Das Wichtigste in Kürze

  • Legasthenie, LRS und Dyslexie meinen im Alltag meistens dasselbe: deutliche, anhaltende Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, die nichts mit Intelligenz zu tun haben.
  • Legasthenie ist zu einem grossen Teil angeboren und bleibt, Lesen und Rechtschreibung lassen sich mit gezielter Förderung aber deutlich verbessern.
  • Am besten belegt ist regelmässiges Üben von Buchstaben und Lauten, Silben und Rechtschreibregeln. Für farbige Brillen oder Prismenbrillen fehlen die Belege.
  • Hilfsmittel wie Vorlesefunktion, Diktieren und der Nachteilsausgleich machen Wissen zugänglich und geben den Stärken deines Kindes Platz.
  • Viele Kinder mit Legasthenie haben ausgeprägte Fähigkeiten abseits der Schrift und genau die verdienen genauso viel Aufmerksamkeit wie das Üben.

„Mit mir ist etwas kaputt.“ So fühlt sich eine Legasthenie für viele Kinder und Erwachsene an, auch wenn heute alle sagen, dass niemand etwas dafür kann. Im Diktat, im Zeugnis und beim Vorlesen vor der Klasse zeigt sich immer wieder dasselbe: was nicht klappt. Mit dem Nachteilsausgleich ist vieles leichter geworden als früher. Das Gefühl, irgendwie falsch zu sein, bleibt trotzdem oft hängen. Ich kenne Legasthenie aus meinem persönlichen Umfeld, aus meiner Arbeit und von meiner Mutter, die früher als Legasthenietherapeutin gearbeitet hat. Darum möchte ich in diesem Artikel den Blick weiten: was Legasthenie ist, was beim Lesen- und Schreibenlernen wirklich hilft und was an deinem Kind alles stark ist.

Was ist Legasthenie?

Legasthenie ist eine angeborene, anhaltende Schwierigkeit beim Lesen- und Schreibenlernen, die sich nicht durch die Intelligenz, das Sehen oder Hören oder fehlenden Unterricht erklären lässt. Die Weltgesundheitsorganisation führt sie in der ICD-11 unter den Lernstörungen beim Lesen und zählt sie zu den neurologischen Entwicklungsstörungen.

Betroffen sein können das genaue Erkennen von Wörtern, das Lesetempo, das Verstehen von Gelesenem und die Rechtschreibung. Manche Kinder haben vor allem mit dem Lesen Mühe, andere vor allem mit dem Schreiben, viele mit beidem. Wie häufig Legasthenie ist, hängt stark davon ab, wo die Grenze gezogen wird. Schätzungen reichen bis zu rund zehn Prozent der Kinder, in einer Schulklasse sind es also meistens ein oder mehrere Kinder.

Legasthenie sagt etwas darüber, wie ein Gehirn Schrift verarbeitet und nichts darüber, wie klug ein Kind ist.

Ist Legasthenie dasselbe wie LRS und Dyslexie?

Im Alltag ja, die drei Begriffe werden meistens gleichbedeutend verwendet. Unterschiede gibt es vor allem in der Fachsprache und dort definieren Medizin, Psychologie und Pädagogik sie auch noch je etwas anders.

BegriffWas damit meistens gemeint ist
LegasthenieDas ältere deutsche Wort, in der Schweiz im Alltag nach wie vor am gebräuchlichsten
LRS (Lese-Rechtschreib-Störung)Der Begriff, den Fachleute in Deutschland heute meistens verwenden, oft mit dem Zusatz „Lese- und/oder Rechtschreibstörung“
LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche)Manchmal breiter gemeint: Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben, die auch andere Ursachen haben können, etwa eine andere Erstsprache oder lange Schulausfälle
DyslexieDas internationale Wort, abgeleitet vom englischen „dyslexia“

Wenn in einem Gespräch mit der Schule, der Logopädin oder dem Schulpsychologischen Dienst unterschiedliche Begriffe fallen, lohnt sich die Frage, ob eine Abklärung gemacht wurde und was dort festgestellt wurde. Einen Überblick, wie Legasthenie mit ADHS, Autismus und anderen Formen neurologischer Vielfalt zusammenhängt, findest du im Artikel Neurodivergenzen verstehen.

