von Goni Boller

Vielleicht hast du bereits meinen Artikel über ADHS im Familienalltag gelesen, mit konkreten Strategien für Morgenroutine, Hausaufgaben, Co-Regulation und die Frage nach Medikation. In diesem Artikel hier geht es um etwas anderes: Es geht um das Verstehen. Darum, was ADHS auf neurologischer Ebene eigentlich ist, warum dein Kind sich so verhält, wie es sich verhält und warum dieses Wissen die Art verändert, wie du dein Kind begleitest.

Wie sich ADHS (oder ein vermutetes ADHS) im Alltag zeigen kann, das kennst du vielleicht aus deiner eigenen Familie, von deinen Kindern und möglicherweise sogar aus deinem eigenen Erleben. Jedoch ist es ebenfalls wichtig zu verstehen, welche Mechanismen dahinter stecken. Dieses Wissen kann helfen, unsere Kinder besser zu verstehen und zu begleiten sowie selbst geduldiger mit den Besonderheiten zu werden.

Was ADHS ist und was es nicht ist

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Den Namen finde ich ungünstig, denn direkt im Name ist diese besondere Art, wie ein Gehirn funktioniert als "Defizit" und "Störung" definiert. Im Vergleich zu der Funktion eines "neurotypischen" Gehirns. Gehen wir jedoch davon aus, dass es völlig normal ist, das Gehirne unterschiedlich funktionieren und jede Weise zu funktionieren ihre Vor- und Nachteile hat, so wäre ein neutralerer Blick auf die Besonderheit sinnvoller.

Problematisch ist der Name jedoch nicht nur, weil das Wort «Störung» suggeriert, es sei etwas kaputt. Sondern auch, weil «Aufmerksamkeitsdefizit» den Kern nicht trifft. Menschen mit ADHS haben kein generelles Defizit an Aufmerksamkeit. Sie können sich - unter bestimmten Bedingungen - intensiver konzentrieren als die meisten anderen. Was tatsächlich abweicht, ist die Steuerung der Aufmerksamkeit: Wohin sie geht, wann sie wechselt und wie bewusst das geschieht.

ADHS ist eine neurobiologische Variante der Gehirnentwicklung und somit weder eine Erziehungsfrage noch eine Modediagnose. Zwar hat unser Umfeld einen grossen Einfluss auf Ausprägungen von Neurodivergenzen und darauf, wie gut wir zurechtkommen, doch entsteht ADHS auch nicht durch zu viel Bildschirmzeit. ADHS ist seit den 1960er Jahren dokumentiert, in allen Kulturen nachweisbar und gehört zu den am besten erforschten neurologischen Besonderheiten überhaupt.

Was ADHS betrifft, sind vor allem drei Bereiche:

Die Aufmerksamkeitsregulation: Die Fähigkeit, den Fokus willentlich zu lenken und zu halten, auch wenn eine Aufgabe nicht von sich aus spannend ist.

Die Impulskontrolle: Die Fähigkeit, zwischen Reiz und Reaktion einen Moment innezuhalten.

Die exekutiven Funktionen: Die übergeordneten Steuerungsprozesse im Gehirn: Planen, Priorisieren, Anfangen, Dranbleiben, Aufhören, Zeitgefühl, Arbeitsgedächtnis.

In der aktuellen Diagnostik (ICD-11 und DSM-5) wird ADHS in drei Erscheinungsformen unterteilt: vorwiegend unaufmerksam (das, was früher als ADS bezeichnet wurde), vorwiegend hyperaktiv-impulsiv, und kombiniert. Die Unterscheidung zwischen ADS und ADHS ist medizinisch überholt, es handelt sich um verschiedene Präsentationen derselben neurologischen Variante. Die unaufmerksame Form wird allerdings nach wie vor massiv unterdiagnostiziert, insbesondere bei Mädchen und Frauen.

Sind ADHSler nicht alle "Zappelphilipp"?

Der «Zappelphilipp» aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter (1845) ist vermutlich die älteste literarische Beschreibung von ADHS-ähnlichem Verhalten und gleichzeitig das hartnäckigste Missverständnis. ADHS ist nicht «Zappeln». Viele Kinder mit ADHS sitzen still und träumen, andere sind motorisch unruhig, aber nicht im Sinne von «kann nicht stillsitzen», sondern im Sinne von: das Nervensystem braucht Bewegung, um überhaupt denken zu können. Und wieder andere zappeln gar nicht, sondern reden viel, schnell, ohne Punkt und Komma. Das Bild vom Zappelphilipp beschreibt einen kleinen Ausschnitt einer Präsentationsform und blendet alles aus, was ADHS tatsächlich ausmacht.

