Das Wichtigste in Kürze
- Das Double Empathy Problem beschreibt, dass autistische und nichtautistische Menschen einander gegenseitig schlecht verstehen und nicht nur eine Seite die andere.
- Der autistische Forscher Damian Milton hat das Konzept 2012 formuliert, als Gegenentwurf zur Vorstellung eines Empathie-Defizits.
- Gut belegt ist: Unter autistischen Menschen funktioniert die Weitergabe von Informationen genauso gut wie unter nichtautistischen.
- Weniger gut belegt als lange angenommen: dass die Verständigung zwischen den Neurotypen messbar einbricht. Eine grosse Wiederholung der bekanntesten Studie fand diesen Unterschied 2025 nicht.
- Nichtautistische Beobachter bewerten autistische Menschen innerhalb von Sekunden negativer, und zwar nach dem Stil, in dem etwas gesagt wird. Beim reinen Gesprächsinhalt verschwindet der Effekt.
- Beim Mitfühlen selbst findet eine Metaanalyse über 226 Studien kaum einen Unterschied.
- Für den Alltag heisst das: die Übersetzung zwischen zwei Seiten organisieren, statt das Kind zu reparieren.
Ich habe neulich ein Gespräch mit dem Autismusforscher Simon Baron-Cohen geschaut. Es ging um Mustererkennung und darum, dass autistisches Denken die Erfindungsgeschichte der Menschheit vorangetrieben habe. Ich finde das eine sehr spannende These, die mir in letzter Zeit häufiger begegnet. Mir gefällt das ja sehr gut und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass gewisse Dinge von Autist:innen erfunden und entdeckt wurden, weil sie anders vernetzt sind als die Mehrheit der Menschen. Doch haben auch ganz viele andere Menschen Dinge erfunden, besser gemacht und nicht jede Erfindung war unbedingt zu unserem besseren.
Hängengeblieben bin ich aber an etwas anderem. An dem Nebensatz, dass starke Systematisierer im Gegenzug weniger Empathie hätten. Dieser Satz ist in der Fachliteratur alt, und in vereinfachter Form landet er regelmässig in Zeugnissen, Standortgesprächen und Berichten über autistische Kinder: „Zeigt wenig Einfühlungsvermögen." „Nimmt keine Rücksicht auf andere." Leider begegnet mir das heute auch immer noch, weil mir Eltern davon erzählen, in Artikeln oder eben in diesem Interview.
Doch stimmt das denn überhaupt? Neuere Resultate aus der Forschung gehen eher in eine andere Richtung.
In diesem Artikel
Was besagt das Double Empathy Problem?
Das Double Empathy Problem besagt, dass das Missverstehen zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen wechselseitig ist und nicht das Defizit einer Seite. Der autistische Forscher Damian Milton hat diesen Begriff 2012 geprägt, als Gegenentwurf zur damals dominanten Vorstellung, autistischen Menschen fehle die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.
Milton beschreibt es als Bruch in der Gegenseitigkeit zwischen zwei unterschiedlich gebauten Menschen. Je weiter die beiden Erfahrungswelten auseinanderliegen, desto grösser der Bruch. Zwei nichtautistische Menschen teilen viele Selbstverständlichkeiten, über die sie nie sprechen müssen, zwei autistische Menschen teilen ebenfalls welche, doch über die Grenze hinweg kann dieser Vorrat fehlen.
Einen Punkt daran finde ich besonders wichtig: Autistische Menschen sind gezwungen, die Regeln der Mehrheit zu lernen, weil sie sonst im Alltag nicht (gut) durchkommen. Umgekehrt besteht dieser Zwang nicht. Wer zur Mehrheit gehört, kann ein Leben lang ohne eine solche Übersetzungsleistung auskommen. So muss sich die eine Seite schlicht mehr bemühen. Teilweise wird dies so gut eingeübt und praktiziert, dass die Person neurotypisch wirkt. Dieses Anpassen wird Masking oder Camouflaging genannt und kann sehr viel Energie verbrauchen.