Woran erkenne ich Legasthenie bei meinem Kind?

Ein wichtiges Zeichen ist, dass Lesen und Schreiben trotz regelmässigem Üben deutlich mühsamer bleiben als bei Gleichaltrigen, während dein Kind in anderen Bereichen gut mitkommt. Typisch können sein:

  • Lesen bleibt langsam und stockend, auch bei Wörtern, die dein Kind schon oft gesehen hat.
  • Das gleiche Wort wird auf einer Seite mehrmals unterschiedlich geschrieben.
  • Buchstaben werden vertauscht, ausgelassen oder hinzugefügt.
  • Beim Vorlesen ist so viel Kraft beim Entziffern, dass vom Inhalt wenig hängen bleibt.
  • Erzählt oder vorgelesen versteht dein Kind dieselbe Geschichte gut.
  • Dein Kind weicht dem Lesen aus, bekommt vor Diktaten Bauchweh oder sagt Sätze wie „Ich bin einfach dumm“.

Einzelne dieser Zeichen kennen viele Kinder in der ersten und zweiten Klasse. Auffällig wird es, wenn sie über längere Zeit bleiben und dein Kind trotz Förderung kaum vorwärtskommt. Zuerst lohnt sich ein Besuch beim Augenarzt, denn eine unerkannte Sehschwäche kann das Lesen zusätzlich erschweren, wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft betont.

In der Schweiz läuft die Abklärung meistens über den Schulpsychologischen Dienst. Im Kanton Zürich können laut dem Arbeitspapier Lese-Rechtschreib-Störung des Volksschulamts auch sonderpädagogische Fachpersonen die Diagnose stellen. Wie das genau geregelt ist, unterscheidet sich von Kanton zu Kanton, die Klassenlehrperson oder die schulische Heilpädagogin weiss in der Regel, wer bei euch zuständig ist.

Woher kommt Legasthenie?

Legasthenie ist zu einem grossen Teil angeboren und tritt in Familien gehäuft auf. Ein Übersichtsartikel von Erbeli, Rice und Paracchini (2021) fasst zwanzig Jahre Forschung zusammen: Zwillingsstudien schätzen den Anteil der Gene auf rund 70 Prozent und dahinter stecken viele Gene mit je kleinem Einfluss. Ein einzelnes „Legasthenie-Gen“ gibt es nicht.

Im Gehirn läuft vor allem die Verknüpfung von Lauten und Buchstaben anders. Ein Kind mit Legasthenie muss Wörter länger bewusst zusammensetzen, wo andere sie irgendwann automatisch erkennen. Das kostet viel Energie und deshalb ist dein Kind nach dem Lesen oft müder, als es von aussen aussieht.

Was ich dabei spannend finde: Schrift ist eine sehr junge Erfindung der Menschheit, ein paar tausend Jahre alt. Für das Lesen hat das Gehirn keinen eigenen Bereich, es baut sich dafür bei jedem Kind aus Bereichen um, die eigentlich für Sprache und Sehen da sind. Dass dieser Umbau bei manchen Menschen anders läuft, ist aus meiner Sicht eher eine Frage der Passung zwischen Gehirn und Kulturtechnik als ein Zeichen, dass etwas kaputt ist.
Ist Legasthenie eine Krankheit?

Legasthenie ist eine Besonderheit der Entwicklung, die in den Diagnosesystemen als Störung geführt wird, damit Kinder Anspruch auf Förderung und Nachteilsausgleich haben. Krank im üblichen Sinn ist ein Kind damit nicht und Legasthenie lässt sich auch nicht wegbehandeln.

