Ich fange mit einem Geständnis an: Ich weiss nicht, wie ich die Kinder nennen soll, um die es hier geht.
„Asperger" passt nicht mehr – der Begriff ist aus guten Gründen aus der Diagnostik verschwunden. „Hochfunktional" mag ich nicht, weil es so tut, als würden diese Menschen irgendwie besonders gut funktionieren (fühlt sich für sie selbst kaum so an) und weil es den Unterstützungsbedarf, den diese Kinder sehr wohl haben, einfach unsichtbar macht. „Autismus-Spektrum" finde ich ganz okay – nur ist dann wieder unklar, wen ich eigentlich meine.
Vielleicht kennst du dieses Ringen. Vielleicht sitzt du gerade selbst da und suchst nach einem Wort für dein Kind, das stimmt und nicht verletzt. Falls ja: Du bist nicht allein damit und ich habe die Lösung auch nicht in der Tasche. Was ich dir sagen kann, ist, wen ich meine; nämlich die Kinder, die früher „Asperger" genannt wurden und ihre Eltern. Menschen, die vielleicht schon eine Diagnose haben, vielleicht noch darauf warten, vielleicht auch erst überlegen, ob das überhaupt ein Thema für ihr Kind ist.
Und ich kann dir sagen, worum es mir geht.
In diesem Artikel
Weder Defizit noch Superkraft
Über autistische Kinder wird meistens auf zwei Arten geredet, und beide finde ich schwierig.
Die eine ist defizitorientiert: Eine Liste von dem, was nicht funktioniert, was fehlt, was „noch nicht" klappt. Als wäre das Kind ein Projekt mit Mängelliste.
Die andere ist die Gegenbewegung, und sie ist gut gemeint: Autismus als Superkraft. Ehrlich? Iiiih. Egal, worum es geht – dieses „Superpower"-Framing finde ich furchtbar. Es setzt Kinder unter Druck, aussergewöhnlich sein zu müssen und es blendet aus, dass Autismus eben auch echte Herausforderungen mitbringt.
Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sie liegt woanders: Diese Kinder sind, wie sie sind. Mit Stärken. Und mit Herausforderungen, die vor allem daraus entstehen, dass unsere Welt grösstenteils von neurotypischen Menschen für neurotypische Menschen gebaut wurde. Es fehlt an Verständnis für ihre Bedürfnisse, an Wissen und oft an der Bereitschaft, überhaupt darauf einzugehen.
Das Problem mit dem „Umerziehen"
Es gibt einen Ansatz, der mir besonders Sorgen macht: die Idee, dass man autistischen Kindern durch konsequentes Training beibringen müsse, sich neurotypisch zu verhalten.
Das klingt erstmal harmlos, manchmal sogar fürsorglich. Aber ich befürchte, dass es vor allem eines bewirkt: Masking / Camouflaging. Das Kind lernt, sich anzupassen, seine echten Bedürfnisse zu überspielen, eine Fassade zu halten – nicht, dass es ihm besser geht. Und das ist ja genau nicht das, was wir für unsere Kinder möchten. Wir möchten, dass es ihnen gut geht, dass sie lernen, sich in dieser Welt zurechtzufinden, sich zu regulieren und Möglichkeiten zu finden eine unpassende Umgebung passender zu machen.
Zwei Beispiele, wie mir das in der Begleitung begegnet ist.
Das Schlafprogramm. Ein neurodivergentes Kind soll lernen, allein einzuschlafen. Die Eltern bekommen ein Programm, dem sie folgen sollen: nur die Hand aufs Kind statt kuscheln, rausgehen, wiederkommen, wieder rausgehen. Für ein neurodivergentes Kind, das mit dem Übergang vom Tag zur Nacht ohnehin oft Mühe hat, kann das genau das Falsche sein. Statt Unterstützung dabei, diesen Übergang zu meistern und Vertrauen zu entwickeln – Vertrauen, dass nach dem Schlaf ein neuer Tag kommt, an dem die Eltern da sind und wieder gespielt wird –, entwickelt das Kind Angst. Angst davor, unangenehm dazuliegen, während die Eltern immer wieder weggehen.