Was sagt die Forschung zum Double Empathy Problem?
Sie stützt einen Teil davon, und einen anderen Teil hat sie 2025 wieder eingesammelt. Catherine Crompton und ihr Team in Edinburgh haben 2020 eine Art Stille-Post-Experiment veröffentlicht. Eine Geschichte wandert durch eine Kette von acht Personen, und am Ende wird gemessen, wie viel Information übrig ist. Es gab reine autistische Ketten, reine nichtautistische Ketten und gemischte Ketten. Ergebnis: Die autistischen Ketten gaben die Information genauso zuverlässig weiter wie die nichtautistischen. Eingebrochen ist die Übertragung nur in den gemischten Ketten.
Diese Studie steht seither in fast jedem Text zum Thema, auch in meinen Texten. Allerdings wurde nur eine kleine Gruppe untersucht von 72 Personen. 2025 hat dasselbe Team die Studie noch einmal gemacht. Diesmal mit 311 Personen, an drei Standorten in Schottland, England und den USA, zwei davon unabhängig vom ursprünglichen Team und als Registered Report. Das heisst, die Auswertung stand fest, bevor die Daten erhoben wurden. Ergebnis: Der Informationstransfer war in gemischten Ketten nicht schlechter.
Was davon heute wie gut dasteht, würde ich so sortieren:
| Befund | Stand |
| Autistische Menschen geben Informationen untereinander genauso zuverlässig weiter wie nichtautistische untereinander | Bestätigt, auch in der grossen Wiederholung. Der stabilste Befund des ganzen Feldes |
| Die Übertragung bricht ein, sobald zwei Neurotypen aufeinandertreffen | 2020 gefunden, 2025 an 311 Personen nicht bestätigt |
| Menschen fühlen sich im Gespräch mit dem eigenen Neurotyp wohler | Bestätigt. Und wenn die Diagnose offen auf dem Tisch liegt, wird es besser |
| Nichtautistische Beobachter bewerten autistische Menschen innerhalb von Sekunden negativer | Gut belegt, inzwischen auch über mehrere Studien hinweg zusammengefasst |
Der erste Punkt ist der, auf den es ankommt. Wäre Autismus ein Kommunikationsdefizit im Kopf einer Person, hätten die rein autistischen Gruppen am schlechtesten abschneiden müssen. Das haben sie jedoch in beiden Studien nicht.
Eine Sache daran finde ich bemerkenswert: Die gescheiterte Wiederholung haben genau die Leute veröffentlicht, die das Konzept selbst vertreten. Ein Jahr später kam von ihnen zusätzlich ein Papier, das die Überdehnung des eigenen Konzepts zurückweist. So sollte Forschung laufen!
Und weil dich als Elternteil vermutlich vor allem die Familie interessiert: Brett Heasman und Alex Gillespie haben Missverständnisse zwischen autistischen Erwachsenen und ihren Angehörigen untersucht und sie in beide Richtungen gefunden. Nähe schützt also nicht davor, dass es schwer fällt, sich gegenseitig gut zu verstehen. Dass ich mein Kind gut kenne, heisst also nicht automatisch, dass ich es richtig einschätze.
Warum wirkt Autismus von aussen oft wie fehlende Empathie?
Weil wir an Blick, Gesicht und Tonfall ablesen, ob beim Gegenüber ankommt, was wir gerade fühlen. Bleibt diese Rückmeldung aus, fühlen wir uns übersehen und erstellen daraus ein Urteil über den Menschen.
Noah Sasson und Kolleginnen haben Beobachtern sehr kurze Ausschnitte echter sozialer Situationen gezeigt. Autistische Erwachsene wurden dabei innerhalb von Sekunden schlechter bewertet und die Beobachter waren weniger bereit, mit ihnen Kontakt zu haben. Mehr Zeit half nicht, dies zu verändern und das Urteil blieb bestehen. Lagen dieselben Gespräche dann nur als Text vor, ohne Bild und ohne Ton, verschwand die Abwertung. Beurteilt wurde also die Verpackung, nicht der Inhalt.
