Im Stuhlkreis erzählen alle vom Wochenende. Ein Kind sitzt dabei und findet die ganze Sache sinnlos. Es langweilt sich, während rundherum Begeisterung herrscht, und versteht ehrlich nicht, warum es wichtig sein soll, wer am Samstag mit wem auf dem Spielplatz war. Am Morgen davor hat dasselbe Kind es nicht in die Schule geschafft. Alle anderen offenbar schon.

Solche Szenen erzählen mir Familien, die ich begleite, und ich kenne sie auch von ganz nah. Was Erwachsene in solchen Momenten oft sehen, ist ein Kind, das nicht mitmacht. Das Kind selbst zieht eine andere Bilanz, und die kann ungefähr so klingen: «Die anderen können das. Ich aber nicht.»

Das Selbstbild neurodivergenter Kinder gerät selten durch die Neurodivergenz selbst in Schräglage. Es gerät durch den täglichen Vergleich mit einem Massstab ins Rutschen, der für dieses Kind nie gedacht war.

Was am Selbstvertrauen nagt, ist nicht das Anderssein

Ein Kind erlebt sein Anderssein nicht als Diagnose, sondern als Differenz. Es merkt nicht «ich bin autistisch», «ich habe ADHS» oder "ich habe eine LRS" (Lese-Rechtschreibe-Störung) es merkt: Bei mir dauert das länger, mir ist das zu viel, obschon die anderen das zu mögen scheinen oder ich sehe den Sinn nicht, den alle anderen offenbar sehen. Und weil Kinder logisch denken, ziehen sie den nächstliegenden Schluss, nämlich dass mit ihnen selbst etwas nicht stimmt.

Das ist das, was die eigentliche Herausforderung ist. Nicht die Reizempfindlichkeit, nicht die Schwierigkeit mit Übergängen, sondern die Erklärung, die sich ein Kind dafür zurechtlegt und dass es sich in einer Welt bewegt, die zu einem grossen Teil von neurotypischen Menschen für neurotypische Menschen gemacht wurde.

Dazu kommt eine Rechnung, die nie aufgeht: Das Kind sieht bei den anderen nur das Ergebnis, bei sich selbst aber die ganze Anstrengung. Es weiss genau, was es kostet, morgens loszugehen. Was es die anderen kostet, sieht es nicht. Wie Neurodivergenz sich von innen anfühlt, lässt sich von aussen kaum ablesen, und umgekehrt genauso wenig. So entsteht der Eindruck alleine am kämpfen zu sein, während die anderen locker durch den Tag kommen.

Selbstbild, Selbstwert, Selbstvertrauen: was hier was meint

Das Selbstbild ist das innere Bild davon, wer ich bin und was ich kann. Es steuert Denken, Fühlen und Verhalten, und es entsteht aus zwei Quellen: aus der eigenen Beobachtung und aus dem, was andere zurückmelden, durch Lob, Kritik, Blicken und anderen Reaktionen.

Daneben stehen zwei weitere Bilder. Das Fremdbild ist das, was die Umgebung im Kind sieht. Das Wunschbild ist das, was das Kind gerne wäre. Je weiter diese Bilder auseinanderliegen, desto anstrengender wird es innen drin.

Selbstwert und Selbstvertrauen hängen daran, meinen aber nicht dasselbe. Selbstwert ist mein Gefühl für meinen eigenen Wert und Selbstvertrauen ist wie sehr ich mir und meinen Fähigkeiten vertraue. Wie ich die drei Begriffe auseinanderhalte und was im Alltag hilft, habe ich im Artikel über das Selbstbewusstsein von Kindern ausführlich beschrieben.

Warum treffen Vergleiche neurodivergente Kinder härter?