Was im Gehirn passiert (jenseits der vereinfachten Dopamin-Erklärung)

Die meisten populären Erklärungen zu ADHS klingen ungefähr so: «Im ADHS-Gehirn ist zu wenig Dopamin vorhanden.» Das ist nicht falsch, aber etwas gar stark vereinfacht und inzwischen durch die Forschung differenziert worden.

Eine umfassende Analyse von MacDonald, Kleppe, Szigetvari und Haavik (2024), die über 40 Jahre Forschung ausgewertet hat, kommt zu einem klaren Ergebnis: Dopamin spielt bei ADHS eine Rolle, aber es gibt keine ausreichenden Belege für einen generellen Dopaminmangel. Was stattdessen vorliegt, ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener neurobiologischer Faktoren.

Was die Forschung inzwischen zeigt:

Dopamin und Noradrenalin sind tatsächlich beteiligt, aber nicht als simpler Mangel, sondern als veränderte Dynamik. Die Verfügbarkeit dieser Botenstoffe schwankt bei ADHS stärker als bei neurotypischen Gehirnen und wird stark von Kontext, Interesse und Erregungsniveau beeinflusst. Das erklärt, warum ein Kind mit ADHS drei Stunden am Stück Lego bauen kann, aber nach fünf Minuten Matheaufgabe zusammenbricht. Es fehlt nicht generell an Dopamin, sondern an Dopamin für diese spezifische Aufgabe in diesem Moment.

Der präfrontale Kortex - zuständig für exekutive Funktionen wie Planen, Priorisieren und Impulskontrolle - reift bei Kindern mit ADHS langsamer. Bildgebende Studien (Shaw et al., 2007) zeigen, dass diese Reifung im Durchschnitt etwa zwei bis drei Jahre hinter der neurotypischen Entwicklung liegt. Also ein grundlegend anderes Entwicklungstempo und wie wir wissen entwickeln sich alle Kinder sehr unterschiedlich rasch. Im Erwachsenenalter holen viele ADHS-Gehirne strukturell auf. Dies erklärt, warum sich manche Symptome über die Jahre abschwächen können.

Das Default Mode Network (DMN) - ein Netzwerk im Gehirn, das aktiv wird, wenn wir tagträumen oder gedanklich abschweifen - zeigt bei ADHS eine veränderte Regulation. Bei neurotypischen Gehirnen wird das DMN heruntergefahren, sobald eine gezielte Aufgabe beginnt. Bei ADHS-Gehirnen bleibt es teilweise aktiv. Das Ergebnis: Gedanken wandern ab, auch wenn die Person sich konzentrieren möchte.

Das Belohnungssystem arbeitet bei ADHS mit einer steileren Abzinsungskurve. Das bedeutet: Eine Belohnung, die jetzt kommt, hat einen viel höheren Wert als eine, die in einer Stunde kommt und eine, die in einer Woche kommt, ist neurobiologisch fast unsichtbar. Russell Barkley beschreibt das als «Kurzsichtigkeit gegenüber der Zukunft»: Das ADHS-Gehirn hat Mühe, zukünftige Konsequenzen so lebendig zu fühlen wie die Gegenwart. Für Eltern heisst das: Wenn dein Kind «weiss», dass morgen eine Prüfung ist, aber trotzdem nicht lernt, bedeutet das nicht, dass es ihm egal ist, sondern dass in seinem Gehirn «morgen» noch nicht vorstellbar ist.

Ein neueres Modell, das EDHD-Modell (Energy Deficit Hyperactivity Disorder), geht noch einen Schritt weiter und versteht ADHS nicht primär als Defizit der exekutiven Funktionen, sondern als Problem der energetischen Nachhaltigkeit. Die Idee: ADHS-Gehirne können unter günstigen Bedingungen hochperformant arbeiten, verbrauchen dabei aber unverhältnismässig viel Energie. Hyperaktivität und Impulsivität sind in diesem Modell keine Symptome, sondern Regulationsversuche eines Systems, das seine Energie nicht gleichmässig verteilen kann. Das deckt sich mit dem, was viele Eltern beobachten: Phasen extremer Leistungsfähigkeit, gefolgt von völligem Einbruch.

Wie sich ADHS im Alltag zeigen kann (auch ADHS Symptome genannt)

Diagnostische Kriterien beschreiben ADHS in Symptomkategorien. Der Alltag sieht anders aus. Eltern erleben ADHS nicht als Checkliste, sondern als eine Reihe von Situationen, die sich wiederholen und die mit normaler Erziehungslogik nicht erklärbar sind.