Haben autistische Menschen weniger Mitgefühl?
Nein. Mitgefühl heisst mitschwingen, also spüren, was ein anderer Mensch gerade fühlt. Hier sind die Unterschiede zwischen autistischen und nichtautistischen (allistischen) Personen nicht gross.
Das Wort Empathie meint in der Forschung allerdings zwei verschiedene Dinge und die werden im Alltag ständig in einen Topf geworfen. Das eine ist das Mitschwingen oder Mitfühlen: Jemand erzählt dir etwas Trauriges und es wird dir selber schwer ums Herz. Das andere ist das Herausfinden, wie es jemandem gerade geht: Du schaust jemanden an und reimst dir zusammen, was gerade in ihm vorgeht, ob er beleidigt ist, ob der Satz ironisch gemeint war oder ob er eigentlich lieber gehen möchte. Das erste ist ein Gefühl, das zweite eine Denkaufgabe.
Eine Metaanalyse über 226 Studien hat 2025 auseinandersortiert, was in den Tests zu Empathie eigentlich gemessen wird. Beim Mitschwingen, in der Forschung affektive Empathie, war der Unterschied autistisch oder nicht sehr klein und verschwand ganz, sobald nur die methodisch besten Studien zählten. Beim Herausfinden, was gemeint ist, der kognitiven Empathie, war der Unterschied hingegen gross. Bei diesem zweiten Befund lohnt sich allerdings ein zweiter Blick, denn was diese Aufgaben tatsächlich erfassen, ist in der Forschung umstritten. Drei Einwände kommen immer wieder:
- Die Aufgaben sind sich untereinander nicht einig. Wer bei dem einen Test gut abschneidet, tut das beim nächsten nicht unbedingt. Wenn zwei Verfahren dasselbe messen würden, müssten sie zu ähnlichen Ergebnissen kommen.
- Ein Teil davon ist Selbsteinschätzung. Bei manchen Verfahren kreuzt die Person selber an, wie gut sie sich in andere hineinversetzen kann. Autistische Menschen gehen mit sich oft streng ins Gericht und geeicht wurden diese Fragebögen an nichtautistischen Gruppen. Wie wenig diese Selbsteinschätzung mit der tatsächlichen Leistung zu tun hat, zeigt die Metaanalyse gleich mit: Wer sich selbst als gut im Hineinversetzen beschreibt, schneidet in den entsprechenden Tests kaum besser ab.
- Die richtige Antwort ist die der Mehrheit. Was als korrekte Deutung gilt, haben nichtautistische Menschen festgelegt. Wer eine Situation anders liest, hat nach diesem Massstab falsch gelegen, auch wenn seine Deutung in sich stimmig ist. Genau hier trifft sich die Kritik an den Tests mit dem Double Empathy Problem.
Dazu kommt die Vermutung, dass ein Teil dieser Unterschiede auf etwas anderes zurückgehen könnte als auf den Autismus, nämlich auf die Alexithymie, also die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle zu benennen. Sie betrifft etwa die Hälfte der autistischen Menschen. In der Metaanalyse von 2025 liess sich dieser Zusammenhang allerdings nicht zeigen. Ob Alexithymie vorlag oder nicht, änderte an den gefundenen Werten nichts.
Für den Alltag ist die Unterscheidung zwischen den beiden der eigentliche Punkt. Wenn gesagt wird, eine autistische Person zeige „wenig Empathie“, so ist nicht das Mitschwingen gemeint, sondern das Lesen einer sozialen Situation. Wobei der Fokus darauf liegt, dass die Situation anders gelesen wurde, als dies von einer meist neurotypischen erwachsenen Person gelesen worden wäre. Steht in einem Bericht „zeigt wenig Empathie“, ist damit fast nie das Mitschwingen gemeint.
