Das Wichtigste in Kürze

  • Ja, du darfst dein Kind loben. Am meisten hat es davon, wenn dein Lob konkret und ehrlich ist.
  • Ein pauschales „gut gemacht“ sagt einem Kind kaum, was du wirklich gesehen hast.
  • Laut Forschung stärkt Lob die Motivation eher, wenn es das Tun beschreibt und ehrlich wirkt.
  • Lob wird zur Manipulation, wenn gezielt gelobt und alles andere ignoriert wird, um ein Kind zu steuern.
  • Kinder mit ADHS oder Autismus hören oft viel Kritik und können von konkreter Rückmeldung besonders profitieren.

Vor ein paar Jahren erklärte Alfie Kohn im Interview mit dem Magazin des Tages-Anzeigers, warum er davon abrät, Kinder zu loben. Die Reaktionen kamen schnell: blöde bedürfnisorientierte Idee, Kinder brauchen doch Lob und auch der Satz „Ich wäre als Kind gern gelobt worden, ich wurde nie gelobt.“

Auch weiterhin ist das ein Thema zu welchem ich von Eltern häufiger angesprochen werde und wo einiges an Unsicherheit im Raum steht. Darf ich denn nun mein Kind loben? Wie kann ich mein Kind loben? Darf ich überhaupt noch "gut gemacht", "cool" oder "das ist aber ein schönes Bild" sagen?

Dass Kinder hören, was wir an ihnen schätzen, ist wichtig!

Offen ist, wie wir es ihnen sagen. Ein „Gut gemacht“ gibt einem Kind wenig in die Hand. Eine Rückmeldung, an der es merkt, was wir tatsächlich gesehen und geschätzt haben, gibt ihm hingegen viel. Darum lohnt es sich, beim Loben vom Kind etwas genauer hinzuschauen.

Darf ich mein Kind noch loben?

Ja, du darfst dein Kind loben und ihm sagen, was dir gefällt. Entscheidend ist, ob das Lob konkret und ehrlich ist oder einfach so dahingesagt oder sogar eingesetzt wird, um ein Kind in eine bestimmte Richtung zu schieben.

Viele Eltern, die sich mit bedürfnisorientierter Begleitung beschäftigen, sind verunsichert. Manche stehen vor der Zeichnung ihres Kindes und wissen nicht mehr, was sie sagen sollen. „Gut gemacht“? „Schönes Bild“? Dann sagen sie: "Da warst du echt lange dran." und wundern sich, ob das denn nun wirklich so viel besser ist als "Toll".

Ich finde, man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wenn ich einem Kind sage, dass mir die Farben in seinem Bild super gefallen, ist das ein Lob. Es ist aber auch eine differenzierte Rückmeldung, eigentlich eine Mischung aus beidem. Wer mit dem Wort Haarspalterei betreiben möchte, kann das anders nennen. Für den Alltag hilft eine andere Frage mehr: Kann mein Kind mit dem, was ich sage, etwas anfangen?

Was spricht gegen ein Lob wie „gut gemacht“?

Gegen ein pauschales „gut gemacht“ spricht vor allem, dass ein Kind daran kaum erkennen kann, was wir eigentlich gesehen haben. Es erfährt hauptsächlich, dass Mama oder Papa zufrieden ist.

Auf dem Spielplatz höre ich manchmal in kurzer Zeit das fünfte „Super gemacht“. Das Kind ruft „Mama, schau!“, die Mutter schaut kurz vom Handy hoch, sagt „Super gemacht“ und schaut wieder hinunter. Mir fällt dabei auf, wie wenig zwischen den beiden passiert, eine echte Verbindung entsteht dabei kaum. Das finde ich auch okay, man muss nicht immer alles perfekt und pädagogisch wertvoll machen. Es zeigt aber gut, was einem pauschalen Lob fehlt.

