Ich begleite verschiedene Eltern mit ADHS-Kindern und ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie Tools den einen Kindern unglaublich viel helfen und für andere alles noch schwieriger macht. Das eine kann mit dem Time Timer (Wecker, wo man sieht wie die Zeit abläuft) die Zeit viel besser einschätzen, ein anderes kann damit nichts anfangen und es fühlt sich gestresst, wenn es sieht wie die Zeit verrinnt. Anderen hilft eine Bilderreihe am Kühlschrank, damit der Morgen funktioniert oder Kleider am Abend zurechtzulegen. Während dies gewisse Kinder völlig aus dem Konzept bringen kann und sie sich bevormundet fühlen oder überfordert, wenn sie am Abend schon wissen sollen, was sie morgens anziehen.

ADHS ist nicht gleich ADHS und kennst du ein Kind mit ADHS, kennst du ein Kind mit ADHS.

Hast du dich auch schon gewundert, wenn total einleuchtende Tipps bei deinem Kind keine Wirkung zeigen? Vielleicht habt ihr es falsch gemacht? Nicht genug konsequent durchgezogen?

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht und die Strategie passt einfach nicht zu deinem Kind. Darum sage ich immer wieder, Elternschaft ist Trial and Error (also ausprobieren und Fehler machen), egal ob du ein neurodivergentes, gefühlsstarkes, sensibles, wildes oder gar neurotypisches Kind hast.

Im Februar 2026 ist in JAMA Psychiatry eine Studie erschienen, die zu dieser Frage etwas beiträgt. Nicht die ganze Antwort, aber ein Stück davon.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine im Februar 2026 in JAMA Psychiatry veröffentlichte Hirnstudie mit 1154 Kindern beschreibt drei Untergruppen von ADHS: eine schwere kombinierte Form mit Schwierigkeiten in der Emotionsregulation, eine vorwiegend hyperaktiv-impulsive und eine vorwiegend unaufmerksame.
  • Die Gruppen entstanden allein aus Hirndaten, ohne dass ein einziges Symptom in die Berechnung einfloss, und decken sich trotzdem grob mit den Erscheinungsbildern, die klinisch längst beschrieben sind.
  • Schwierigkeiten in der Emotionsregulation prägen eine der drei Gruppen, obwohl sie in den offiziellen Diagnosekriterien für ADHS gar nicht vorkommen.
  • Über vier Jahre hinweg blieben diese Schwierigkeiten in dieser Gruppe bestehen, während sie in den beiden anderen deutlich zurückgingen.
  • Kein Hirnscan kann ein einzelnes Kind heute einer dieser Gruppen zuordnen, und die Studie sagt nichts darüber, welche Strategie bei welchem Kind wirkt.

Was die Forschenden anders gemacht haben

Bisherige Versuche, ADHS zu unterteilen, gingen fast immer vom Verhalten aus. Man nimmt Fragebögen, schaut, welche Symptome zusammen auftreten, und bildet daraus Gruppen. Das Problem daran: Am Ende hat man meistens einfach Kinder mit vielen Symptomen und Kinder mit wenigen Symptomen sortiert, nicht wirklich verschiedene Arten von ADHS. Und auch problematisch finde ich mit dieser Einteilung, dass es immer vom Vergleich ausgeht zu einem neurotypischen Verhalten. Ich weiss, man braucht etwas, womit man vergleichen kann. Dennoch finde ich diesen Ausgangspunkt problematisch.

Diese Gruppe ist umgekehrt vorgegangen. Sie hat zuerst nur die Gehirne angeschaut.

Aus jeder MRT-Aufnahme haben die Forschenden ein Netzwerk gebaut, das beschreibt, wie ähnlich sich verschiedene Hirnregionen in ihrem Aufbau sind. Regionen, die sich strukturell ähneln, gelten in diesem Netzwerk als verbunden, auch wenn sie räumlich weit auseinanderliegen. Dann haben sie geschaut, welche Regionen in diesem Netzwerk als Knotenpunkte fungieren, also besonders viel mit anderen zu tun haben.

