„Du musst dich zuerst selbst regulieren." „Das Kind muss lernen, seine Emotionen zu regulieren." „Da braucht es Co-Regulation." Wer sich mit gefühlsstarken, sensiblen oder neurodivergenten Kindern beschäftigt, stösst fast überall auf die Begriffe Regulation, Selbstregulation, Emotionsregulation und Co-Regulation, in Ratgebern, auf Social Media und manchmal auch im Gespräch mit der Schule. Gleichzeitig ist oft gar nicht klar, was damit eigentlich gemeint ist. Geht es um Gefühle, um das Nervensystem oder um ein Kind, das endlich ruhig sitzen bleibt?

Hinter dem Wort stecken sehr unterschiedliche Vorstellungen und manchmal ist damit eher so etwas wie “zusammenreissen” gemeint. Zum Beispiel, wenn ein Kind lernt, ruhig zu sitzen und nicht mit den Händen rumzuspielen, so wirkt es vielleicht von Aussen ruhig, doch in seinem Inneren wird die Unruhe grösser. Gerade bei neurodivergenten Kindern passiert das häufig, was ungünstig ist, da die Herausforderungen eines Kindes so weniger sichtbar sind. Darum habe ich zusammengetragen, was Selbstregulation und Regulation im Zusammenhang mit Elternschaft, mit Kindern und mit neurodivergenten Kindern bedeuten.

Was bedeutet Regulation?

Regulation heisst, dass ein Mensch seinen inneren Zustand laufend so anpasst, dass er mit dem zurechtkommt, was gerade passiert. Gemeint sind Anspannung, Energie, Gefühle und Aufmerksamkeit und das meiste davon läuft automatisch im Körper und im Nervensystem ab.

Der Psychologe Joel Nigg, der zu ADHS und Selbstregulation forscht, beschreibt Regulation als laufende Anpassung von Gefühlen, Gedanken und Verhalten an das, was gerade passiert (Nigg, 2017). Er unterscheidet dabei zwei Richtungen. Bei der Regulation von aussen, in der Fachsprache extrinsische Regulation, reguliert ein Mensch einen anderen oder wird von ihm reguliert. Das ist am Anfang des Lebens besonders wichtig und bleibt es bis ins Erwachsenenalter. Wir nennen diese Art der Regulation auch Co-Regulation. Diese nutzen wir auch, wenn wir einer guten Freundin zuhören, die von ihren Sorgen erzählt, in einem therapeutischen Setting und ganz vielen weiteren sozialen Interaktionen. Bei der Regulation von innen, der intrinsischen Regulation, reguliert sich ein Mensch selbst. Sie wächst mit der Entwicklung und ist das, was wir Selbstregulation nennen.

Für Kinder heisst das: Am Anfang läuft Regulation fast ganz über andere Menschen. Der Teil, den ein Kind selbst übernimmt, wächst über viele Jahre. Das Gehirn kann dabei als eine Art vorausschauende Energieverwaltung angesehen werden. Es schätzt ständig ab, was der Körper gleich brauchen wird und teilt die Kraft danach ein, lange bevor wir etwas davon merken (Barrett, 2016). Hunger, wenig Schlaf, Lärm, eine neue Situation oder ein Streit brauchen alle Energie aus demselben Topf.

Jede Belastung leert diesen Topf ein Stück, wobei Erholung, Nähe und Pausen wieder etwas nachfüllen. Solange noch etwas drin ist, kann das Kind neue Herausforderungen handhaben und es ist im Verbindungsmodus: Es kann spielen, lernen, zuhören und Kompromisse finden. Ist der Topf leer, kippt es in den Schutzmodus. Dann kann eine Kleinigkeit für eine Explosion reichen und gleichzeitig kann das Kind nicht so gut lernen, seine Impulse kontrollieren oder seine Emotionen regulieren.

Was ist Selbstregulation?

Selbstregulation ist die Fähigkeit, den eigenen Zustand wieder in einen Bereich zu bringen, in dem Denken, Lernen und Verbindung möglich sind. Das umfasst Gefühle, Handlungen und Gedanken und läuft sowohl über den Körper als auch über den Kopf.

