Das Wichtigste in Kürze
- Viele Eltern erkennen ihre eigene Neurodivergenz erst, wenn ihr Kind abgeklärt wird, weil Neurodivergenz stark vererbt wird und in der eigenen Kindheit oft niemand hingeschaut hat.
- Gerade Frauen bleiben lange unentdeckt, weil sie früh gelernt haben zu maskieren und sich anzupassen.
- Das Verhalten des eigenen Kindes berührt oft alte Wunden und macht die Begleitung schwerer, wenn die eigenen Prägungen unbeachtet bleiben.
- Sich selbst zu erkennen entlastet doppelt: Du hörst auf, dich für falsch zu halten, und musst dein Kind nicht mehr verbiegen.
- Für das Erkennen braucht es nicht zwingend eine Diagnose. Bei Leidensdruck ist eine Abklärung trotzdem sinnvoll.
Ich hatte Angst, dass vielleicht einfach nur ein IQ von 101 herauskommt und sich damit mein "Anderssein" gar nicht mit einem hohen IQ erklären lassen würde. Dadurch war ich sehr nervös, als ich bei dem Gruppentest bei Mensa sass und Aufgaben löste. Obschon mein Sohn erst kürzlich im IQ Test sehr hoch abschnitt und bei mir das Thema auch schon seit der Kindheit im Raum stand. Irgendwie glaubte ich es jedoch nicht, bis ich es schwarz auf weiss vor mir hatte, mit über 40 Jahren.
Zu dem Test getraut habe ich mich sowieso erst, nachdem es bei meinem Sohn im Kindergarten überhaupt nicht mehr ging und bei ihm eine Hochbegabung festgestellt wurde. Umso erleichterter war ich, als bei mir tatsächlich mehr als nur Durchschnitt herauskam. Auf einmal konnte ich vieles aus meiner eigenen Geschichte neu einordnen und verstehen.
So läuft es bei vielen Eltern. Ihre eigene Neurodivergenz erkennen sie erst, nachdem ihr Kind in der Abklärung war. Der Weg läuft rückwärts. Erst das Kind, dann du.
In diesem Artikel
Warum erkennen wir die eigene Neurodivergenz durch das Kind?
Weil Neurodivergenz eine starke genetische Komponente hat, und weil gerade Frauen über Jahrzehnte übersehen wurden. Ein Kind kommt in die Abklärung, und irgendwann im Gespräch sitzt ein Elternteil da und denkt: "Das kenne ich doch von mir selbst" oder auch "Ich dachte immer, das sei "normal" so". Denn sind wir selbst sehr reizoffen, so finden wir eine Reizoffenheit des Kindes nicht besonders Aufmerksamkeitserregend.
In meiner Begleitung ist das eher die Regel als die Ausnahme. Viele Eltern kommen erst über ihr Kind darauf, dass auch sie ADHS haben, autistisch oder hochbegabt sind. Ein sehenswerter Beitrag im Ö1-Mittagsjournal hat genau dieses Muster begleitet: Eltern, denen erst durch die Diagnose des eigenen Kindes dämmert, dass die Beschreibung auch auf sie passt.
Das ist keine Modeerscheinung (bestimmt hast du auch schon gehört, ADHS oder Autismus seien Modediagnosen), sondern etwas, was bei Menschen entdeckt wird, welche sich vorher über Jahrzehnte wunderten, warum sie anders sind oder anders fühlen als andere. Eine Diagnose kann dann oft nicht nur Klarheit bringen, sondern auch Erleichterung, weil endlich eine Erklärung für Vieles vorhanden ist, was sich vorher wie eine Schwäche anfühlte.
Bilden sich nicht gerade alle ein, sie hätten ADHS oder wären Autist:innen?
In meiner Bubble auf jeden Fall. Und natürlich trifft nicht jede Vermutung zu. Aber das ist selten das eigentliche Problem. Im Netz taucht der Zweifel zuverlässig auf, ob nicht gerade alle glauben, sie hätten ADHS, und ob das nicht bloss eine bequeme Erklärung für allerlei anderes sei.
Mag sein, dass sich nicht jede zu Recht dort vermutet. Viel häufiger ist das Gegenteil. Gerade als Frau hast du vielleicht einfach gemeistert, es zu verstecken. Du hast maskiert und angepasst, was das Zeug hält, und glaubst irgendwann selbst, du seist so, wie du gelernt hast dich zu verhalten. Das Maskieren oder Camouflagen macht dich nicht nur für andere unsichtbar, sondern auch für dich selbst.
Deshalb meine Empfehlung an alle, die zweifeln: Wenn du es wissen möchtest, und ganz besonders, wenn du einen Leidensdruck hast, dann melde dich zur Diagnostik an. Nicht, um ein Etikett zu sammeln, sondern um dich besser zu verstehen und möglicherweise auch passende Unterstützung zu erhalten. Wir müssen nicht alles alleine schaffen!