Und hier kommt der Teil, den ich am hilfreichsten finde, um das Ganze einzuordnen. Die Forschenden haben nicht einfach „ADHS-Gehirne“ mit „neurotypischen Gehirnen“ verglichen. Sie haben zuerst aus den Daten der Kinder ohne ADHS eine Normkurve berechnet, ähnlich wie die Perzentilkurven für Grösse und Gewicht beim Kinderarzt. Danach liess sich für jedes einzelne Kind sagen, wo es auf dieser Kurve liegt.

Somit gilt auch hier: Es wurde eine Norm erstellt von neurotypischen Gehirnen und dann wurden die ADHS-Gehirne damit verglichen.

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Die drei Gruppen

Aus dieser Rechnung fielen drei Gruppen heraus.

Gruppe 1 (142 Kinder): Die stärkste Ausprägung in der Emotionsregulation. Die Abweichungen zeigten sich breit verteilt, vor allem zwischen dem medialen präfrontalen Kortex und dem Pallidum, einer Struktur tief im Gehirn, die an der Steuerung von Handlungen und Gefühlen beteiligt ist. Diese Gruppe hatte die höchsten Werte sowohl bei Unaufmerksamkeit als auch bei Hyperaktivität und Impulsivität.

Gruppe 2 (177 Kinder): Vorwiegend hohe Werte bei Hyperaktivität und Impulsivität. Hier lagen die Abweichungen im Schaltkreis zwischen dem anterioren cingulären Kortex und dem Pallidum.

Gruppe 3 (127 Kinder): Vorwiegend hohe Werte bei Unaufmerksamkeit. Hier zeigte sich vor allem der obere Stirnwindungsbereich anders als in der Vergleichsgruppe.

Wenn dir das bekannt vorkommt, dann liegt das daran, dass es bekannt ist. Das entspricht ungefähr dem, was man klinisch seit Jahrzehnten als unaufmerksames, hyperaktiv-impulsives und kombiniertes Erscheinungsbild beschreibt. Nicht eins zu eins, aber grob.

Was jedoch spannend ist, ist dass die Einteilung über die Gehirne gemacht wurde und erst dann mit Werten aus Fragebogen verglichen wurde. Das ist ein Hinweis darauf, dass diese Unterschiede nicht nur Beschreibungssache sind, sondern etwas Biologisches abbilden.

Welche Ausprägungen zeigen sich bei den ADHS Typen?

Es wurden hauptsächlich die Punkte Emotionsregulation, Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit angeschaut. Spannend finde ich, dass die erste Gruppe in allen Werten hoch war und dort auch insbesondere die Emotionsregulation auffällig war. Wenn du ein solches ADHS-Kind zuhause hast, dann kennst du bestimmt alle diese Punkte.

Die Emotionsregulation bekommen wir zu spüren, wenn das Pausenbrot falsch geschnitten wurde. Die Impulsivität, wenn das Kind mitten im Satz aufspringt und etwas anderes tun möchte. Die Hyperaktivität, wenn es nicht eine ganze Mahlzeit lang mit uns am Tisch sitzen kann und die Unaufmerksamkeit wenn es die Hausaufgaben nicht zu Ende bringt, weil es sich immer wieder von etwas Neuem ablenken lässt.

Wenn dein Kind also zur ersten Gruppe gehört, so zeigt es vielleicht alle diese Verhaltensweisen. Gehört es zur zweiten Gruppe dann kann es mit dem krumm geschnittenen Brot vielleicht sehr gut umgehen, obschon es sich darüber ärgert und bringt auch seine Hausaufgaben zu Ende.

Das Kind aus der dritten Gruppe wird häufig als verträumt beschrieben. Es ist in seiner Welt, bringt die Hausaufgaben zwar nicht zu Ende, sitzt aber das ganze Essen mit am Tisch und hängt seinen spannenden Gedanken nach.

Und natürlich können alle ADHS-Kinder von allen Ausprägungen welche zeigen. Zwischen den Gruppen gibt es keine absolut klare Abgrenzung.

Solange es noch nicht besser geht, hilft es, den eigenen Zustand im Blick zu behalten. „Dein Gelassenheits-Kompass“ bei den kleinen Hilfen für den Alltag ist kostenlos und dafür gemacht.

Wann geht das mit der Emotionsregulation endlich besser?

Spannend fand ich, dass in der Studie gefunden wurde, dass Kinder der Gruppe 2 und 3 die Emotionsregulation mit den Jahren deutlich stärker wurde, während dieser Punkt für die Kinder der Gruppe 1 herausfordernder blieb.