Morgens zeigt sich ADHS oft als Aktivierungsproblem. Das Kind ist nicht faul, wenn es ewig liegen bleibt oder etwas nicht weglegen kann, um sich bereit zu machen. Es kann den Startschuss für die Morgenroutine neurobiologisch nicht setzen. Der Übergang von «im Bett sein» zu «aufstehen und Zähne putzen» erfordert exekutive Funktionen, die um 7 Uhr morgens noch nicht hochgefahren sind.

In der Schule kann sich ADHS als Diskrepanz zeigen: Das Kind versteht den Stoff, kann ihn mündlich erklären, scheitert aber an der schriftlichen Umsetzung. Es kann sich im Unterricht nicht filtern: Alle Geräusche, Bewegungen und Reize kommen gleichzeitig an, und das Gehirn priorisiert nicht automatisch die Stimme der Lehrperson. Das Kind kann gerade nicht «zuhören», weil die Aufmerksamkeit woanders ist. Das Filtersystem arbeitet anders und blendet weniger aus.Gleichzeitig kann genau dieses Kind bei einem Thema, das es fasziniert, tiefer eintauchen als alle anderen in der Klasse und mit einem Detailwissen überraschen, das weit über den Lehrplan hinausgeht.

Bei Übergängen von einer Tätigkeit zur nächsten, vom Spielen zum Essen, von der Schule nach Hause zeigt sich ADHS als Schwierigkeit im Task-Switching. Das Gehirn hat Mühe, eine laufende Aktivität zu beenden und eine neue zu starten. Das ist neurobiologisch: Der präfrontale Kortex muss die laufende «Datei» schliessen und eine neue öffnen. Bei ADHS dauert dieser Vorgang länger und kostet mehr Energie.

Abends zeigt sich ADHS häufig als Überflutung. Alles, was tagsüber an Reizen aufgenommen und nicht verarbeitet wurde, entlädt sich. Das Kind ist emotional instabil, weint über Kleinigkeiten, wird wütend ohne erkennbaren Anlass, kann nicht einschlafen, weil der Kopf nicht still wird.

In sozialen Situationen kann sich ADHS als Impulsivität zeigen, wobei anderen ins Wort gefallen wird. Das kann den Eindruck hinterlassen, das Kind könne nicht zuhören oder interessiere sich nicht für den anderen. Doch es geht dabei darum, dass der Gedanke jetzt da ist und in drei Sekunden wieder weg sein wird. Und oft schämt es sich wenn es darauf aufmerksam gemacht wird intensiver als andere Kinder, weil es wusste, wie es sich verhalten «sollte», es aber nicht konnte. Auf der anderen Seite sind es häufig genau diese Kinder, die sofort merken, wenn es jemandem nicht gut geht, die sich für andere einsetzen und deren Begeisterung ansteckend ist.

Wenn etwas interessiert, zeigt sich ADHS als Hyperfokus und der kann beeindruckend sein. Das Kind vertieft sich stundenlang in ein Thema, baut komplexe Welten, entwickelt kreative Lösungen, sieht Zusammenhänge, die andere übersehen. Viele Kinder mit ADHS haben einen ungewöhnlich schnellen, vernetzten Denkstil, der Ideen produziert, auf die linear denkende Köpfe nicht kommen. Sie sind oft die, die in der Klasse die überraschende Frage stellen, die unerwartete Lösung finden oder mit einer Direktheit formulieren, die entwaffnend ehrlich ist.

Im freien Spiel und in der Natur sind Kinder mit ADHS häufig in ihrem Element. Bewegung, Entdecken, spontanes Reagieren - all das passt zu einem Gehirn, das auf Stimulation und Neuheit ausgerichtet ist. Eltern berichten oft, dass ihr Kind draussen, beim Klettern, im Wald oder auf dem Trampolin «ein anderes Kind» ist. Das ist kein Zufall: In diesen Momenten arbeitet das ADHS-Gehirn unter Bedingungen, die zu ihm passen.

Emotionale Intensität - das übersehene Kernthema?

In den offiziellen Diagnosekriterien taucht die Emotionsregulation nicht als eigenständiges Merkmal auf. In der klinischen Realität und in der neueren Forschung wird sie zunehmend als zentrales Thema bei ADHS anerkannt.