Ein Kind, welches zwar stark mitfühlt, sich aber anders ausdrückt oder die soziale Situation anders einschätzt, kann von aussen aussehen wie eines, welches nicht mitschwingt.
Haben autistische Menschen keine Theory of Mind?
Nein. Autistische Menschen können sich sehr wohl vorstellen, was in einem anderen Menschen vorgeht. Die gegenteilige Annahme geht auf ein einzelnes Experiment von 1985 zurück und hat sich bei genauerer Prüfung nicht bestätigt.
Theory of Mind heisst die Fähigkeit, sich vorzustellen, dass ein anderer Mensch etwas anderes weiss, denkt oder fühlt als man selbst. Jahrzehntelang galt als gesichert, dass autistischen Kindern genau das fehlt oder dass sich diese Fähigkeit bei ihnen sehr viel später entwickelt. Trotzdem ist dir vielleicht auch schon begegnet: „Ah, das Kind kann sich in andere hineinversetzen, das ist es bestimmt nicht autistisch.“
Angefangen hat es 1985 mit einem Experiment, das du vielleicht kennst. Sally legt ihre Kugel in einen Korb und geht hinaus. Während sie weg ist, nimmt Anne die Kugel und versteckt sie in einer Schachtel. Dann die Frage an das Kind: Wo wird Sally nach ihrer Kugel suchen? Wer versteht, dass Sally nicht gesehen hat, wo die Kugel versteckt wurde, antwortet „im Korb". In dieser Studie beantworteten rund 85 Prozent der Vergleichskinder die Frage richtig und nur 4 von 20 autistischen Kindern. Einer der drei Autoren war übrigens Simon Baron-Cohen, derselbe Forscher wie in dem Interview oben.
Aus diesem einen Experiment wurde ein Satz über autistische Menschen insgesamt, der heute jedoch nicht mehr hält. Morton Ann Gernsbacher und Melanie Yergeau sind die ganze Theory-of-Mind-Forschung zu Autismus durchgegangen und haben vier Dinge gefunden:
- Die zentralen Befunde liessen sich nicht wiederholen.
- Die Aufgaben hängen stark an gesprochener Sprache. Sie bestehen meist aus Geschichten, die gehört oder gelesen und dann beantwortet werden müssen, auch die von 1985. Wer sprachlich stark ist, schneidet besser ab.
- Verschiedene Theory-of-Mind-Aufgaben kommen beim selben Menschen zu verschiedenen Ergebnissen.
- Die Ergebnisse sagen weder voraus, wie empathisch jemand ist, noch wie gut er mit anderen zurechtkommt.
Warum verarbeiten autistische Menschen soziale Signale anders?
Dazu gibt es einen Erklärungsversuch, den ich einleuchtend finde, der aber nicht bewiesen ist: Autistische Wahrnehmung ist stärker auf Details und einzelne Merkmale ausgerichtet. Während neurotypische Menschen eher das grosse Ganze betrachten und den Details weniger Beachtung schenken.
Francesca Happé und Uta Frith haben das über mehr als fünfzig Studien zusammengetragen und beschrieben wird es heute eher als Verarbeitungsstil, teilweise auch als Stärke. Laurent Mottron formuliert es in seinem Modell der autistischen Wahrnehmung so, dass die schnellen, zusammenfassenden Denkvorgänge bei autistischen Menschen optional sind, während sie bei nichtautistischen automatisch mitlaufen. Mimik, Körperhaltung, Stimmlage und die Worte, die tatsächlich gesagt wurden, werden dann eher einzeln gelesen als zu einem schnellen Gesamteindruck verrechnet. Das dauert länger, sieht anders aus und von aussen liest sich das leicht als „reagiert nicht" oder die Reaktion fällt anders aus, wenn auf jedes Wort gehört wird, als wenn alles miteinander verrechnet wird.