Selbstregulation kann als Oberbegriff gesehen werden, zu dem Vorgänge von unten nach oben gehören, also über Körper und Sinne und Vorgänge von oben nach unten, also über Gedanken und bewusste Steuerung. Also wir können uns vom Körper her und über die Sinne regulieren oder aber auch über unser Gehirn.

Zwei Dinge sind dabei für den Alltag mit Kindern besonders wichtig: Was automatisch im Körper abläuft, etwa Aufregung oder Angst, muss einerseits reguliert werden und reguliert andererseits selbst mit. Ein Kind, das ruhig wird und näher zu dir rückt, sobald fremde Menschen in den Raum kommen, reguliert sich, ohne darüber nachzudenken. Regulation kann auch geübt werden und nach genügend Wiederholungen können auch diese Dinge automatisch laufen. Menschen automatisieren so viel wie möglich, weil bewusste Steuerung Kraft kostet, also auch die Regulation.

Die beiden Wege entwickeln sich unterschiedlich schnell. Die Vorgänge über den Körper sind schon in den ersten Lebensmonaten da. Die Steuerung über den Kopf entwickelt sich bis ins Jugendalter weiter und das Planen sogar bis ins Erwachsenenalter (Nigg, 2017). Diese und alle weiteren Altersangaben zu kindlicher Entwicklung sind immer nur eine grobe Orientierung.

Für den Alltag heisst das: Wenn sich ein Kind bewegt, etwas isst, sich in eine Decke wickelt oder sich zurückzieht, reguliert es sich über den Körper. Wenn es sich sagt „das ist nur ein Spiel" oder eine Situation anders einordnet, reguliert es sich über den Kopf. Dieser zweite Weg entwickelt sich über die ganze Kindheit und Jugend hinweg und ist bei jüngeren Kindern noch wenig verfügbar (McRae et al., 2012).

Wie ein Kind Schritt für Schritt lernt, sich selbst besser zu regulieren, steht im Artikel Selbstregulation bei Kindern.

Was bedeutet Regulation des Nervensystems?

Regulation des Nervensystems heisst, dass der Körper nach Anspannung oder Aufregung wieder in einen Zustand zurückfindet, in dem Ruhe, Nachdenken und Verbindung möglich sind.

Das Nervensystem ist das Netz aus Gehirn, Rückenmark und Nerven, das den ganzen Körper durchzieht. Es nimmt laufend wahr, was im Körper und um uns herum passiert. Darauf stellt es Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Verdauung und Wachheit ein und fährt sie hoch oder runter, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Das meiste davon geschieht automatisch, lange bevor wir etwas davon merken.

Wird etwas als bedeutsam eingestuft, laufen im Körper zwei Wege gleichzeitig an. Über die Nerven sind Adrenalin und Noradrenalin in Sekunden da, Herz und Atmung werden schneller und die Muskeln spannen sich an. Über die Hormone kommt Cortisol dazu. Es ist nach etwa einer Viertelstunde messbar und braucht gut eine Stunde, bis es wieder abklingt. Deshalb ist ein Kind oder ein Erwachsener nach einem Streit noch lange angespannt, auch wenn von aussen schon alles ruhig wirkt.

Wie stark diese Reaktion ausfällt, hängt davon ab, wie überraschend und wie schnell etwas kommt, wie es dem Körper gerade geht und was dieselbe Situation früher bedeutet hat. Entschieden wird dabei nichts. Darum bringt dieselbe Bemerkung an einem Tag nichts ins Rollen und am nächsten einen ganzen Abend durcheinander. Der Körper stellt sich dabei Organ für Organ auf die Lage ein und oft sind mehrere Teile des Nervensystems gleichzeitig aktiv (Bambha, 2026). Beim Erstarren zum Beispiel laufen hohe Anspannung und ein gebremster Herzschlag zusammen.

