierau, Danielle Graf, Inke HummelSignale wahrnehmen und verlässlich darauf reagierenintensiven, schwer lesbaren Bedürfnissenwenig zu Bedürfniskonflikten
Bindungsorientiert / artgerechtBowlby, Ainsworth, Neufeld, Maté, Nicola Schmidtsichere Bindung als Basis für alles WeitereKindern, die schnell in Stress geratengrosse Überschneidung, Druck auf Eltern
GleichwürdigkeitJesper JuulKind als vollwertigen Menschen ernst nehmenKindern, die Respekt fein spürenstark in Haltung, wenig Technik
Gentle / UnconditionalAlfie Kohnbedingungslose Zuwendung statt Lob und StrafeKindern, die viel Ablehnung erlebenverwässerter Sammelbegriff
Kommunikation, gewaltfreie ErziehungFaber, Mazlish, Rosenberg, AldortGefühle anerkennen, einladen statt befehlenEltern, die Formulierungen suchenkann mechanisch wirken
Collaborative and Proactive SolutionsRoss W. Greenefehlende Fähigkeiten gemeinsam lösen (Plan B)Konflikten mit gesprächsfähigem Kindlagging skills recht defizitorientiert
Low Demand und Low ArousalNewson, Diekman, McDonnellAnforderungen und Reize senken, Druck rausnehmenstarkem Autonomiestreben, PDAanspruchsvoll zu dosieren
Aware Parenting, Gefühle begleitenAletha Solter, John GottmanGefühle inklusive Weinen begleitet durchfliessen lassengefühlsstarken, schnell überladenen Kindernteils schwach belegt
Selbstregulation: Self-Reg, Whole-BrainStuart Shanker, Siegel, BrysonVerhalten als Stress lesen, Energie auffüllenKindern, die schnell unter Strom stehenModewort, teils kommerzialisiert
Brain-Body ParentingDelahooke, GreenspanVerhalten als Zustand des Nervensystems lesenKindern, die schnell in den Alarm kippenstützt sich auf umstrittenes Polyvagal-Modell
Spielbasierte BegleitungLawrence CohenVerbindung und Kooperation über das SpielKindern, bei denen Worte nicht ankommenschwer auf Knopfdruck
Bewusste ElternschaftShefali Tsabaryeigene Trigger anschauen statt am Kind arbeitenEltern, die sich selbst reflektieren wollenkann in Selbstverurteilung enden
NeurodiversitätsbejahendJudy Singer, Devon PriceUmgebung anpassen statt Kind reparierenSchutz vor Masking, Selbstbestimmungwenig konkrete Alltagswerkzeuge

Wie findest du den für euch passenden Ansatz in der Elternschaft?

Durch Ausprobieren. Du liest dich in einen Ansatz ein, wenn er für dich gut klingt, du testest ihn (einmal bis) ein paar Wochen, du behältst, was bei euch passt, und lässt den Rest liegen. Trial and error, ohne schlechtes Gewissen. Manchmal passt ein Ansatz auf Anhieb erstaunlich gut. Viel öfter ist es eine Mischung, weil kein Kind sich an die Kapitelgrenzen eines Buches hält.

Du musst dich also nicht für ein Lager entscheiden. Du darfst dir aus mehreren Landkarten die Wege heraussuchen, die zu deinem Kind und zu euch passen. Und wenn du magst, kannst du die lösungsorientierte Elternschaft ausprobieren, die ich aus all dem für neurodivergente Kinder zusammengestellt habe.

Meine lösungsorientierte Begleitung

Aus all diesen Landkarten ist über die Jahre mein eigener Weg gewachsen, für sensible, gefühlsstarke, wilde und neurodivergente Kinder. Ich nenne ihn lösungsorientierte Begleitung, der Name ist noch nicht endgültig. Kein Ansatz hat die ganze Wahrheit, und du musst dich auch nicht für einen entscheiden wie für eine Religion. Sie beleuchten dasselbe Kind aus verschiedenen Winkeln, und ich nehme mir aus jedem, was trägt.

Ich finde es absolut zentral, dass man sich überall das mitnimmt was passt und den Rest ohne schlechtes Gefühl liegen lässt.

Wie das konkret aussieht? Ich begegne meinem Kind von Anfang an als ganzem Menschen, auf Augenhöhe. Ich muss es nicht erst zu jemandem machen, es ist schon jemand. Und ich bleibe auf seiner Seite, auch wenn das Verhalten gerade schwierig ist.