Der Ehrlichkeit halber zwei Einschränkungen: Happé und Frith, von denen der Befund zur Detailverarbeitung stammt, halten es selbst für unwahrscheinlich, dass er die sozialen Unterschiede komplett erklärt. Und eine Studie zur empathischen Genauigkeit fand 2025, dass die Gefühle autistischer Erzählender für alle schwerer zu lesen waren, auch für autistische Beobachtende. Das passt nicht ins Bild, zeigt aber, dass alles gar nicht so klar ist hier und es wohl noch viel Forschung braucht, um zu verstehen, was der Effekt eigentlich ist.
Was heisst das Double Empathy Problem für den Alltag mit deinem Kind?
Dass die Verständigung Arbeit von beiden Seiten braucht, nicht nur von der einen. Du deutest weniger an, sagst mehr direkt und fragst nach, statt dir zusammenzureimen, was dein Kind gerade gemeint hat. Und es ist sehr gut möglich, dass du für dein Kind einstehen darfst, wenn von ihm verlangt wird, dass es sich für die Verständigung nur anpassen soll. Du kannst euer Umfeld informieren darüber, was deinem Kind (oder dir!) hilft, damit es sich in sozialen Situationen besser verstanden und angenommen fühlt, ohne sich ständig verstellen zu müssen.
Vier Sachen, die daraus folgen:
- Die Frage umdrehen. Statt „Warum versteht mein Kind mich nicht" einmal „An welcher Stelle habe ich mein Kind nicht verstanden". Das kann ungewohnt sein und braucht etwas Übung, lohnt sich aber.
- Sagen statt andeuten. Ein genervter Blick, ein Seufzer, ein „Es ist schon spät" sind Andeutungen. Sie funktionieren nur, wenn beide dieselben unausgesprochenen Regeln kennen. Hast du das Gefühl, dass du nicht verstanden wurdest, dann sag es nochmals und zwar so klar wie möglich.
- Missverständnisse benennen, statt Verhalten zu korrigieren. „Ich glaube, wir haben gerade von zwei verschiedenen Dingen geredet" ist viel konstruktiver als „So redet man nicht mit mir".
- Damit rechnen, dass es gegenseitig ist. Wenn dein Kind dich in einem Moment falsch versteht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du es gerade ebenfalls falsch verstanden hast. Also hier am besten nochmals zurückrudern und fragen, was denn gemeint war.
Keine dieser vier Sachen muss sofort klappen und es lohnt sich, hier erst mal etwas auszuprobieren, statt direkt alles auf einmal tun zu wollen.
Wenn du beim Sagen statt Andeuten weiterkommen möchtest: Bei den kleinen Hilfen für den Alltag liegt „Wie du dein Kind erreichst, auch wenn es nicht zuhört" zum kostenlosen Herunterladen, ein eBook mit fünf Pfeilern für die Sprache in der Familie.
Was tun, wenn in einer Rückmeldung oder einem Bericht „zeigt wenig Empathie“ steht?
Nachfragen, woran genau das festgemacht wurde. Meistens sind es Gesichtsausdruck, Blickkontakt oder Tonfall, also die Form, in der etwas ankommt.
Die Sasson-Studie legt nahe, dass Erwachsene ihr Urteil über ein Kind in Sekunden fällen und dann daran festhalten. Es kann sich lohnen hier für das Kind einzustehen und Klarheit zu schaffen oder zu informieren. Wichtig: Immer vom eigenen Kind reden und vermeiden belehrend zu wirken. Erfahrungsgemäss kommt das bei Gesprächen mit Fachpersonen eher weniger gut an.
Heisst das, mein Kind braucht keine Unterstützung mehr?
Nein. Das Konzept verschiebt die Zuschreibung, den Bedarf senkt es nicht.