Für den ruhigen und den alarmierten Zustand nutze ich in meiner Arbeit die Begriffe Verbindungsmodus und Schutzmodus. Im Schutzmodus übernimmt die Stressreaktion: Die Aufmerksamkeit verengt sich auf das, was bedrohlich wirkt und Zuhören, Abwägen und Planen verlieren an Einfluss. Regulation des Nervensystems heisst, nach so einer Reaktion wieder in den Verbindungsmodus zurückzufinden. Dabei hilft vor allem, was den Körper direkt erreicht: Atem, Bewegung, Rhythmus, Druck, Wärme und die Nähe eines vertrauten Menschen.

Was ist Emotionsregulation?

Emotionsregulation ist die Anpassung eines Gefühls oder seines Ausdrucks, also wann es entsteht, wie stark es wird, wie lange es bleibt und wie es sich zeigt (Nigg, 2017). Sie läuft bewusst oder automatisch, von innen oder mit Hilfe anderer Menschen.

Ein Gefühl kann auf zwei Wegen entstehen: direkt über einen Reiz, der den Körper alarmiert, etwa ein lauter Knall, oder über eine Deutung im Kopf, etwa der Gedanke, ausgelacht zu werden. Gefühle, die direkt über den Körper entstanden sind, lassen sich mit Nachdenken schlechter beruhigen (McRae, 2012). Untersucht wurde das mit Erwachsenen im Labor. Für den Alltag heisst das: Was über den Körper hochgekommen ist, beruhigt sich am ehesten auch über den Körper.

Gute Emotionsregulation lässt das Gefühl da sein und hilft, dass es wieder abebben kann. Auch das Unterdrücken eines Gefühls ist eine Form von Emotionsregulation, allerdings eine, die viel Kraft kostet und den Körper angespannt hält. Mehr dazu steht weiter unten. Ein Kind, das getröstet wird, reguliert seine Gefühle mit Hilfe eines anderen Menschen. Wie sich Emotionsregulation bei Kindern entwickelt, steht im Artikel Emotionsregulation und emotionale Entwicklung von Kindern.

Welche Arten von Regulation gibt es?

Im Familienalltag begegnen dir vor allem fünf Begriffe: Regulation des Nervensystems, Emotionsregulation, Selbstregulation, Co-Regulation und Selbstkontrolle. Sie überschneiden sich, alle haben mit dem Nervensystem zu tun und es gibt unterschiedliche Sichtweisen dazu, was welcher Begriff bedeutet. Hier eine Einordnung von mir:

BegriffWas gemeint istBeispiel aus dem Alltag
Regulation des NervensystemsWie aktiviert oder ruhig der Körper gerade ist, also Anspannung, Herzschlag, Atmung und EnergieNach der Schule braucht ein Kind zuerst Rückzug, bevor es überhaupt wirklich ansprechbar ist
EmotionsregulationWie stark ein Gefühl wird, wie lange es bleibt und wie es sich zeigtWie stark sich die Enttäuschung über ein abgesagtes Treffen zeigt und wie rasch diese wieder verebbt
SelbstregulationDer Oberbegriff dafür, dass jemand den eigenen Zustand ohne Hilfe von aussen wieder einpendeltEin Kind geht von sich aus in die Kuschelecke, wenn es ihm zu laut wird und kann sich so beruhigen
Co-RegulationEine vertraute Person hilft mit ihrem ruhigeren Nervensystem das Kind wieder zu beruhigenDu bleibst neben deinem explodierenden Kind sitzen, bist präsent und hältst die Situation mit aus
SelbstkontrolleEinen Impuls bewusst zurückhalten, obwohl der innere Zustand gleich bleibtEin Kind schluckt die Wut in der Schule herunter und explodiert zu Hause

Was wir im Alltag Co-Regulation nennen, heisst in der Forschung oft Regulation von aussen oder extrinsische Regulation. Nigg hält fest, dass sie besonders früh im Leben eine grosse Rolle spielt und bis ins Erwachsenenalter wichtig bleibt (Nigg, 2017). Selbstregulation entsteht, indem ein Kind Schritt für Schritt übernimmt, was zuerst von aussen kam.

Was ist der Unterschied zwischen Selbstregulation und Selbstkontrolle?