Für neurodivergente, hochsensible und gefühlsstarke Kinder sind Vergleiche oft schwieriger, weil an neurotypischen Masstäben verglichen wird. Diese Vergleiche verlieren sie dann subjektiv gesehen. Häufig betrifft dies Dinge, die als Selbstverständlich oder normal gelten: Stillsitzen, Zuhören, sozialen Interaktionen, Umschalten und Konzentrieren.

Typische Momente, in denen dieser Vergleich stattfindet:

  • Der Morgen, an dem das Kind nicht in die Schule kann und alle anderen gehen.
  • Der Stuhlkreis, in dem alle begeistert erzählen und ein Kind den Sinn nicht findet.
  • Der Wechsel vom Spiel zum Aufräumen, der bei anderen in zwei Minuten geht.
  • Das Znüni in der lauten Pausenhalle, in der niemand sonst die Hände auf die Ohren legt.
  • Der Geburtstag, an dem alle noch weiterfeiern und ein Kind schon längst am Anschlag ist.

Diese Dinge passieren teilweise täglich und summieren sich so über die Zeit.

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Wenn Fremdbild und Selbstbild auseinanderdriften

Viele neurodivergente Kinder leben in mehreren Welten gleichzeitig, und in jeder gilt ein anderes Bild von ihnen. Zu Hause: kompetent, wortgewandt, erfinderisch, ein Kind mit erstaunlichem Wissen über Planeten, Fische oder Vulkane. In der Schule: das Kind, das stört, das nicht mitkommt oder das fehlt. Beides ist wahr, und für das Kind ist das kaum zusammenzubringen.

Im Fachbuch «Der kleine Lederbeutel mit allem drin» beschreibt Susy Signer-Fischer im Kapitel zu Identität und Selbstbild genau diesen Punkt: Wie gut Selbstbild und Fremdbild zusammenpassen, hat Folgen für die psychische Gesundheit und dafür, wie gut jemand mit anderen zurechtkommt. Bei Kindern, die zwischen zwei so unterschiedlichen Fremdbildern pendeln, ist das eine Dauerbelastung, die von Aussen nur schwer zu erkennen ist.

Die Forschung zum Maskieren zeigt in dieselbe Richtung. Alice Ross und ihr Team haben die Daten von 733 autistischen Kindern und Jugendlichen zwischen vier und siebzehn Jahren ausgewertet und dabei angeschaut, wie weit das Bild der Eltern und das Bild der Fachpersonen auseinanderlagen. Je grösser dieser Abstand war, desto häufiger zeigten die Kinder Angst, Niedergeschlagenheit und körperliche Beschwerden (Ross et al., 2023). Das Maskieren wurde dort nicht direkt gemessen, sondern über genau diesen Abstand, und trotzdem beschreibt der Befund ziemlich gut, was Eltern mir erzählen.

Identität und Selbstbild sind keine fixen Werte, die einmal erreicht werden und dann stehen. Sie werden bei jedem Übergang neu verhandelt, bei jedem Schulwechsel, bei jeder neuen Lehrperson und bei jedem Wechsel der Gruppe.

Wenn du merkst, dass dein Kind sich selbst immer kleiner beschreibt und du nicht weisst, wo du ansetzen sollst, schauen wir das gemeinsam an. In einer Einzelsession gehen wir durch die Momente, in denen dein Kind sich vergleicht. Dabei suchen wir, wo sich der Massstab verschieben lässt.

Woran sich ein schwaches Selbstvertrauen zeigt

Es zeigt sich weniger daran, was ein Kind kann, als daran, wie es sich erklärt, was ihm gelingt und was nicht. Die Forschung, die Signer-Fischer in ihrem Buch zusammenträgt, zeigt ein ziemlich klares Muster:

 Eher stabiles SelbstvertrauenEher brüchiges Selbstvertrauen
Erfolg erklärt sich das Kindmit den eigenen Fähigkeitenmit Glück oder damit, dass die Aufgabe leicht war
Misserfolg erklärt sich das Kindmit den Umständen oder einem zu hohen Zieldamit, dass es selbst nicht genug kann
Rückmeldungen von aussenpositive wiegen schwerernegative wiegen schwerer
Zieleetwas höher als bequem, aber erreichbardeutlich zu tief oder unerreichbar hoch