Autistische Kinder erleben reale Schwierigkeiten, die nicht verschwinden, wenn ihr Gegenüber sich Mühe gibt. Reizüberflutung bleibt Reizüberflutung, Erschöpfung bleibt Erschöpfung und soziale Situationen bleiben herausfordernd. Was sich verschiebt, ist die Zuschreibung: Es geht um eine Verständigung zwischen zwei verschiedenen Systemen und die macht auf beiden Seiten Arbeit.
Und es heisst auch nicht, dass Baron-Cohens Forschung wertlos wäre. Seine Beobachtung, dass viele autistische Menschen Systeme aussergewöhnlich gut durchdringen, halte ich für richtig und für nützlich, nachzulesen in seinem Buch „The Pattern Seekers". Was ich eher nicht so sehe ist die Kopplung von: Je mehr Muster, desto weniger Empathie.
Wenn du magst, schicke ich dir so etwas regelmässig. In der „Nervennahrung" schreibe ich zweimal im Monat über das, was mir im Alltag mit bedürfnisstarken Kindern unterkommt und jede zweite Ausgabe bringt etwas zum Ausdrucken oder Anhören mit.
Dir gefällt, was du liest? Du kannst meinen Blog abonnieren; mit meinem Newsletter.
Wo bei euch die Übersetzung gerade hakt, schauen wir in einer Kurz-Session an.
Was nehme ich aus dem Double Empathy Problem mit?
Wenn mein Kind mich nicht versteht, verstehe ich es in diesem Moment vermutlich genauso wenig. Und: „wenn du ein autistisches Kind kennst, kennst du ein autistisches Kind“. Studien beschreiben Durchschnitte über grosse Gruppen und dein Kind ist kein Durchschnitt. Trotzdem finde ich das Double Empathy Problem eines der wenigen Konzepte, das im Alltag ziemlich schnell etwas verändert und zwar bei mir selbst sowie den Menschen, die sonst mit meinem Kind zu tun haben.
Wie ist das bei euch, gibt es eine Situation, in der du im Nachhinein gemerkt hast, dass ihr aneinander vorbeigeredet habt?
Wo bekomme ich Unterstützung, wenn es bei uns immer wieder schwierig wird?
Lesen hilft beim Verstehen. Im eigenen Alltag umsetzen ist der schwierigere Teil und genau dabei begleite ich Eltern.
In einer Einzelsession schauen wir auf eine Situation, in der ihr euch in der Familie immer wieder missversteht. Gemeinsam suchen wir, wie die Übersetzung in beide Richtungen besser gelingt. Wenn dir Schreiben leichter fällt, geht das auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.
Welches Angebot zu dir passt, klären wir auch gerne per Mail. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt mit ein paar Sätzen zu dem, was euch gerade beschäftigt.
Häufige Fragen zum Double Empathy Problem
Was ist das Double Empathy Problem einfach erklärt?
Das Double Empathy Problem besagt, dass autistische und nichtautistische Menschen einander gegenseitig schlecht verstehen, weil ihre Erfahrungswelten weit auseinanderliegen. Das Missverstehen läuft in beide Richtungen und ist kein Defizit einer Seite. Der autistische Forscher Damian Milton hat den Begriff 2012 geprägt.
Haben autistische Menschen keine Empathie?
Nein. Eine Metaanalyse über 226 Studien fand 2025 beim Mitfühlen selbst, also der affektiven Empathie, nur einen kleinen Unterschied, der in den methodisch besten Studien ganz verschwand. Deutlich war der Unterschied vor allem bei Aufgaben zur kognitiven Empathie und was diese Aufgaben messen, ist umstritten. Die ältere Vorstellung eines grundsätzlichen Theory-of-Mind-Defizits gilt heute als nicht haltbar.
Welche Studien belegen das Double Empathy Problem?