Selbstkontrolle oder Impulskontrolle bedeutet, ein Verhalten zurückzuhalten. Selbstregulation bedeutet, dass sich der Zustand dahinter wieder beruhigt, sodass das Zurückhalten gar nicht mehr so viel Kraft braucht. Somit ist Selbstkontrolle ein Teil der Selbstregulation.

Im Alltag denken wir häufig an Selbstkontrolle, wenn ein Kind sich herausfordernd verhält. Wir möchten, dass es sich "zusammenreisst" und vernünftig verhält. Doch viel effektiver ist es, wenn die Anspannung und aktuelle Regulation des Kindes mitbetrachtet wird. Denn ein reguliertes Kind muss sich häufig gar nicht zusammenreissen.

Das soll nicht bedeuten, dass Selbstkontrolle nicht wichtig wäre. Ein Zusammenleben zwischen uns Menschen würde kaum funktionieren, wenn wir alle dem ersten Impuls nachgeben würden. Würde ich die Person vor mir an der Kasse wegschuppsen und mich vordrängen, weil ich ungeduldig bin und sie ihre Sachen viel zu langsam aufs Fliessband legt, käme das wohl nicht so gut an. Stattdessen lenke ich mich damit ab, dass ich aufs Handy schaue oder mit meinen Kindern spreche, vielleicht indem ich tief durchatme, also Selbstregulation. Zusätzlich widerstehe ich dem Drang mich vorzudrängen durch meine Impulskontrolle.

Gelingt mir die Regulation nicht gut, also ich bin sehr ungeduldig, habe gleich einen Termin und im Geschäft ist es mir zu laut und zu hell, dann brauche ich für die Selbstkontrolle sehr viel Energie. Meist schaffe ich das trotzdem, im Gegensatz zu meinen Kindern, die dann nach den Süssigkeiten greifen, aufeinander losgehen oder laut schreien. Sie brauchen dann meine Co-Regulation für die ich keine Kapazität mehr übrig habe, da ich ja schon meine Impulse kontrolliere und mich selbst am regulieren bin. Darum sind diese Szenen an den Supermarktkassen so prädestiniert für Explosionen aller Art.

Warum kommt bei Kindern die Regulation vor allem anderen?

Ein Kind im Schutzmodus hat kaum Zugriff auf Abwägen, Planen und Impulskontrolle, deshalb lassen sich Lösungen erst suchen, wenn sich sein Nervensystem wieder beruhigt hat. Vorher kommt auch die beste Erklärung nicht an.

Die Stressforschung zeigt, dass starker Stress genau die Hirnbereiche schwächt, die wir fürs Planen, Abwägen und Bremsen brauchen (Arnsten, 2009). Ein Kind kann in diesem Zustand gar nicht mehr vernünftig sein und sich zusammenreissen. Das gilt übrigens genauso für Erwachsene und es erklärt, warum unser Wissen in der Konfliktsituation verschwindet und wir uns dann anders verhalten, als wir es eigentlich möchten.

Für mich heisst das: Es geht immer, immer zuerst um Regulation. Erst danach kommen Gespräche, Lernen, Absprachen und neue Ideen. Wer diesen Schritt überspringt, redet an einem Nervensystem vorbei, das gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt ist.

Ist ein ruhiges Kind automatisch gut reguliert?

Ein ruhiges Kind ist nicht automatisch gut reguliert: Es kann still, angepasst und pflegeleicht wirken und innerlich trotzdem in einer Stressreaktion stecken.

Zu den Stressreaktionen gehören neben Kampf und Flucht auch Freeze, also Erstarren und Fawn, also Unterwerfen oder übermässiges Anpassen. Die Forschung zur Abwehrkaskade beschreibt Erstarren und Zusammensacken als Schutzreaktionen des Körpers, die klar von einem echten Ruhezustand zu unterscheiden sind (Kozlowska et al., 2015). Beim Erstarren ist der Körper gebremst und gleichzeitig bereit zu handeln, entspannt ist er dabei nicht (Roelofs, 2017).