Kinder mit ADHS erleben Emotionen oft schneller, intensiver und mit weniger Filterung als neurotypische Gleichaltrige. Freude wird ekstatisch, Frustration wird Wut, Enttäuschung wird Verzweiflung und der Übergang geschieht in Sekunden. Die Fähigkeit, eine Emotion zu bemerken, einzuordnen und dann zu entscheiden, wie man damit umgeht, ist bei ADHS verlangsamt, weil sie exekutive Funktionen erfordert.

Für Eltern kann das einer der erschöpfendsten Aspekte sein, insbesondere wenn sie selbst auch reizoffen sind.

Dazu kommt ein Kontext, der selten mitgedacht wird: Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS bis zum Alter von 12 Jahren rund 20.000 negative Botschaften mehr erhalten als neurotypische Gleichaltrige (Barkley, 2013). «Hör auf damit», «Konzentrier dich», «Warum schon wieder» - dies hören sie tagtäglich aus unterschiedlichsten Richtungen. Dieses Ausmass an Korrektur und Zurechtweisung formt, wie ein Kind auf Kritik reagiert. Wenn dein Kind nach einem beiläufigen Kommentar zusammenbricht oder auf ein «Nein» reagiert, als wäre es eine Katastrophe, dann ist das möglicherweise in seinen Erfahrungen begründet. Es ist die Reaktion eines Nervensystems, das gelernt hat, dass Rückmeldungen meistens negativ sind.

In der Fachwelt wird diese besonders starke Empfindlichkeit gegenüber wahrgenommener Ablehnung als Rejection Sensitive Dysphoria (RSD) beschrieben. Dies ist keine eigenständige Diagnose, aber ein Phänomen, das viele Familien mit ADHS-Kindern sofort wiedererkennen. Ob diese angeeignet ist oder ein Merkmal, welches zu ADHS dazugehören ist noch nicht abschliessend geklärt.

ADHS bei Mädchen und Frauen: Warum sie so oft unsichtbar bleiben

ADHS-Diagnostik wurde über Jahrzehnte an einem Prototyp entwickelt: laut, zappelig, störend, Junge. Mädchen mit ADHS fallen aus diesem Raster. Sie zeigen häufiger die unaufmerksame Präsentation, ihr verhalten ist jedoch auch sonst eher nicht so, wie es für die Jungs bekannt war, sie haben früher Kompensationsstrategien entwickelt, maskieren stärker und internalisieren ihre Schwierigkeiten. Statt zu stören und aufzufallen, verstummen sie.

Die Folge: Mädchen werden im Schnitt Jahre später diagnostiziert als Jungen. Viele erhalten die Diagnose erst in der Pubertät, im (jungen) Erwachsenenalter oder gar nicht. Stattdessen erhalten sie oft andere Diagnosen - Angststörung, Depression, Burnout - die tatsächlich vorhanden sein können, aber als Folge des unerkannten ADHS.

Wenn deine Tochter «einfach verträumt und ein bisschen chaotisch» ist, regelmässig erschöpft zusammenbricht und sich selbst als «zu dumm» oder «zu viel» beschreibt, lohnt sich der Gedanke an ADHS.

Was ADHS für die Eltern-Kind-Beziehung bedeutet

ADHS beeinflusst - wie alle Neurodivergenzen oder auch Persönlichkeitsmerkmale - die Beziehungsdynamik in der Familie.

Ein Kind, das vermeintlich nicht zuhört, kann bei Eltern Frustration auslösen. Ein Kind, das impulsiv reagiert, kann Hilflosigkeit auslösen. Ein Kind, das seine Emotionen gerade nicht regulieren kann, kann bei Eltern die eigene Überforderung triggern. Und wenn das regelmässig passiert, über Monate und Jahre, mag ein Muster entstehen: Das Kind fühlt sich nicht gesehen, die Eltern fühlen sich gescheitert.

Das Verstehen von ADHS als neurologische Variante kann dieses Muster verändern. Wissen wir, dass das Kind uns nicht absichtlich ignoriert oder nicht zuhört und sein Filtersystem anders arbeitet, können wir anders lernen zu reagieren. Wenn du weisst, dass der Wutanfall nicht gegen dich gerichtet ist, sondern ein überlastetes Nervensystem entlädt, kannst du anders begleiten. Wenn wir verstehen, dass «sich zusammenreissen» für ein ADHS-Gehirn neurologisch unmöglich sein kann in dem Moment und sowieso nicht gesund ist, öffnen sich neue Türen für alternative Wege.