Am bekanntesten ist die Studie von Catherine Crompton aus dem Jahr 2020: Informationen wurden in rein autistischen Gruppen genauso zuverlässig weitergegeben wie in rein nichtautistischen, brachen aber in gemischten Gruppen ein. 2025 hat dasselbe Team die Studie mit 311 Personen in drei Ländern wiederholt und den zweiten Teil nicht bestätigt, der erste Teil hielt. Gut belegt bleibt die Arbeit von Noah Sasson aus dem Jahr 2017: Nichtautistische Beobachter bewerten autistische Menschen innerhalb von Sekunden negativer und dieser Effekt verschwindet, sobald nur der Gesprächsinhalt ohne Bild und Ton beurteilt wird.
Was bedeutet das Double Empathy Problem für die Schule?
Steht in einem Bericht „zeigt wenig Empathie“, lohnt sich die Frage, woran das festgemacht wurde. Meistens sind es Blickkontakt, Mimik oder Tonfall, also die Form und nicht der Inhalt. Sinnvoller als ein Training für das Kind allein ist es, wenn beide Seiten Unausgesprochenes explizit machen.
Quellen
Simon Baron-Cohen, Alan Leslie und Uta Frith: Does the autistic child have a „theory of mind"? Cognition, 21(1), 1985, Seiten 37 bis 46. Beim Verlag
Damian Milton: On the ontological status of autism: the double empathy problem. Disability & Society, 2012. Freies PDF der University of Kent
Catherine Crompton et al.: Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism, 2020. Open Access bei Sage
Catherine Crompton et al.: Information transfer within and between autistic and non-autistic people. Nature Human Behaviour, 2025, Registered Report, N = 311. Open Access bei Nature
Noah Sasson et al.: Neurotypical peers are less willing to interact with those with autism based on thin slice judgments. Scientific Reports, 2017. Open Access in Scientific Reports
Brett Heasman und Alex Gillespie: Perspective-taking is two-sided. Autism, 2018. Open Access bei Sage
Noémie Cusson et al.: A systematic review and meta-analysis of empathy in autism: The influence of measures. Clinical Psychology Review, 2025. Bei ScienceDirect
Morton Ann Gernsbacher und Melanie Yergeau: Empirical failures of the claim that autistic people lack a theory of mind. Archives of Scientific Psychology, 2019. Open Access
Francesca Happé und Uta Frith: The weak coherence account: detail-focused cognitive style in autism spectrum disorders. Journal of Autism and Developmental Disorders, 2006. Bei Springer
Laurent Mottron et al.: Enhanced Perceptual Functioning in Autism. Journal of Autism and Developmental Disorders, 2006. Bei Springer
Rachael Cheang et al.: Do you feel me? Autism, empathic accuracy and the double empathy problem. Autism, 2025. Bei Sage
Elizabeth Kilgallon, Monique Botha, Damian Milton, Noah Sasson, Catherine Crompton et al.: What the Double Empathy Problem Is (and Is Not). Autism in Adulthood, 2026. Bei Sage
Simon Baron-Cohen: The Pattern Seekers. Allen Lane, 2020. Aufhänger der Einleitung.
Goni Boller ist Beraterin und Coach für Eltern von sensiblen, gefühlsstarken, wilden und neurodivergenten Kindern. Sie begleitet Familien dabei, zu verstehen, wie bei ihnen alle ticken, und Lösungen zu finden, die für alle passen. Damit der Alltag wieder mehr Spass macht und die Familie zusammenhält. Es geht dabei nicht nur um Ideen für den Umgang mit dem Kind, sondern auch um die eigenen Prägungen und Trigger, die oft genau dann im Weg stehen, wenn Eltern eigentlich anders reagieren möchten.
Selbst neurodivergent und Mutter von zwei gefühlsstarken Jungs kennt Goni diesen Familienalltag nicht nur aus der Theorie. Dazu kommt ihr Wissen aus der Coachingausbildung, aus der kindlichen Entwicklung und aus ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund. Als Coach arbeitet sie seit 2018. Mit ihrer Familie lebt sie im Aargau in der Schweiz.