Was ich in meinem Umfeld und in meiner Arbeit sehe: Legasthenie wird sehr häufig nur als Defizit gesehen. Zwar ist die Haltung heute, dass niemand etwas dafür kann und man sie auch nicht irgendwie wegmachen kann. Trotzdem fühlt es sich für viele Betroffene sehr nach Defizit an. In der Bewegung rund um neurologische Vielfalt wird Legasthenie deshalb als eine von vielen Arten beschrieben, wie Gehirne funktionieren können (mehr dazu im Artikel Was bedeuten Neurodiversität und Neurodivergenz). Fachleute diskutieren, wie gut dieser Blick zu Legasthenie passt, weil sie bisher vor allem über die Schwierigkeiten definiert wird. Für ein Kind macht es trotzdem einen grossen Unterschied, ob es sich als „gestört“ erlebt oder als jemanden, dessen Gehirn mit Schrift anders umgeht.

Welche Stärken haben Kinder mit Legasthenie?

Die Forschung hat bisher keine Stärke gefunden, die alle Menschen mit Legasthenie gemeinsam haben, doch viele haben ausgeprägte Fähigkeiten in Bereichen, die mit Lesen wenig zu tun haben. Wichtig ist es für Kinder, dass ihre Stärken wahrgenommen und sie darin gefördert werden, damit sie diese nutzen sowie darin erstrahlen können. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Stärken etwas mit einer Dyslexie zu tun haben oder nicht.

Was die Forschung zu Legastheniker:innen-Stärken sagen

Oft liest man, Menschen mit Legasthenie seien besonders kreativ. Eine Metaanalyse von Erbeli, Peng und Rice (2021) hat 20 Studien mit 770 Menschen mit Dyslexie und 1671 Vergleichspersonen ausgewertet. Insgesamt fanden sie keinen Unterschied in der Kreativität. Bei Erwachsenen zeigte sich ein kleiner Vorteil für die Gruppe mit Dyslexie, bei Jugendlichen nicht und bei Aufgaben mit Bildern und Formen lief es für die Gruppe mit Dyslexie besser als bei Aufgaben mit Sprache.

Eine spannende Idee kommt von Helen Taylor und Martin Vestergaard (2022). Sie haben bestehende Studien neu betrachtet und vermuten, dass Menschen mit Dyslexie eher darauf ausgerichtet sind, Neues zu erkunden, Zusammenhänge zu sehen und das grosse Ganze zu erfassen. Die Kehrseite davon wäre, dass Abläufe wie Lesen und Rechtschreibung langsamer automatisch werden. Das ist eine Hypothese ohne eigene neue Daten und noch nicht bestätigt. Mir gefällt sie trotzdem sehr, weil sie Lesen und Schreiben als eine Seite einer Medaille zeigt, die auch eine andere Seite hat.

Was ich bei Menschen mit Legasthenie beobachte

In meinem Umfeld kenne ich Menschen mit starker und mittlerer Legasthenie und ich sehe bei ihnen vieles, was im Zeugnis nie auftaucht. Wer jahrelang Umwege suchen musste, um mit Texten klarzukommen, ist häufig richtig gut darin geworden, Lösungen zu finden, wo andere aufgeben. Viele erfassen beim Zuhören erstaunlich schnell, worum es geht, merken sich Gespräche bis ins Detail und können Dinge mündlich sehr klar erklären. Und in der heutigen Zeit ist es auch nicht mehr so wichtig mit Stift und Papier gute Leistungen zu erzielen, wenn man auch am PC arbeiten kann mit Rechtschreibprogramm, Spracheingabe und Videos, die alles erklären.

Diese Beobachtungen sind meine Erfahrung und keine Forschungsergebnisse. Sie zeigen aber, wo sich ein genauer Blick bei deinem Kind lohnt:

  • Wie gut versteht und erinnert es, was es hört oder sieht?
  • Wo erzählt, baut, zeichnet, erfindet oder organisiert es mit Begeisterung?
  • Welche eigenen Tricks hat es schon gefunden, um mit Lesen und Schreiben klarzukommen?
  • Wann vergisst es die Zeit, weil ihm etwas richtig liegt?

Was bedeutet Dyslexic Thinking?