Dass dies nicht einfach so von einem Tag auf den anderen geht und es möglicherweise Unterstützung auf dem Weg braucht ist völlig in Ordnung und du musst das auch nicht alles selbst herausfinden. Du kannst dir Unterstützung finden von Fachstellen, Coaches und Psychologinnen, welche sich mit dem Thema auskennen. Magst du mit mir eure aktuelle Herausforderung anschauen? Du erreichst mich unter: hallo@goniboller.ch

Dass wir uns den Bedürfnissen des Kindes annehmen und diese mehr in Betracht ziehen, heisst nicht, dass jedes Verhalten ok ist. Doch es ist ein grosser Unterschied, ob wir schimpfen und das Kind anweisen, es solle aufhören, Fragen «warum machst du das? Du weisst doch, dass du das nicht machen sollst» oder gemeinsam anschauen: «Was passiert gerade in deinem Gehirn und wie können wir das zusammen leichter machen?»

ADHS im Erwachsenenleben und ADHS-Eltern

ADHS ist ein lebenslanges Gehirn-Betriebssystem. Offiziell bleiben bei etwa 50–80 % der ADHSler die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen (Faraone et al., 2006), was womöglich einfach bedeutet, dass wir im Laufe unseres Lebens Möglichkeiten gefunden haben, um anders damit umzugehen. Oder durch moderne Diagnostik und mehr Wissen über ADHS bei weiblich sozialisierten Personen werden es einfach deutlich mehr als 50-80% werden.

Was sich im Erwachsenenalter verändern kann, ist die Erscheinungsform:

Die Hyperaktivität wird häufig zur inneren Unruhe. Erwachsene mit ADHS berichten von einem Gefühl, «nie ganz ankommen zu können», von gedanklichem Dauerlauf, von dem Bedürfnis, ständig etwas tun oder planen zu müssen. Von aussen sieht das manchmal aus wie Agilität, von innen fühlt es sich an wie Getriebensein. Doch kann sie sich auch durch wackelnde Füsse zeigen.

Die Unaufmerksamkeit verschiebt sich in andere Bereiche. Im Beruf zeigt sie sich als Schwierigkeit, bei Meetings zuzuhören, Deadlines im Blick zu behalten, Projekte zu Ende zu bringen oder die eigene Arbeitszeit realistisch einzuschätzen. In der Partnerschaft zeigt sie sich als Vergesslichkeit, die auch zu Herausforderungen in der Beziehung führen kann: Vergessene Absprachen, nicht erledigte Aufgaben, Unpünktlichkeit.

Die weniger stark ausgeprägte Impulskontrolle kann im Erwachsenenalter dazu führen, dass Beziehungen vorschnell beendet, Jobs impulsiv gekündigt oder finanzielle Entscheidungen getroffen werden, die nicht durchdacht sind.

Die emotionale Dysregulation kann sich durch Stimmungsschwankungen, niedrige Frustrationstoleranz oder die Tendenz, Konflikte zu eskalieren zeigen.

Für Eltern ist die Erwachsenenperspektive aus zwei Gründen wichtig:

Erstens erkennen sich viele Eltern selbst, wenn sie sich mit dem (möglichen) ADHS ihres Kindes beschäftigen. ADHS hat eine Erblichkeit von 70–80 %, neben Autismus und anderen Neurodivergenzen einer der höchsten Werte in der Psychiatrie. Wenn ein Elternteil ADHS hat, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 40–50 %, dass das Kind ebenfalls betroffen ist. Viele Eltern erhalten ihre eigene Diagnose erst über den Umweg der Kinddiagnose.

Zweitens hilft das Wissen über ADHS im Erwachsenenleben bei der langfristigen Perspektive. ADHS ist kein Kindheitsphänomen, das «vorbeigeht». Dein Kind wird auch als Erwachsener mit ADHS leben. So können wir Eltern unser Kind dabei unterstützen einen guten Umgang mit Ihren Besonderheiten zu lernen, die ihnen auch im Erwachsenenleben zugute kommt (was ja überhaupt nicht nur auf ADHS beschränkt ist, sondern all ihre Stärken, Herausforderungen und Bedürfnisse.

Abgrenzung: ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Hochbegabung, usw.

ADHS teilt Merkmale mit anderen Neurodivergenzen, wird aber regelmässig verwechselt oder unvollständig erkannt.

ADHS und Autismus können gleichzeitig vorliegen, das nennt man AuDHS. Etwa 30–80 % der autistischen Kinder erfüllen auch ADHS-Kriterien und etwas 30-50% der ADHSler:innen sind auch Autist:innen. Die Überschneidung liegt unter anderem in der sensorischen Empfindlichkeit und der emotionalen Intensität. Der zentrale Unterschied: Autismus zeigt sich häufig in der sozialen Kommunikation und im Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit. ADHS zeigt sich hingegen in der Aufmerksamkeitsregulation und Impulskontrolle. Bei AuDHS ziehen beide Systeme oft in entgegengesetzte Richtungen: Zum Beispiel Routine (Autismus) versus Stimulation (ADHS).