Eine Arbeitsgruppe um Elliot Fielstein legte Kindern der vierten bis sechsten Klasse Situationen vor und fragte, woran es wohl gelegen habe. Kinder mit hohem Selbstwert erklärten Erfolg mit dem eigenen Können und Misserfolg mit zu wenig Anstrengung oder
Pech. Kinder mit niedrigem Selbstwert erklärten Erfolg mit Glück und Misserfolg damit, dass sie es eben nicht könnten (Fielstein et al., 1985). Am deutlichsten war der Unterschied übrigens im sozialen Bereich, weniger in der Schule.

Der Satz «Das war ja auch einfach» ist deshalb kein bescheidener Satz. Er ist ein Hinweis darauf, dass ein Kind seine Erfolge nicht bei sich selbst verbuchen kann.

Wie ist es möglich das Selbstvertrauen eines neurodivergenten Kindes zu stärken?

Den Massstab wechseln

Gegen den Vergleich mit der Klasse hilft kein Gegenlob. «Doch, du kannst schon mega gut lesen» prallt ab, weil das Kind es besser weiss. Was wirkt, ist ein anderer Massstab, nämlich das Kind selbst vor einem Jahr.

Fragen, die diesen Massstab aufmachen:

  • Was kannst du heute, was vor einem Jahr noch nicht ging?
  • Was war letzten Sommer noch zu laut oder zu voll und geht heute?
  • Was möchtest du als Nächstes können, und was wäre der kleinste Schritt dahin?
  • Was hat dir geholfen, als es das letzte Mal doch geklappt hat?

Diese Fragen tun etwas, was Lob nicht kann: Sie geben dem Kind die Beobachtung zurück. Nicht ich sage, dass es besser geworden ist, sondern es stellt es selbst fest. Und Kinder glauben sich selbst deutlich eher als uns.

Mit den Augen von jemandem schauen, der das Kind mag

Aus der Hypnotherapie mit Kindern kommt eine Übung, die ich sehr mag, weil sie ohne Belehrung auskommt. Im Original stellt sich ein Kind vor einen Spiegel, betrachtet sich, und leiht sich dann für einen Moment die Augen eines Menschen, der es liebt. Es schaut sich also nochmals an, diesmal von aussen und wohlwollend. Danach vergleicht es die beiden Bilder.

Für zu Hause reicht eine abgespeckte Version davon: Beim Zähneputzen, wenn ohnehin ein Spiegel da ist: «Was würde wohl dein Grosi sagen, wenn sie dich jetzt anschauen würde?» Oder beim Einschlafen: «Wie beschreibt dich wohl dein Freund Luca, wenn ihn jemand nach dir fragt?»

Wichtig ist dabei, das Bild stehen zu lassen. Nicht korrigieren, nicht ergänzen, nicht sofort ein zweites Kompliment hinterherschieben. Das Kind soll das Bild selbst anschauen dürfen, nicht die elterliche Version davon übernehmen.

Die Übung stammt aus «Der kleine Lederbeutel mit allem drin. Hypnose mit Kindern und Jugendlichen*» von Susy Signer-Fischer, Thomas Gysin und Ute Stein. Es ist ein Fachbuch für Therapeutinnen und Therapeuten, kein Elternratgeber, und trotzdem stecken darin viele Ideen, die sich mit etwas Übersetzung im Alltag brauchen lassen.

Die Umgebung anpassen, statt das Kind zu trainieren

Ein Selbstbild lässt sich nicht direkt reparieren. Es verändert sich über Erfahrungen, und Erfahrungen hängen an der Umgebung. Ein Kind, das jeden Tag an derselben Stelle scheitert, lernt jeden Tag dasselbe über sich. Ändert sich die Stelle, ändert sich der Lernstoff.