„Dyslexic Thinking“ ist ein Begriff, mit dem Menschen mit Legasthenie die Denkweise beschreiben, die sie an sich selbst als Stärke erleben. Geprägt hat ihn die britische Organisation Made By Dyslexia, gegründet von Kate Griggs, die selbst Legasthenie hat.

2022 startete Made By Dyslexia zusammen mit Richard Branson eine Kampagne, bei der unter anderem Keira Knightley und Orlando Bloom mitmachten. Seither kann man „Dyslexic Thinking“ auf LinkedIn als Fähigkeit ins Profil eintragen und Dictionary.com hat den Begriff aufgenommen.

Made By Dyslexia beschreibt sechs Bereiche:

BereichWas damit gemeint ist
VisualisierenRäumlich denken, sich Dinge vorstellen, erfinden und bauen
VorstellenEigene Ideen entwickeln und Bekanntes neu deuten
KommunizierenAnschaulich erklären und Geschichten erzählen
SchlussfolgernMuster erkennen, Kompliziertes vereinfachen und Entscheidungen treffen
ErkundenNeugierig bleiben, dranbleiben und Neues ausprobieren
VerbindenSich selbst und andere gut verstehen und andere mitreissen

Das ist die Sicht von Menschen mit Legasthenie selbst, gestützt auf Umfragen und auf Berichte, die Made By Dyslexia zusammen mit Firmen wie der Beratungsfirma EY erstellt hat. Wissenschaftlich belegt ist damit nicht, dass Legasthenie diese Stärken mit sich bringt. Die Liste zeigt aber, wie viele Betroffene sich selbst erleben, und das ist für ein Kind, das sonst vor allem hört, was nicht klappt, sehr viel wert.

Ich finde die sechs Bereiche eine schöne Grundlage für ein Gespräch mit deinem Kind. Ihr könnt sie zusammen durchgehen und schauen, was es bei sich wiedererkennt und wo es sich vielleicht noch gar nicht zugetraut hat, stark zu sein.

Welche berühmten Menschen haben Legasthenie?

Viele bekannte Menschen haben öffentlich erzählt, dass sie Legasthenie haben, darunter Steven Spielberg, Keira Knightley, Jennifer Aniston, Jamie Oliver, Tom Holland und Richard Branson. Ihre Geschichten zeigen, wie unterschiedlich Wege mit Legasthenie aussehen können und manchen Kindern hilft es im Umgang mit der eigenen Dyslexie, wenn sie wissen, dass coole Promis diese Eigenschaft mit ihnen teilen und so Vieles erreicht haben.

  • Steven Spielberg hat seine Diagnose erst mit 60 Jahren bekommen. In der Schule lag er beim Lesen rund zwei Jahre zurück, hatte Angst vor dem Vorlesen und wurde für faul gehalten. Er liest bis heute langsam, hat aber nach eigenen Worten gelernt, sich anzupassen (Interview-Zusammenfassung).
  • Keira Knightley wurde als Kind wegen ihres Lesens ausgelacht. Ihre Eltern verbanden das Üben mit ihrem grossen Wunsch, Schauspielerin zu werden: Wer in den Sommerferien jeden Tag liest, darf sich eine Agentin suchen.
  • Jennifer Aniston wurde erst in ihren Zwanzigern diagnostiziert und sagte, plötzlich habe sich vieles aus ihrer Kindheit erklärt.
  • Jamie Oliver hatte in der Schule grosse Mühe. Die Küche hat ihn nach eigenen Worten „gerettet“.
  • Tom Holland wurde mit sieben Jahren diagnostiziert, bei ihm betrifft es vor allem die Rechtschreibung.
  • Richard Branson sagt, Menschen mit Legasthenie hätten „die Fähigkeiten der Zukunft“.
  • Sebastian Steffen, Autor aus Biel, schreibt trotz Legasthenie Romane, zuletzt den Mundartroman „Ich wett I chönnt Französisch“. Er ist überzeugt, dass seine Geschichten schon in der Schule gut angekommen wären, wenn mehr auf den Inhalt geachtet worden wäre (SRF Kultur).