ADHS und Hochsensibilität überschneiden sich stärker, als oft dargestellt wird. Eine systematische Meta-Analyse (ScienceDirect, 2025) zeigt, dass Menschen mit ADHS sowohl Überempfindlichkeit als auch Unterempfindlichkeit gegenüber Reizen aufweisen können, manchmal in verschiedenen Sinneskanälen gleichzeitig. Ein Kind kann Geräusche als unerträglich empfinden und gleichzeitig ständig Bewegung und Berührung suchen. Das widerspricht sich nicht — es zeigt, wie komplex die sensorische Verarbeitung bei ADHS ist. Sensorische Empfindlichkeit ist ohnehin Teil vieler Neurodivergenzen: Sie tritt sehr häufig bei Autismus auf, häufig bei ADHS und überschneidet sich stark mit dem, was als Hochsensibilität beschrieben wird. In der Fachwelt wird zunehmend diskutiert, ob Hochsensibilität als eigenständiges Konzept nicht in vielen Fällen eine noch nicht erkannte Neurodivergenz beschreibt. Das ist nicht abschliessend geklärt. In der Praxis heisst das: Wenn Hochsensibilität als Erklärung allein nicht ausreicht oder die Strategien nicht greifen, lohnt sich eine breitere Abklärung.

ADHS und Hochbegabung (sogenannte Twice Exceptional oder 2e-Profile) können besonders schwierig zu erkennen sein, da sich die beiden neurologischen Ausprägungen gegenseitig überdecken können. Die Hochbegabung kompensiert die ADHS-Schwierigkeiten oft so lange, bis die Anforderungen steigen - meist in der Mittelstufe oder Oberstufe (oder auch bis ins Erwachsenenleben; bis die Kinder da sind oder die Perimenopause startet). Dann bricht die Fassade ein, und es sieht aus wie «plötzlicher» Leistungsabfall. In Wahrheit war das ADHS immer da, die Intelligenz hat es nur lange überdeckt. Umgekehrt kann es sein, dass die Hochbegabung nicht erkannt wird, weil das Kind durch das ADHS unaufmerksam wirkt und beispielsweise keine besonders guten Noten schreibt (dies allerdings kann auch durch Unterforderung passieren, was ADHS-Ähnliche Symptome auslösen kann).

Wenn dein Kind Strategien hat, die «eigentlich nur bei ADHS» helfen, aber gleichzeitig Merkmale zeigt, die «eigentlich nur bei Autismus» oder «eigentlich nur bei Hochbegabung» passen, dann lohnt es sich, breiter abklären zu lassen. Multiple Neurodivergenzen sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Was aktuelle Forschung 2026 über ADHS zeigt

Die ADHS-Forschung hat sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Einige der wichtigsten Erkenntnisse:

Mehrere neurologische Pfade, nicht einer. Das Dual-Pathway-Modell von Sonuga-Barke, das lange als Standard galt, wurde erweitert. Inzwischen geht die Forschung von sieben bis acht verschiedenen neurobiologischen Pfaden aus, die zu ADHS führen können, darunter Belohnungsverarbeitung, Timing, Emotionsregulation und kognitive Kontrolle. ADHS ist nicht eine Sache. Es ist ein Sammelbegriff für verschiedene neurobiologische Muster, die ähnliche Auswirkungen haben.

Die BMJ-Umbrella-Review von 2025 - die bisher grösste Analyse aller ADHS-Behandlungsansätze - zeigt, dass es keine «One-size-fits-all»-Behandlung gibt. Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetamine) bleiben die wirksamste Einzelintervention bei ausgeprägter Symptomatik. Gleichzeitig zeigt die Review, dass Umfeldanpassung, also die Veränderung der Bedingungen, unter denen das Kind lebt und lernt, unverzichtbar ist und nicht durch Medikamente ersetzt werden kann.

ADHS wird zunehmend als Entwicklungsvariante verstanden, nicht als Störung im engeren Sinne. Die Forschung bewegt sich weg vom reinen Defizitmodell hin zu einem differenzierteren Bild, in dem ADHS als neurologische Konfiguration mit spezifischen Stärken und Vulnerabilitäten betrachtet wird.

Geschlechtsspezifische Diagnostik wird zunehmend gefordert. Die bestehenden Kriterien bilden die weibliche Präsentation von ADHS unzureichend ab. Forschungsgruppen arbeiten an angepassten Screening-Instrumenten.