Was das Erkennen mit der eigenen Geschichte macht
Es ordnet vieles neu, das vorher wie persönliches Versagen aussah. Ich hatte beispielsweise eine schwierige Schulzeit. Ich passte nirgends richtig rein, war gleichzeitig unterfordert und überreizt, und irgendwie wurstelte ich mich als Underachiverin durch. Lange hielt ich das für einen Mangel an Disziplin, für Faulheit sogar. Viele Menschen sagten über mich, dass ich viel mehr könnte, wenn ich denn nur wollen würde. Was ich irgendwann auch zu glauben begann.
Erst mit dem Testergebnis in der Hand konnte ich diese Geschichte anders lesen. Nicht «ich habe es nicht genug versucht», sondern «ich habe mich die ganze Zeit in einem Umfeld durchschlagen müssen, welches nicht zu mir gepasst hat". Ich habe mich mit Unterforderung, Überreizung und dem Gefühl anders zu sein abgefunden und versucht irgendwie doch hineinzupassen Ich bin heute Mensa-Mitglied und schätze den Austausch dort sehr. Was sich verändert hat, ist weniger der Wert im Test als das, was er mir erlaubt hat: mich selbst milder und genauer anzuschauen.
Warum löst das Verhalten meines Kindes so viel in mir aus?
Das Verhalten meines Kindes kann alte Wunden berühren, die gar nicht zur aktuellen Situation gehören. Wer als Kind zu viel war, zu wild, zu kompliziert, zu anstrengend, und das nicht sein durfte, ob zu Hause, in der Schule oder sonst wo, hat oft eines tief verinnerlicht: bloss nicht auffallen, nicht anstrengend sein, niemandem zur Last fallen. Und dann kommt ein Kind, das genau das tut: Laut, unangepasst, sichtbar.
Ich merke das bei mir bis heute. Neulich im Freibad am See hatte mein Sohn mit dem Netz einen Fisch gefangen und ging damit schnurstracks auf eine ganze Schulklasse Teenager zu, die die Lehrperson gerade zusammengerufen hatte. In mir zog sich alles zusammen. Am liebsten hätte ich gesagt, er solle jetzt nicht zu allen hingehen. Weil ich selbst viel Ablehnung und Mobbing erlebt habe, ist mein erster Reflex, mein Kind davor zu bewahren.
Ich habe es bei mir behalten und mich selbst bemüht mich gut zu regulieren. Und die Klasse reagierte begeistert. Fast alle wollten den Fisch sehen, die Lehrperson auch, alle neugierig und wertschätzend. Eine wunderschöne Erfahrung für meinen Sohn und auch für mich. Meine Angst in dem Moment gehörte meiner Geschichte, nicht seiner. Darum ist es so wichtig, dass wir unsere eigene Prägung anschauen, damit wir nicht unsere eigenen Ängste unbewusst an unsere Kinder weitergeben.
Unsere Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen, auch die schwierigen, und so ihre eigene Geschichte schreiben. Wir können sie dabei begleiten, ohne sie zu sehr vor unangenehmen Erfahrungen zu bewahren und solche haben viele von uns durch ihre Neurodivergenz überdurchschnittlich viel gemacht.
Diese Momente schauen wir in einer Einzelsession gemeinsam an: was dein Kind bei dir auslöst und welche eigene Geschichte da mitschwingt.
Zwei Reflexe, die wir hinterfragen dürfen
Aus diesen alten Wunden entstehen zwei Reaktionen, die sich beide gut begründen lassen und beide einen zweiten Blick verdienen.
Der erste Reflex: Ich muss meinem Kind dieses Verhalten abgewöhnen, weil es so «richtig» ist. Die ehrliche Rückfrage dazu lautet: Warum eigentlich? Wessen Regel ist das, und für wen war sie gemacht? Verhalten ist Information, keine Störung. Kinder würden mitarbeiten, wenn sie könnten. Also beispielsweise haben wir erfahren, dass wir nicht so kompliziert sein sollen und dann versuchen wir unsere Kinder so zu leiten, dass sie möglichst unkompliziert sind. Hier ist es wichtig zu hinterfragen, warum das wichtig ist und ob das wirklich die Eigenschaft ist, die wir uns für sie wünschen. Meist ist es uns ja doch wichtiger, dass sie lernen sich durchzusetzen, für sich einzustehen, eigenständig denken und vor allem zufrieden sind. Bei keinem davon hilft es, wenn man möglichst unkompliziert ist.
Der zweite Reflex: Ich muss mein Kind vor den Erfahrungen schützen, die ich selbst gemacht habe. Der Wunsch ist zutiefst verständlich. Nur können wir uns auch anders entscheiden. Nicht das Kind unauffällig machen, damit es nicht aneckt, sondern es stärken, damit es das Anecken aushält und einordnen kann. Ihm andere Bildungswege ermöglichen, wo die alten nicht passen. Es darin begleiten, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Und die sind dann vielleicht ganz andere als unsere. Der Fisch am See ist mein liebster Beweis dafür.
Manchmal reicht das Erkennen allein nicht, und die eigenen Wunden stehen der Begleitung des Kindes im Weg. Genau hier arbeite ich mit Eltern: an dem, was das Kind braucht, und an dem, was bei dir selbst mitschwingt. Wenn du dir dabei fundiertes Wissen und praktische Impulse wünschst, in einem Tempo, das zu deinem Alltag passt, findest du das in meiner flexiblen Begleitung.