Ähnlich ist es beim Masking, also dem Verbergen eigener Eigenheiten, um nicht aufzufallen. In einer Studie mit 733 autistischen Kindern und Jugendlichen hing stärkeres Kamouflieren mit mehr Angst, Niedergeschlagenheit und körperlichen Beschwerden zusammen (Ross, 2023). Autistische Mädchen beschrieben das Kamouflieren oder Maskieren in der Schule in Interviews als erschöpfend und belastend (Halsall, 2021).

Warum wirkt ein Kind im Freeze oder Fawn von aussen gut reguliert?

Ein Kind im Freeze oder Fawn wirkt still, ruhig, brav oder angepasst und genau das wird von aussen leicht mit guter Regulation verwechselt.

Mich ärgert es, wenn ein Kind im Freeze oder im Fawn als besonders gut reguliert gilt oder sogar geglaubt wird, das Kind habe nun einen echten Schritt vorwärts gemacht. Von aussen sieht es so aus, als könne es sich gut regulieren, dabei ist oft das Gegenteil der Fall. Es befindet sich viel in einer Stressreaktion und macht daraus heraus Dinge, die ihm nicht guttun. Es lernt zu masken und zu kamouflieren, besser regulieren kann es sich deswegen aber nicht. Vielleicht findet es sogar sehr destruktive Wege, sich zu regulieren und das zeigt sich dann irgendwann im Verhalten. Mir geht das nah, weil ich zu diesen Kindern gehöre, die gelernt haben zu verstecken, wie es ihnen wirklich geht und sich anzupassen, um "normal" zu wirken. Im Erwachsenenleben diese Maske wieder abzulegen und für sich einzustehen finde ich echt herausfordernd.

Was passiert, wenn Kinder ihre Gefühle unterdrücken?

Wenn Gefühle unterdrückt werden, verändert sich nicht das Gefühl, sondern sein Ausdruck verändert sich. Der Körper bleibt dabei angespannt und ist teilweise sogar stärker aktiviert als vorher.

In einem bekannten Experiment sollten Erwachsene beim Anschauen trauriger und lustiger Filmszenen ihre Gefühle verbergen. Von aussen war weniger zu sehen, das Gefühl selbst war genauso stark und das Herz-Kreislauf-System reagierte mit mehr Anspannung (Gross, 1997). Wer im Alltag gewohnheitsmässig Emotionen unterdrückt, erlebt mehr negative Gefühle und berichtet von weniger Wohlbefinden (Gross, 2003). Unterdrücken, Vermeiden und vor allem Grübeln hängen deutlich mit psychischen Belastungen zusammen (Aldao, 2010). Diese Studien stammen von Erwachsenen und zeigen Zusammenhänge, keine eindeutigen Ursachen.

Kinder können nicht lernen, Gefühle zu regulieren, die sie nicht haben dürfen. Gefühle, die wir zu verdrängen versuchen, bleiben haften. Viele Erwachsene kennen das von ihrer eigenen unterdrückten Wut aus der Kindheit, die ausgerechnet dann hochkommt, wenn das eigene Kind wütend ist.

Warum helfen Belohnung und Strafe nicht beim Regulieren?

Belohnung und Strafe setzen am sichtbaren Verhalten an. Den Zustand im Nervensystem, aus dem das Verhalten entsteht, verändern sie kaum.

Genau hier landet das Thema Regulation manchmal in der behavioristischen Ecke. Dann heisst es, man helfe dem Kind, sich zu regulieren, wobei das Kind in Wahrheit vor allem lernt, etwas zu unterdrücken, damit die Belohnung kommt oder die Strafe ausbleibt. Reguliert ist es dadurch nicht, im Gegenteil. Dazu kommt, dass erwartete, greifbare Belohnungen die Motivation von innen senken können und zwar bei Kindern stärker als bei Erwachsenen (Deci, 1999).

Ich bin überzeugt: Kinder würden mitarbeiten, wenn sie könnten! Wenn ein Kind jedoch im Schutzmodus steckt, fehlt ihm das Können und eine Belohnung bringt es kaum zurück in den Verbindungsmodus. Warum Strafen, Belohnungen und Konsequenzen gerade bei neurodivergenten Kindern selten tragen, steht ausführlicher in meinem Artikel über Erziehungsmethoden, die zu neurodivergenten Kindern passen.