Die Spielgruppe. Ein Kind soll nun aber allein in der Spielgruppe bleiben können. Kann es aber nicht. Als es in Panik gerät und sich nicht mehr regulieren kann, fangen die Fachpersonen es nicht auf. Sie versuchen, das Kind zu berühren und auf es einzureden – statt, wie versprochen, die Eltern anzurufen. Das Ergebnis: Das Kind entwickelt eine Angst davor, sich von den Eltern zu lösen. Sogar bei der Grossmutter, wo das vorher völlig problemlos war.
Und dann kommt oft noch das Unverständnis obendrauf. „Man muss konsequent bleiben." „Die Eltern haben Schwierigkeiten, sich abzulösen." Und der Satz, der mich am meisten aufregt: „Das Kind hat ja nur zehn Minuten geschrien." Für ein Kind, das sonst nie so lange und so extrem schreit, sind diese zehn Minuten kein Klacks. Sie sind ein riesiges Warnsignal.
Viellicht kennst du solche Situationen auch, wo Fachpersonen oder andere Menschen Dinge empfohlen haben, welche nicht zu euch und eurem Kind gepasst haben. Vielleicht bist du auch schon auf Unverständnis gestossen und hast dich und dein Kind rechtfertigen müssen. Das ist doof, kostet viel Energie und es kann passieren, dass man sich ganz schön einsam fühlt. Bist du nicht! Es geht sehr vielen Eltern so. Was für mich der Grund war, diesen Artikel zu schreiben.
Was stattdessen hilft
Wenn nicht umerziehen und nicht zur Superkraft verklären – was dann?
Regulation. Verständnis. Vertrauen.
Kindern zu helfen, sich zu regulieren, statt ihre Überforderung wegzutrainieren. Gemeinsam Wege zu finden, wie sie sich in dieser Welt bewegen können – nicht, wie sie sich verbiegen, um in eine Welt zu passen, die nicht für sie gemacht ist. Und ganz viel Verständnis: für das, was ein Übergang, ein Abschied, ein voller Raum für dieses Kind wirklich bedeutet.
Das ist unbequemer als ein Programm mit klaren Schritten, das man einfach abarbeitet. Es verlangt, hinzuschauen statt durchzuziehen. Aber es ist der Weg, der zu einem Kind führt, dem es tatsächlich besser geht – und nicht nur zu einem Kind, das gelernt hat, seine Not besser zu verstecken.
Wenn du gerade selbst zwischen Ratgebern, Fachmeinungen und deinem eigenen Bauchgefühl stehst: Vertrau dem Warnsignal. Zehn Minuten Schreien sind manchmal zehn Minuten zu viel und für andere Kinder ist eine Stunde schreien das, was sie gebraucht haben, um sich zu regulieren.
Die Herausforderung ist, dass es sehr individuell unterschiedlich ist, was unsere Kinder brauchen.
Bestimmt hast du auch schon die Aussage gelesen: "Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten". Soll heissen: Alle Menschen im Spektrum sind so unterschiedlich, dass es nicht möglich ist von einem oder einer auf eine oder einen anderen zu schliessen.
Konkrete Ideen, wie du dein Kind unterstützen kannst
Weil jedes Kind anders ist, gibt es kein Rezept. Sieh die folgenden Ideen darum nicht als Checkliste, die du abarbeitest, sondern als eine Art Werkzeugkasten: Nimm heraus, was zu deinem Kind passt, probiere aus, verwirf, was nicht funktioniert, und baue mit der Zeit euren eigenen Weg. Beobachten, ausprobieren, anpassen – in dieser Reihenfolge.
Die Warnsignale deines Kindes kennenlernen. Jedes Kind zeigt vor einer Überforderung eigene Vorboten: Schneller werden, lauter oder ganz still werden, bestimmte Bewegungen, ein besonderer Gesichtsausdruck, Rückzug. Wenn du diese Zeichen früh erkennst, kannst du gegensteuern, bevor der Overload da ist und musst ihn nicht erst „auffangen".