Ich lese das so, und diesen Teil sage jetzt ich, nicht die Studie: Wenn das Kind der Nachbarin mit ADHS mit zehn plötzlich viel ausgeglichener wird und deins mit zehn immer noch bei jedem Nein durch die Decke geht, dann ist das kein Zeichen dafür, dass die Nachbarin etwas kann, was du nicht kannst. Es kann schlicht ein anderer Verlauf sein.

Wie ihr bis dahin mit den heftigen Momenten umgehen könnt, schauen wir in einer Kurz-Session an euren Situationen an.

Was diese Studie nicht sagt

Und jetzt der Teil, den die meisten Artikel zu dieser Studie weglassen.

Kein Hirnscan kann dein Kind einordnen. Diese Gruppen sind aus Hunderten von Datensätzen berechnet worden. Für ein einzelnes Kind in der Praxis gibt es kein Verfahren, das sagen könnte, in welche Gruppe es gehört.

Die Unterschiede sind kleiner, als die Schlagzeilen klingen. Die Symptomwerte zwischen den drei Gruppen unterscheiden sich statistisch nachweisbar, aber die Gruppenzugehörigkeit erklärt nur rund anderthalb Prozent der Unterschiede zwischen den Kindern.

Ein Teil liess sich nicht bestätigen. In der zweiten, unabhängigen Stichprobe zeigten sich die Unterschiede bei Hyperaktivität und Impulsivität wieder. Die Unterschiede bei der Unaufmerksamkeit nicht.

Die Forschenden selbst bremsen. Sie schreiben, dass ihre Gruppen möglicherweise gar keine sauber getrennten Kategorien sind, sondern besonders markante Punkte auf einem fliessenden Übergang. Ich finde das eine bemerkenswert ehrliche Formulierung für ein Paper, das man auch lauter hätte verkaufen können.

Zu Erziehung, Begleitung oder Strategien steht kein einziges Wort drin. Die Studie schaut Gehirne an, nicht Familien. Alles, was jemand daraus über Erziehungstipps ableitet, ist Interpretation. Meine oben eingeschlossen.

Was ich daraus mitnehme

Es gibt einen Satz, den ich immer wieder sage: Wenn du ein Kind kennst, kennst du ein Kind.

Diese Studie widerlegt das nicht, sie unterfüttert es. Denn wenn schon innerhalb einer einzigen Diagnose messbar verschiedene Muster im Gehirn stecken, dann ist die Suche nach der einen richtigen Methode ziemlich sicher die falsche Suche.

Nicht: welche Strategie ist die beste. Sondern: welche Strategie passt zu diesem Kind, in dieser Familie, in dieser Woche.

Das ist unbequemer, weil es bedeutet, dass dir niemand die Arbeit des Ausprobierens abnimmt. Es ist gleichzeitig entlastend, weil es erklärt, warum die Liste aus dem Ratgeber bei euch nicht funktioniert hat.

Und magst du mir sagen, welche der drei Beschreibungen deinem Kind am nächsten kommt? Es interessiert mich wirklich, wie ihr euch darin wiederfindet.

Quelle

Pan, N., Long, Y., Qin, K., Pope, I. Z., Chen, Q., Zhu, Z., Cao, Y., Li, L., Singh, M. K., McNamara, R. K., DelBello, M. P., Chen, Y., Fornito, A., & Gong, Q. (2026). Mapping ADHD Heterogeneity and Biotypes by Topological Deviations in Morphometric Similarity Networks. JAMA Psychiatry, 83(5), 478–490. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2026.0001

Was tun, wenn die Tipps bei unserem Kind nicht funktionieren?

Genauer hinschauen, was hinter dem Verhalten steckt. Dann lässt sich eine Lösung finden, die zu euch passt.

Wenn du mit deinem ADHS-Kind gerade nicht weiterkommst oder erschöpft bist von der vielen Co-Regulation, schauen wir gemeinsam auf euren Alltag. In einer Einzelsession geht es um das, was bei euch gerade am meisten Kraft kostet, auch um deine eigene Erschöpfung. Wenn dir Schreiben leichter fällt, geht das auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.

Welches Angebot zu dir passt, klären wir auch gerne per Mail. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt mit ein paar Sätzen zu dem, was euch gerade beschäftigt.