Für Kinder können solche Geschichten ein starkes Gegenbild zu „Ich bin dumm“ sein. Mindestens so viel bewirken oft Menschen aus dem eigenen Umfeld, die erzählen, wie es ihnen ergangen ist und was ihnen geholfen hat.

Wie stärke ich das Selbstbild meines Kindes mit Legasthenie?

Am meisten hilft, wenn Lesen und Schreiben vom Wert deines Kindes getrennt werden und seine Stärken im Alltag genauso viel Platz bekommen wie das Üben. Ein Kind mit Legasthenie bekommt möglicherweise sehr oft Rückmeldungen dazu, was nicht klappt und was mehr geübt werden soll. Zuhause darf das Gegengewicht dazu entstehen.

Ein paar Ideen, die vielen Familien helfen. Bestimmt passen nicht alle davon zu euch:

  • Erklären, was im Kopf passiert. Ein Kind, das versteht, dass sein Gehirn Buchstaben und Laute anders verknüpft, muss sich die Schwierigkeiten nicht mehr mit „Ich kann das einfach nicht“ erklären.
  • Am eigenen Fortschritt messen. Der Vergleich mit den Gschpänli fällt beim Lesen fast immer schlecht aus, der Vergleich mit dem eigenen Lesen vor drei Monaten oft erstaunlich gut. Warum der ständige Vergleich am Selbstbild nagt, beschreibe ich im Artikel zum Selbstbild bei neurodivergenten Kindern.
  • Inhalt und Form trennen. Ein Aufsatz kann eine tolle Geschichte haben und trotzdem voller Fehler sein. Beides darf getrennt angeschaut werden und die Geschichte zuerst.
  • Bereiche schaffen, in denen dein Kind glänzt. Ob Sport, Musik, Tiere, Technik oder Bauen: Dort sammelt es die Erfolgserlebnisse, die es beim Lesen gerade selten bekommt.
  • Hilfsmittel normal machen. Hörbücher sind genauso Lesen und Diktieren ist genauso Schreiben. Je selbstverständlicher ihr damit umgeht, desto weniger schämt sich dein Kind dafür.
  • Vorbilder suchen. Viele Menschen mit Legasthenie haben ihren Weg gefunden. Ein Erwachsener oder Teenie aus eurem Umfeld, der davon erzählt, kann mehr bewirken als jedes Lob.

Wie du das Selbstvertrauen deines Kindes allgemein stärken kannst, findest du auch im Artikel Selbstbewusstsein stärken bei Kindern.

Oft hängt an der Legasthenie mehr als das Üben: Streit bei den Hausaufgaben, ein Kind, das sich zurückzieht und Eltern, die selbst nicht mehr wissen, wie viel Druck richtig ist. Genau dabei begleite ich Eltern. In einer Kurz-Session schauen wir, wie viel Üben bei euch gerade gut ist und was dein Kind entlastet.

Kann man Legasthenie verbessern?

Ja, Lesen und Rechtschreibung lassen sich mit gezielter Förderung deutlich verbessern, auch wenn die Legasthenie selbst bleibt. Je früher die Förderung beginnt, desto leichter ist es meistens. Doch auch Jugendliche und Erwachsene machen noch Fortschritte.

Realistisch ist, dass Lesen und Schreiben für dein Kind mehr Kraft brauchen als für andere, wahrscheinlich ein Leben lang. Das Ziel ist deshalb ein Lesen und Schreiben, das im Alltag gut genug funktioniert und dazu die Hilfsmittel, die den Rest abfedern. Viele Menschen mit Legasthenie lesen als Erwachsene gern und viel, nur eben auf ihre Art.

Was hilft Kindern mit Legasthenie beim Lesen und Schreiben lernen?

Am besten belegt ist gezieltes, regelmässiges Üben genau dort, wo die Schwierigkeit liegt: wie Buchstaben und Laute zusammenhängen, wie Wörter in Silben aufgebaut sind und nach welchen Regeln sie geschrieben werden. Das zeigt die deutsche Behandlungsleitlinie zur Lese- und Rechtschreibstörung, die gerade überarbeitet wird.