Häufige Fragen zu ADHS

Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS?

Medizinisch gibt es keinen. ADS ist die ältere Bezeichnung für die unaufmerksame Präsentation von ADHS, ohne sichtbare Hyperaktivität. Heute wird alles unter ADHS zusammengefasst, mit drei Erscheinungsformen: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert. Der Begriff ADS hält sich umgangssprachlich, weil die Präsentation so grundlegend verschieden wirkt vom klassischen «Zappelphilipp»-Bild.

Ist ADHS vererbbar?

Ja, sehr stark. Die Erblichkeit liegt bei 70–80 %. Wenn ein Elternteil ADHS hat, liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 40–50 %, dass das Kind ebenfalls ADHS hat. Viele Eltern erkennen sich selbst erst, wenn sie sich mit dem ADHS ihres Kindes beschäftigen.

Wächst sich ADHS raus?

Nein. ADHS ist eine lebenslange neurologische Variante. Was sich verändert, ist die Erscheinungsform: Hyperaktivität kann zur inneren Unruhe werden, Impulsivität zeigt sich anders, und viele Erwachsene entwickeln Kompensationsstrategien. Bei einem Teil der Betroffenen werden die Symptome im Erwachsenenalter weniger einschränkend, bei vielen anderen nicht, besonders wenn ADHS lange unerkannt blieb.

Kann mein Kind ADHS haben, obwohl es sich bei Lieblingsbeschäftigungen stundenlang konzentriert?

Ja. Hyperfokus - die Fähigkeit, sich bei hohem Interesse intensiv und lang zu konzentrieren - ist ein typisches Merkmal von ADHS, kein Ausschlusskriterium. Das Kernproblem bei ADHS ist nicht fehlende Konzentration, sondern die Steuerung der Aufmerksamkeit: Sie lässt sich bei Interesse kaum bremsen und bei Desinteresse kaum aktivieren.

Warum wird ADHS bei Mädchen so oft übersehen?

Weil die Diagnosekriterien über Jahrzehnte an hyperaktiven Jungen entwickelt wurden. Mädchen zeigen häufiger die unaufmerksame Präsentation, kompensieren früh durch Anpassung und internalisieren ihre Schwierigkeiten. Sie fallen nicht als «störend» auf, sondern als «verträumt», «schusselig» oder «zu sensibel». Die Diagnose kommt oft erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter, manchmal als Angststörung oder Depression fehldiagnostiziert.

Bedeutet eine ADHS-Diagnose, dass mein Kind Medikamente braucht?

Nein. Eine Diagnose ist zunächst ein Verstehen und ein Startpunkt für passende Unterstützung. Bei leichterer Ausprägung können Alltagsstrategien, Umfeldanpassungen und therapeutische Begleitung ausreichen. Bei stärkerer Ausprägung sind Stimulanzien die wirksamste Einzelintervention, aber immer eingebettet in ein Gesamtkonzept. Die Entscheidung triffst du gemeinsam mit einer erfahrenen Fachperson und deinem Kind. Mehr dazu findest du in meinem Artikel zu ADHS-Alltagsstrategien.

Kann mein Kind ADHS und Autismus gleichzeitig haben?

Ja. Diese Kombination heisst AuDHS und ist häufiger als lange angenommen. Etwa 30–80 % der autistischen Kinder erfüllen auch ADHS-Kriterien und umgekehrt sind 30-50% der Kinder mit ADHS auch Autist:innen. Die beiden Systeme erzeugen oft widersprüchliche Bedürfnisse - etwa Routine versus Stimulation - und brauchen entsprechend angepasste Begleitung.

Mein Kind ist hochbegabt, kann es trotzdem ADHS haben?

Ja. Hochbegabung und ADHS schliessen sich nicht aus, sie können sich gegenseitig überdecken. Eine hohe Intelligenz kompensiert ADHS-Schwierigkeiten oft so lange, bis die Anforderungen steigen. Umgekehrt kann ADHS dazu führen, dass eine Hochbegabung nicht erkannt wird, weil das Kind unaufmerksam oder unstrukturiert wirkt. Diese Kombination wird als Twice Exceptional (2e) bezeichnet.

Ist ADHS eine Krankheit?

Offiziell wird ADHS als Störung klassifiziert (ICD-11, DSM-5). In der Forschung und in der neuroaffirmativen Praxis wird ADHS zunehmend als neurologische Entwicklungsvariante verstanden, mit spezifischen Stärken und Vulnerabilitäten. Es ist keine Krankheit im Sinne eines Defekts, der repariert werden muss, sondern eine andere Art, wie ein Gehirn funktioniert, die in bestimmten Umfeldern zu Schwierigkeiten führt.