Wenn mein Kind etwas nicht kann, frage ich zuerst, was gerade zu viel ist, statt anzunehmen, es wolle einfach nicht. Ein Wutausbruch, ein Verweigern, ein Rückzug ist für mich ein Signal, dass das Nervensystem überläuft oder dass eine Fähigkeit gerade noch fehlt. Nicht Trotz.

Und dann wähle ich, was der Moment braucht. Mal nehme ich Anforderungen raus, wenn das System schon im Alarm ist. Mal löse ich ein Problem gemeinsam mit dem Kind, statt über seinen Kopf hinweg. Mal benenne ich zuerst das Gefühl, bevor ich überhaupt an eine Lösung denke. Und oft fahre ich zuerst mein eigenes System runter, damit sich mein Kind an mir beruhigen kann. Meine eigenen Trigger schaue ich mir dabei immer wieder an, damit ich nicht aus dem Reflex reagiere und alte Muster weitergebe.

Was ich nicht mehr mache, ist die alte Frage „wie stelle ich dieses Verhalten ab“. Die Bewegung geht bei mir immer in dieselbe Richtung. Verstehen statt korrigieren, Beziehung statt Kampf, und von „wie stelle ich das ab“ hin zu „was braucht dieses Gehirn“. Wenn etwas zur Familie und zum Kind passt, dann darf es so sein.

Und dann kommt der Satz, den ich am häufigsten sage, weil er dich vor jedem Ansatz-Dogma schützt. Kennst du ein Kind, kennst du ein Kind. Kein Modell dieser Welt ersetzt deinen Blick auf dein eigenes Kind. Die Ansätze sind Landkarten. Das Kind vor dir ist das Gelände.

Wenn Karte und Gelände sich widersprechen, hat das Gelände recht.

Wo bekomme ich Unterstützung, wenn es bei uns immer wieder schwierig wird?

Lesen hilft beim Verstehen. Im eigenen Alltag umsetzen ist der schwierigere Teil und genau dabei begleite ich Eltern.

In einer Einzelsession schauen wir auf euer Kind und euren Alltag und suchen aus den Landkarten das heraus, was bei euch wirklich trägt. Wenn dir Schreiben leichter fällt als ein Termin, begleite ich dich auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.

Manchmal ist es einfacher, zuerst ein paar Sätze aufzuschreiben. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Wir schauen dann gemeinsam, welches Angebot zu dir und deiner Familie passt.

Häufige Fragen

Was bedeutet es, ein neurodivergentes Kind zu begleiten?

Begleiten heisst, das Kind zu verstehen statt sein Verhalten zu korrigieren. Statt zu fragen „wie stelle ich das ab“, fragst du „was braucht dieses Kind gerade“. Du passt Umgebung und eigene Reaktion an das Nervensystem und die Bedürfnisse deines Kindes an, statt das Kind an eine Norm anzupassen.

Welche Erziehung ist die beste für neurodivergente Kinder?

Es gibt nicht den einen besten Ansatz. Kennst du ein Kind, kennst du ein Kind. Am hilfreichsten ist meist eine Kombination aus würdevoller Haltung, Verständnis fürs Nervensystem und konkreten Werkzeugen, abgestimmt auf dein Kind und durch Ausprobieren gefunden.

Warum funktionieren Strafen und Belohnungen bei neurodivergenten Kindern oft nicht?

Weil sie am Verhalten ansetzen, nicht an der Ursache. Sie gehen davon aus, dass ein Kind will und nur nicht tut. Bei neurodivergenten Kindern fehlt oft die Fähigkeit, nicht der Wille. Im schlechtesten Fall trainieren Strafen und Belohnungen Masking an, also das Verstecken des eigenen Verhaltens, was langfristig der psychischen Gesundheit schadet.

Was ist der Unterschied zwischen logischen und natürlichen Konsequenzen?

Logische Konsequenzen denken wir Eltern uns aus, damit das Kind etwas lernt. Sie sind meist Strafen im netten Mantel. Natürliche Konsequenzen sind ohne unser Zutun einfach da. Nimmst du keinen Schirm mit, wirst du nass. Nur die natürliche Konsequenz hat wirklich mit der Sache zu tun.

Was ist Low Demand Parenting?

Low Demand Parenting bedeutet, Anzahl und Wucht der Anforderungen an ein Kind bewusst zu senken, um sein Nervensystem aus dem Daueralarm zu holen. Der Ansatz stammt von Amanda Diekman und eignet sich für Kinder mit starkem Autonomiestreben, nicht nur für das PDA-Profil. Er ist nicht als dauerhafter Zustand ganz ohne Erwartungen gemeint.

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