Was verändert sich im Alltag, wenn ich mich selbst erkenne?
Vielleicht schaffst du es damit aufzuhören zu glauben, du wärst falsch oder du müsstest anders sein. Oder es gelingt dir nach und nach weniger zu maskieren/camouflagen. Der stille Dauerauftrag, dich mehr anzustrengen und weniger schwierig oder anspruchsvoll zu sein, verliert möglicherweise an Kraft. Du kannst so mehr Frieden damit finden, wie du bist, statt ständig jemand sein zu wollen, der du nicht bist.
Und das zeigt sich direkt im Umgang mit den Kindern. Wer sich selbst nicht mehr verbiegt, muss auch das Kind nicht mehr verbiegen. Du musst deinem Kind nicht abtrainieren, was du dir selbst so mühsam abtrainiert hast. Stattdessen kannst du mit ihm so umgehen, wie du es wirklich für richtig hältst und kannst gleichzeitig deinem inneren Kind endlich das geben, was es schon immer gebraucht hätte.
Braucht es dafür zwingend eine Diagnose? Nein. Für viele bringt schon das Erkennen die grösste Entlastung. Eine Diagnostik kann trotzdem sinnvoll sein, wenn du Klarheit möchtest, wenn du einen Nachteilsausgleich brauchst, oder wenn der Leidensdruck gross ist. Das eine schliesst das andere nicht aus.
Wie ist das bei dir gerade? Erkennst du dich in dem einen oder anderen wieder?
Wenn du dabei gerade viel Neues über dich entdeckst, sortieren wir das in einer Einzelsession: was dir im Alltag mit deinem Kind hilft und wo du dir selbst mehr Raum geben kannst. Wenn dir Schreiben leichter fällt, geht das auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.
Du bist nicht sicher, was zu dir passt? Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Du erzählst mir kurz, wo es gerade hakt. Dann schauen wir zusammen, welches Angebot zu dir passt.
Häufige Fragen zu Eltern die ihre eigene Neurodivergenz über ihre Kinder erkennen
Warum erkennen viele Eltern ihre eigene Neurodivergenz erst durch ihr Kind?
Weil Neurodivergenz eine starke genetische Komponente hat und in der eigenen Kindheit oft niemand hingeschaut hat. Wird das eigene Kind abgeklärt, hören Eltern Beschreibungen, die sie von sich selbst kennen. So wird die Diagnostik des Kindes zum Anstoss, auch die eigene Geschichte neu zu betrachten.
Ist es nicht gerade ein Trend, überall ADHS oder Autismus zu vermuten?
Nicht jede Vermutung bestätigt sich, das stimmt. Häufiger ist aber das Gegenteil. Gerade Frauen haben früh gelernt zu maskieren und sich anzupassen, sodass ihre Neurodivergenz jahrzehntelang unentdeckt bleibt. Ein ernstzunehmender Verdacht mit Leidensdruck ist kein Trend, sondern ein guter Grund für eine Abklärung.
Sollte ich mich abklären lassen, oder reicht das Erkennen?
Beides ist möglich. Viele erleben schon durch das Erkennen eine grosse Entlastung. Eine Diagnose kann zusätzlich helfen, etwa für Klarheit, für das eigene Selbstverständnis oder für eine passende Unterstützung. Wenn du einen Leidensdruck spürst, ist die Anmeldung zur Diagnostik ein sinnvoller Schritt.
Hilft es meinem Kind, wenn ich meine eigene Neurodivergenz anschaue?
Ja. Wer die eigenen Prägungen und Trigger kennt, reagiert weniger aus alten Wunden heraus. Statt das Verhalten des Kindes wegmachen zu wollen, kann man es begleiten. Das entlastet beide Seiten und macht die Beziehung tragfähiger.
Und du kannst deinem Kind sagen, dass du diese Dinge selbst kennst und ihr könnt gemeinsam anschauen wie mit Herausforderungen umgegangen werden kann und welche Stärken und Besonderheiten die Neurodivergenz auch mit sich bringt.
Goni Boller ist Beraterin und Coach für Eltern von sensiblen, gefühlsstarken, wilden und neurodivergenten Kindern. Sie begleitet Familien dabei, zu verstehen, wie bei ihnen alle ticken, und Lösungen zu finden, die für alle passen. Damit der Alltag wieder mehr Spass macht und die Familie zusammenhält. Es geht dabei nicht nur um Ideen für den Umgang mit dem Kind, sondern auch um die eigenen Prägungen und Trigger, die oft genau dann im Weg stehen, wenn Eltern eigentlich anders reagieren möchten.
Selbst neurodivergent und Mutter von zwei gefühlsstarken Jungs kennt Goni diesen Familienalltag nicht nur aus der Theorie. Dazu kommt ihr Wissen aus der Coachingausbildung, aus der kindlichen Entwicklung und aus ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund. Als Coach arbeitet sie seit 2018. Mit ihrer Familie lebt sie im Aargau in der Schweiz.