Was heisst es, gut reguliert zu sein?

Gut reguliert sein heisst, sich nach einer Belastung wieder erholen zu können und mehr als einen Weg zu haben, mit schwierigen Momenten umzugehen. Ruhe allein sagt darüber wenig aus.

Keine Strategie ist für sich genommen gut oder schlecht. Wichtig ist zu merken, was eine Situation braucht, verschiedene Möglichkeiten zu haben und zu spüren, ob etwas hilft (Bonanno, 2013). Das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. Ein Kind, das immer still und angepasst ist, kann deshalb weniger gut reguliert sein als eines, das laut wird und sich danach wieder fängt.

Wie funktioniert Regulation bei Erwachsenen und Eltern?

Erwachsene regulieren sich über dieselben Wege wie Kinder, über den Körper, über den Kopf und über andere Menschen. Der Weg über den Kopf steht ihnen besser zur Verfügung, doch je aufgewühlter jemand ist, desto weniger funktioniert er.

Eine Situation im Kopf anders einzuordnen und dadurch ruhiger zu werden, gelingt mit zunehmendem Alter besser (McRae, 2012). Im Schutzmodus geht dieser Weg aber auch bei Erwachsenen weitgehend verloren. Soll heissen; wenn du gestresst bist, Energie leer, getriggert wurdest, was auch immer, genau dann funktioniert es nicht mehr, dass wir uns vom Kopf her gut regulieren können. Dann hilft zuerst, was den Körper beruhigt und das Gefühl gibt, sicher zu sein: langsam ausatmen, eine Pause, raus an die Luft oder Bewegung mit etwas Spiel darin. Sich auspowern oder Dampf ablassen bringt bei Wut dagegen wenig und kann sie sogar steigern (Kjærvik, 2024).

Auch Erholung lässt sich genauer fassen, so erhole es uns am besten, wenn wir es schaffen, gedanklich von den Anforderungen wegzukommen. Dazu kommen Entspannung, etwas tun, worin man gut ist oder Neues lernt und selbst bestimmen, was in der freien Zeit passiert (Sonnentag, 2007). Untersucht wurden Berufstätige, für den Familienalltag ist das eine Übertragung.

Für Eltern kommt dazu: Ein Kind reguliert sich zuerst an einem anderen Nervensystem und erst später an seinem eigenen. Deine eigene Regulation ist deshalb die Grundlage für jede Co-Regulation. Die Anwesenheit einer vertrauten Person dämpft die Stressreaktion von Kindern messbar (Hostinar, 2014) und Anspannung überträgt sich genauso, je näher ihr euch seid, desto mehr.

Viele Eltern haben als Kind selbst wenig Co-Regulation erlebt und früh gelernt, sich zusammenzureissen. Diese Strategien tragen oft lange und reichen irgendwann nicht mehr, zum Beispiel wenn die eigenen Kinder kommen. Auch Erwachsene regulieren sich weiter an anderen Menschen, an der Partnerin oder dem Partner, an Freundinnen oder in einer Begleitung. Co-Regulation lässt sich deshalb auch als Erwachsene noch erleben und auch dadurch lässt sich die eigene Selbstregulation noch verbessern. In einer Einzelsession schauen wir auf die Momente, in denen dein eigener Topf leer ist. Dazu suchen wir, was dich dann wieder in den Verbindungsmodus bringt.

Wenn du deine eigenen Vorzeichen genauer kennenlernen möchtest: Bei den kleinen Hilfen für den Alltag liegt „Dein Gelassenheits-Kompass“ zum kostenlosen Herunterladen, ein Workbook, mit dem du deine eigene Ampel ausfüllst.

Es muss nicht immer die Herausforderung kleiner werden, es kann auch unsere Kapazität grösser werden, damit umzugehen. Diese Kapazität wächst durch Regulation, Erholung und passende Bedingungen, beim Kind genauso wie bei dir.