Deshalb ist die Arbeit an der Umgebung keine Ausweichbewegung, sondern der direkteste Weg zum Selbstbild. Rückzugsmöglichkeiten, Computer statt Handschrift, ein Kopfhörer, eine reduzierte Stundentafel oder ein Buddy in der Pause sind nur ein paar Beispiele von Dingen, die dem Kind eine neue Umgebung für neue Erfahrungen bieten können. Wenn ein Kind nicht mehr in die Schule kann, geht es genau darum: nicht das Kind passend machen, sondern Bedingungen finden, unter denen es sich selbst als fähig erleben kann.

"Kennst du ein neurodivergentes Kind, kennst du ein neurodivergentes Kind." Was für das eine entlastend ist, ist für das andere eine Zumutung. Deshalb gibt es hier keine Liste, die für alle stimmt, sondern nur die Frage, wo dein Kind gerade täglich verliert und was sich daran ändern lässt.

Was denkst du, wo verliert dein Kind gerade jeden Tag? An solchen Stellen lässt sich oft schon mit kleinen Anpassungen der Umgebung viel verändern. In einer Kurz-Session schauen wir auf einen dieser Momente und suchen, was deinem Kind dort den Rücken stärkt. Wenn dir Schreiben leichter fällt, geht das auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.

Manchmal ist es einfacher, zuerst ein paar Sätze aufzuschreiben. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Wir schauen dann gemeinsam, welches Angebot zu dir und deiner Familie passt.

Häufige Fragen zum Selbstbild von neurodivergenten Kindern

Wie merke ich, dass mein Kind ein negatives Selbstbild entwickelt?

Achte weniger auf grosse Aussagen als auf beiläufige. Sätze wie «Ich bin halt dumm», «Das kann ich sowieso nicht» oder «Bei mir geht das nie» sind Hinweise, ebenso wenn ein Kind Erfolge konsequent kleinredet oder Aufgaben von vornherein meidet, die es eigentlich könnte. Auch starker Rückzug und übertriebene Anpassung gehören dazu.

Schadet eine Diagnose dem Selbstbild meines Kindes?

Meist ist das Gegenteil der Fall. Ohne Erklärung bleibt einem Kind nur der Schluss, dass mit ihm selbst etwas nicht stimmt. Eine Einordnung gibt der Erfahrung einen anderen Namen: nicht «ich bin zu blöd», sondern «mein Gehirn arbeitet anders, und deshalb brauche ich hier etwas anderes». Entscheidend ist, wie in der Familie darüber gesprochen wird.

Hilft es, mein Kind mehr zu loben?

Pauschales Lob hilft wenig und kann sogar den gegenteiligen Effekt haben, weil das Kind merkt, dass es nicht stimmt. Wirksamer ist gemeinsames Beobachten: benennen, was genau gelungen ist, und dem Kind die Einschätzung zurückgeben, statt sie ihm abzunehmen.

Was mache ich, wenn mein Kind sagt, alle anderen können das besser?

Nicht widersprechen und nicht wegdiskutieren. Das Kind hat ja recht in dem, was es beobachtet. Hilfreicher ist, die Beobachtung zu bestätigen und den Rahmen zu erweitern: «Stimmt, für dich ist das schwerer als für viele andere. Und ich sehe, wie viel du dafür aufbringst.» Danach kommt der Vergleich mit dem eigenen letzten Jahr.

Ab welchem Alter lohnt sich die Arbeit am Selbstbild?

Bei jüngeren Kindern geht es vor allem um Selbstvertrauen und Selbstwert, also um das Erleben, etwas bewirken zu können. Ab etwa elf Jahren kommen Identität und Selbstbild als eigenes Thema dazu. Beides bleibt lebenslang in Bewegung, gerade an Übergängen wie Schulwechseln.