Gut belegtWenig oder nicht belegt
Systematisches Üben von Buchstaben und Lauten, verbunden mit Lesen und SchreibenFarbige Brillen, Farbfolien und Prismenbrillen
Lesen und Schreiben in SilbenTraining nur des Hörens, ohne Buchstaben
Rechtschreibregeln Schritt für Schritt erarbeitenBlick- und Bewegungstrainings, die angeblich die Ursache behandeln
Begleitetes Lesen, bei dem jemand mitliest und hilftMedikamente, Heilmittel gegen Legasthenie

Für die Förderung braucht es in der Regel Fachleute, in der Schweiz meistens die Logopädie oder eine Lerntherapie. Im Alltag zuhause trägt vor allem das, was rundherum passiert:

  • Kurz und regelmässig. Zehn Minuten jeden Tag bringen meistens mehr als eine Stunde am Wochenende.
  • Mit wenig Druck. Ein Kind unter Stress lernt deutlich schlechter, weil das Gehirn dann auf Schutz statt auf Lernen ausgerichtet ist. Ein ruhiger, verbundener Moment vor dem Üben hilft oft mehr als jede neue Methode. Wie das geht, beschreibe ich im Artikel zur Co-Regulation.
  • Vorlesen nicht aufhören. Auch wenn dein Kind selbst lesen lernt, hält gemeinsames Vorlesen die Freude an Geschichten wach und erweitert den Wortschatz.
  • Texte passend machen. Grössere Schrift und mehr Abstand zwischen Wörtern und Zeilen machen das Lesen für viele Kinder leichter.

Eine gute, kurze Übersicht für Eltern ist der Ratgeber Lese-/Rechtschreibstörung (LRS)* von Gerd Schulte-Körne und Katharina Galuschka. Er ist sachlich, nicht dick und hat praktische Tipps zu Hausaufgaben. Die rechtlichen Teile beziehen sich auf Deutschland.

Welche Hilfsmittel gibt es bei Legasthenie?

Hilfsmittel machen Wissen zugänglich, ohne dass jedes Mal zuerst die Hürde Schrift genommen werden muss. Sie ersetzen das Üben nicht, sie sorgen aber dafür, dass dein Kind in Sachkunde, Geschichte oder Natur und Technik zeigen kann, was es weiss.

HilfsmittelWobei es hilft
Vorlesefunktion auf Tablet, Handy oder ComputerTexte und Aufgaben anhören statt mühsam entziffern
HörbücherGeschichten und Wissen ohne Lesehürde, Wortschatz wächst trotzdem mit
DiktierfunktionGedanken festhalten, bevor sie beim Buchstabieren verloren gehen
RechtschreibprüfungFehler finden, die das Kind selbst nicht mehr sieht
Texte mit grösserer Schrift und mehr ZeilenabstandWeniger Gedränge auf der Seite, leichteres Lesen
Silbenmarkierung (zum Beispiel farbige Silbenbögen)Lange Wörter in machbare Stücke zerlegen

Manche Kinder nehmen beim Lesen gern ein Lineal oder ein Lesefenster, um nicht in der Zeile zu verrutschen. Ob das hilft, findet ihr am besten zusammen heraus.

Was bringt ein Nachteilsausgleich bei Legasthenie in der Schweiz?

Ein Nachteilsausgleich passt die Bedingungen bei Prüfungen an die Legasthenie an, ohne die Lernziele zu senken. Typische Massnahmen sind mehr Zeit, vorgelesene Aufgaben oder das Schreiben am Computer mit Rechtschreibkorrektur, wie der Beobachter beschreibt. Der Inhalt wird dabei gleich bewertet wie bei den anderen Kindern.

Voraussetzung ist eine Diagnose, die je nach Kanton der Schulpsychologische Dienst oder sonderpädagogische Fachpersonen stellen. Die Regeln unterscheiden sich von Kanton zu Kanton und auch zwischen Volksschule, Gymnasium und Berufsbildung. Darum lohnt es sich, früh mit der Schule zu klären, was bei euch möglich ist, und den Nachteilsausgleich bei jedem Stufenwechsel neu zu beantragen.