Zu wissen, was Regulation ist, ist der erste Schritt. Im Alltag zu erkennen, wie voll der Topf deines Kindes gerade ist und was ihn leert, ist der schwierigere. Das ist meine Arbeit. Ich schaue mit dir auf eure konkreten Situationen: wann es bei euch eskaliert, was davor los war, ob dein Kind eher laut explodiert oder still funktioniert und an welchen Stellschrauben ihr drehen könnt. Und ich schaue auf deine eigene Regulation.

In einer Kurz-Session schauen wir auf einen Moment, in dem du oder dein Kind regelmässig in den Schutzmodus wechselt. Du gehst mit einem nächsten Schritt raus, der zu euch passt. Wenn dir Schreiben leichter fällt, beschreibst du mir den Moment in der Flexiblen Begleitung als Nachricht oder Sprachnachricht und bekommst innerhalb von zwei Arbeitstagen Ideen, Fragen und Übungen dazu.

Wenn du mir lieber zuerst schreibst: Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Mit ein paar Sätzen zu eurer Herausforderung finden wir gemeinsam heraus, welches Angebot passt.

Wo steht ihr gerade? Ist bei euch eher das Kind das Thema, das laut explodiert, oder das stille Kind, das so gut funktioniert?

Häufige Fragen zur Regulation

Was bedeutet Regulation?

Regulation heisst, dass ein Mensch seinen inneren Zustand, also Anspannung, Energie, Gefühle und Aufmerksamkeit, laufend an das anpasst, was gerade passiert. Das meiste davon läuft automatisch im Körper und im Nervensystem ab.

Was bedeutet Regulation des Nervensystems?

Das Nervensystem stellt den Körper laufend auf die Lage ein, etwa Herzschlag, Atmung, Muskelspannung und Verdauung. Ist genug Energie da, bleibt ein Mensch im Verbindungsmodus, bei Überlastung wechselt er in den Schutzmodus und hat kaum noch Zugriff auf Abwägen und Impulskontrolle.

Was ist Selbstregulation?

Selbstregulation ist die Fähigkeit, den eigenen Zustand wieder in einen Bereich zu bringen, in dem Denken, Lernen und Verbindung möglich sind. Sie läuft über den Körper, zum Beispiel durch Bewegung oder Rückzug, und über den Kopf, etwa durch Umdeuten oder Planen.

Was ist Co-Regulation?

Bei der Co-Regulation hilft ein ruhigeres Nervensystem einem anderen, wieder zur Ruhe zu kommen. Kinder sind besonders darauf angewiesen, doch auch Erwachsene regulieren sich ihr Leben lang an anderen Menschen.

Was ist der Unterschied zwischen Selbstregulation und Selbstkontrolle?

Selbstkontrolle heisst, ein Verhalten bewusst zurückzuhalten. Selbstregulation heisst, dass sich der innere Zustand dahinter wieder beruhigt. Selbstkontrolle kostet viel Energie und hält nur, solange noch Kapazität da ist.

Woran merke ich, dass ich gut reguliert bin?

Du erholst dich nach einer Belastung wieder und hast mehr als einen Weg, mit schwierigen Momenten umzugehen. Ruhe allein sagt darüber wenig aus, denn auch Erstarren oder Anpassen kann von aussen ruhig wirken.

Wie kann ich mich als Erwachsene selbst regulieren?

Am schnellsten wirkt, was den Körper runterfährt: langsam ausatmen, eine Pause, raus an die Luft oder Bewegung mit etwas Spiel darin. Umdeuten und Einordnen im Kopf hilft erst, wenn die grösste Aufregung vorbei ist.

Was bedeutet Regulation des Nervensystems?

Regulation des Nervensystems heisst, dass der Körper nach Anspannung oder Aufregung wieder in einen Zustand zurückfindet, in dem Ruhe, Nachdenken und Verbindung möglich sind. Das Nervensystem aus Gehirn, Rückenmark und Nerven stellt dafür Herzschlag, Atmung, Muskelspannung und Wachheit laufend auf die Lage ein.