Wie erkenne ich, ob mein Kind ADHS hat oder «einfach lebhaft» ist?

Der Unterschied liegt in der Dauer, der Intensität und der Auswirkung. Alle Kinder sind manchmal unaufmerksam, impulsiv oder voller Energie. Bei ADHS zeigen sich diese Merkmale über mindestens sechs Monate, in mehreren Lebensbereichen (nicht nur zu Hause oder nur in der Schule), in einem Ausmass, das deutlich über das Altersübliche hinausgeht und mit spürbaren Auswirkungen auf den Alltag. Wenn du seit Monaten das Gefühl hast, «hier passt etwas nicht», lohnt sich eine Abklärung, unabhängig davon, ob am Ende eine Diagnose steht oder nicht.

Was kann ich als Elternteil tun, während wir auf die Abklärung warten?

Beobachte und dokumentiere: In welchen Situationen wird es schwierig, was hilft, wann läuft es gut? Diese Informationen sind wertvoll für die spätere Diagnostik. Erarbeite mit deinem Kind, was es unterstützt, was schwer fällt und probiere aus. Jedes Kind ist anders und es unterstützen unterschiedliche Dinge. Der Umgang mit deinem Kind soll jedoch nicht davon abhängen, ob es ADHS hat oder nicht. Dieser kann genau gleich sein, unabhängig davon ob dein Kind "nur" gefühlsstark, wild oder sensibel ist oder AHDS hat. Und sorge für dich selbst: Eltern von ADHS-Kindern haben ein deutlich erhöhtes Burnout-Risiko. Konkrete Strategien für den Alltag findest du in meinem ADHS-Eltern-Ratgeber.

Quellen

  • Barkley, R. A. (2012). Executive Functions: What They Are, How They Work, and Why They Evolved. Guilford Press.
  • Barkley, R. A. (2013). Taking Charge of ADHD: The Complete, Authoritative Guide for Parents (3rd ed.). Guilford Press.
  • Barkley, R. A. (2015). Attention-Deficit Hyperactivity Disorder: A Handbook for Diagnosis and Treatment (4th ed.). Guilford Press.
  • Faraone, S. V., Biederman, J., & Mick, E. (2006). The age-dependent decline of attention deficit hyperactivity disorder: A meta-analysis of follow-up studies. Psychological Medicine, 36(2), 159–165.
  • Faraone, S. V., & Larsson, H. (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry, 24(4), 562–575.
  • MacDonald, H. Z., Kleppe, S. R., Szigetvari, P. D., & Haavik, J. (2024). A critical review of the role of dopamine in ADHD. International Journal of Molecular Sciences.
  • Shaw, P., Eckstrand, K., Sharp, W., et al. (2007). Attention-deficit/hyperactivity disorder is characterized by a delay in cortical maturation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 104(49), 19649–19654.
  • Sonuga-Barke, E. J. S. (2003; aktualisiert 2025). The dual pathway model of AD/HD: An elaboration of neuro-developmental characteristics. Neuroscience & Biobehavioral Reviews.
  • BMJ Umbrella Review (2025). Behandlungsansätze bei ADHS: Zusammenfassung von 115 Meta-Analysen.
  • Sensory Processing in Individuals With ADHD Compared With Control Populations: A Systematic Review and Meta-Analysis. ScienceDirect, April 2025.
  • Quinn, P. O., & Madhoo, M. (2014). A review of attention-deficit/hyperactivity disorder in women and girls. The Primary Care Companion for CNS Disorders, 16(3).
  • Polanczyk, G. V., Willcutt, E. G., Salum, G. A., et al. (2015). ADHD prevalence estimates across three decades: An updated systematic review and meta-regression analysis. International Journal of Epidemiology, 43(2), 434–442.

Dieser Artikel bietet Wissen und Einordnung. Konkrete Alltagsstrategien, Tipps für die Schule und Ressourcen für den DACH-Raum findest du in meinem ausführlichen Artikel ADHS bei Kindern: Einfach umsetzbare Strategien für den Alltag.

Wenn du verstehen möchtest, was Neurodivergenz grundsätzlich bedeutet und welche Formen es gibt, lies meinen Übersichtsartikel zu Neurodiversität und Neurodivergenz.

Du möchtest persönliche Unterstützung im Alltag mit deinem Kind? Schreib mir: hallo@goniboller.ch