Was kann ich als Mutter oder Vater jetzt tun?

Zu verstehen, was Legasthenie ist, ist der erste Schritt. Schwieriger wird es, im eigenen Alltag einen Weg zu finden: zwischen Üben und Pause, zwischen Förderung und Entlastung und zwischen dem, was die Schule gerne hätte und dem, was dein Kind und ihr als Familie gerade schafft. Hierbei kann ich unterstützen; ich schaue mit dir auf eure konkreten Situationen, auf das Kind, auf dich und auf das Umfeld und wir suchen zusammen die Stellschrauben, an denen ihr drehen könnt, damit Lernen leichter gelingt und dein Kind sich als fähig erlebt. Dabei verbinde ich das Wissen über Gehirn und Nervensystem mit dem, was in eurem Familienalltag tatsächlich umsetzbar ist.

In einer Einzelsession schauen wir auf das, was bei euch gerade am meisten drückt, ob Hausaufgaben, Selbstbild oder der Kontakt mit der Schule. Hängen mehrere Themen zusammen, begleite ich dich in der Flexiblen Begleitung über bis zu drei Monate, schriftlich oder als Sprachnachricht.

Du bist nicht sicher, was zu dir passt? Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Du erzählst mir kurz, wo es gerade hakt. Dann schauen wir zusammen, welches Angebot zu euch passt.

Häufige Fragen zu Legasthenie

Was ist Legasthenie einfach erklärt?

Legasthenie bedeutet, dass ein Kind deutlich mehr Mühe hat, Lesen und Schreiben zu lernen, als es von seinem Alter und seinen übrigen Fähigkeiten her zu erwarten wäre. Das Gehirn verknüpft Laute und Buchstaben anders und langsamer. Mit Intelligenz oder Fleiss hat das nichts zu tun.

Was kann ich tun, wenn mein Kind Legasthenie hat?

Lass zuerst die Augen prüfen und kläre den Verdacht über die Schule oder den Schulpsychologischen Dienst ab. Mit einer Diagnose hat dein Kind Anspruch auf Förderung und Nachteilsausgleich. Zuhause helfen kurze, regelmässige Übungsmomente mit wenig Druck, Hilfsmittel wie Hörbücher und Vorlesefunktion und ein Blick, der die Stärken deines Kindes genauso sieht wie die Schwierigkeiten.

Was ist der Unterschied zwischen Legasthenie und LRS?

Im Alltag meinen beide Begriffe meistens dasselbe. LRS steht für Lese-Rechtschreib-Störung oder manchmal für Lese-Rechtschreib-Schwäche, die zweite Bedeutung ist breiter und umfasst auch Schwierigkeiten mit anderen Ursachen. Legasthenie ist das ältere Wort, das in der Schweiz weiterhin am meisten verwendet wird.

Wächst sich Legasthenie aus?

Legasthenie bleibt ein Leben lang, das Lesen und Schreiben lässt sich aber mit gezielter Förderung deutlich verbessern. Viele Erwachsene mit Legasthenie lesen und schreiben im Alltag gut, brauchen dafür aber mehr Zeit und Kraft und nutzen Hilfsmittel.

Ist Legasthenie vererbbar?

Ja, Legasthenie tritt in Familien gehäuft auf und Zwillingsstudien schätzen den Einfluss der Gene auf rund 70 Prozent. Es gibt dabei viele beteiligte Gene, kein einzelnes Legasthenie-Gen. Wenn ein Elternteil Legasthenie hat, lohnt es sich, beim Lesenlernen des Kindes etwas genauer hinzuschauen.

Sind Kinder mit Legasthenie weniger intelligent?

Nein. Eine Legasthenie wird gerade dann festgestellt, wenn die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben nicht durch die Intelligenz erklärt werden können. Kinder mit Legasthenie gibt es mit jeder Begabung, auch hochbegabte.