Übergänge erleichtern. Übergänge sind für viele Kinder im Spektrum die schwierigsten Momente. Kündige Wechsel rechtzeitig an, mach sie vorhersehbar (mit einem Timer, Bildern, einem festen Ablauf oder einem kleinen Ritual) und plane genug Zeit ein. „In fünf Minuten räumen wir auf" wirkt oft Wunder gegenüber einem plötzlichen „So, jetzt!".
Die Umgebung anpassen, statt das Kind. Wenn Lärm, Licht, Gerüche oder volle Räume überfordern, wenn möglich die Umgebung anpassen: Ein ruhiger Rückzugsort, Kopfhörer oder Ohrenstöpsel, gedämpftes Licht, weniger Programm. Nicht das Kind muss die Reize aushalten lernen, die Umgebung darf passender werden.
Der sichere Hafen sein – Co-Regulation und Selbstregulation. Kinder lernen Regulation nicht, indem man sie mit ihren grossen Gefühlen alleinlässt, sondern indem jemand ruhig bei ihnen bleibt. Deine eigene Ruhe ist dabei das wirksamste Werkzeug. Erst wenn ein Kind sich sicher fühlt und mit dir mitregulieren durfte, kann es Schritt für Schritt lernen, sich selbst zu regulieren.
Die Bedürfnisse ernst nehmen und nachfragen. Hinter „schwierigem" Verhalten steckt fast immer ein unerfülltes Bedürfnis oder eine Überforderung. Hier hilft Neugierde statt Strenge: Was braucht mein Kind gerade wirklich? Bei älteren Kindern hilft es, sie direkt einzubeziehen; sie wissen oft selbst am besten, was ihnen hilft.
Stärken und Interessen als Ressource nutzen. Spezialinteressen sind kein Problem, das man begrenzen muss, sondern eine Quelle von Freude, Ruhe und Selbstwert. Sie können Brücken bauen: Zum Lernen, zum Kontakt, zum Runterkommen nach einem anstrengenden Tag.
Für dein Kind einstehen. Du kennst dein Kind am besten. Du darfst Empfehlungen hinterfragen, die nicht zu euch passen, und in Kita, Spielgruppe oder Schule erklären, was dein Kind braucht. Für dein Kind einzustehen ist keine Überbehütung. Wenn du dich alleingelassen fühlst, kannst du dir andere Menschen suchen, denen es ähnlich geht, um dich auszutauschen.
Auch auf dich selbst schauen. Du kannst dein Kind nur so gut begleiten, wie es dir selbst geht. Deine eigene Regulation, Pausen, Verständnis für dich und Menschen, die dich verstehen und unterstützen sind sehr sehr wichtige Punkte. Du darfst Unterstützung annehmen, dann kannst du dein Kind besser begleiten und du schützt deine eigene Gesundheit.
Und noch einmal, weil es so wichtig ist: Was für das eine Kind Gold wert ist, kann beim nächsten das Gegenteil bewirken. Vertrau darauf, dass du mit der Zeit immer besser lesen lernst, was dein Kind braucht. Genau dabei begleite ich Eltern – falls du dir dafür jemanden an deiner Seite wünschst, bist du herzlich eingeladen, dich bei mir zu melden (hallo@goniboller.ch, einfach melden, Herausforderung beschreiben, ich freue mich über deine Nachricht und schreibe dir zurück. So können wir gemeinsam schauen, ob und wie ich dich und dein Kind unterstützen kann).
Goni Boller ist Mentorin und Coach für Mütter, die einen gelasseneren und klareren Umgang mit ihren bedürfnisstarken und vielseitigen Kindern finden möchten. Sie unterstützt Eltern dabei, herausfordernde Situationen besser zu meistern, mehr Ruhe und Sicherheit im Familienalltag zu gewinnen und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Blick zu behalten. Mit ihrem Wissen aus Hirnforschung, Neurodiversität, Psychologie und der kindlichen Entwicklung begleitet sie Mütter auf ihrem individuellen Weg, ein achtsames und stärkendes Familienleben zu gestalten.