Nehmen wir an, das Kind ist gerade hochgeklettert. „Gut gemacht“ sagt ihm nicht, ob die Mutter gemerkt hat, dass es eine neue Technik verwendet: Es stellt jetzt jeden Fuss einzeln auf die Stufe und ist dadurch schneller oben. Ganz anders klingt das so: „Du hast eine coole Technik, du stellst jeden Fuss einzeln auf und bist viel schneller oben.“ Daran kann das Kind merken, dass jemand wirklich hingeschaut hat.

Was sagt die Forschung über das Loben von Kindern?

Die Forschung zeigt, dass Lob die Motivation von Kindern eher stärkt, wenn es ehrlich wirkt, sich auf etwas bezieht, das das Kind selbst beeinflussen kann und seine Selbstbestimmung unterstützt. Zu diesem Schluss kommt eine grosse Übersichtsarbeit von Henderlong und Lepper.

Sehr allgemeines oder überschwängliches Lob kann dagegen schnell unglaubwürdig wirken. Drei Studien zeigen genauer, worauf es ankommen kann:

  • Vierjährige, die für ihr Tun gelobt wurden („Das hast du gut gezeichnet“), gaben nach einem Fehler weniger schnell auf als Kinder, die für ihre Person gelobt wurden („Du bist eine gute Zeichnerin“). Das zeigt eine Studie von Cimpian und Kollegen.
  • Überschwängliches Lob wie „Das ist unglaublich schön!“ führte bei Kindern mit geringem Selbstwert dazu, dass sie danach eher schwierige Aufgaben mieden (Brummelman et al. 2014).
  • Kinder, deren Eltern im Kleinkindalter öfter das Vorgehen lobten, waren mit sieben bis acht Jahren eher überzeugt, dass sie sich durch Üben verbessern können (Gunderson et al. 2013).

Wann wird Lob bei Kindern zur Manipulation?

Lob wird zur Manipulation, wenn es gezielt eingesetzt wird, um ein Kind zu steuern. Wird gezielt gelobt und alles andere ignoriert, nennt die Fachsprache das differenzielle Verstärkung mit geplantem Ignorieren, eine Technik aus dem Behaviorismus (einer Lernlehre, die Verhalten über Belohnung und Konsequenz verändern will).

Hintergrund: In verhaltenstherapeutischen Programmen, etwa in der Arbeit mit autistischen Kindern, gehören beide Bausteine zum festen Werkzeug. Bei der differenziellen Verstärkung wird ein erwünschtes Verhalten belohnt und für das unerwünschte Verhalten wird die Belohnung zurückgehalten. Dieses Zurückhalten, also zum Beispiel das Wegnehmen der Aufmerksamkeit, heisst Extinktion. Das AFIRM-Modul zur Extinktion der University of North Carolina beschreibt sie als eigene Methode, um Verhalten zu verringern.

Ich finde das grundsätzlich adultistisch (also vom Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern geprägt), wenn es so gemacht wird. Wie Kinder dieses Machtgefälle spüren und auszugleichen versuchen, beschreibe ich im Artikel über Equalizing Behavior bei Kindern.

Bei neurodivergenten Kindern halte ich es für keine gute Idee. Meine Erfahrung ist, dass sie häufig einen sehr feinen Sensor dafür haben, wenn sie manipuliert werden sollen. Dazu kommt: Systeme aus Belohnung und Konsequenz setzen voraus, dass ein Kind in dem Moment überlegen und wählen kann. Ist sein Nervensystem gerade im Schutzmodus, kann es das nicht. Dann bleibt von so einem System vor allem der Druck übrig.

Alfie Kohn beschreibt im erwähnten Interview, welche Botschaft ein Kind aus ständigem Lob mitnehmen kann: „Ich muss immer wieder ein schönes Bild malen, um geliebt zu werden.“

Und dann gibt es die Grauzone. Ein Kind malt eigentlich fast alles in einer oder zwei Farben. Der Vater fände es schöner, wenn es mehr Farben nutzen würde. Als es das eines Tages tut, sagt er: „Mir gefällt, wie viele verschiedene Farben du genommen hast.“ Ist das schon Manipulation? Ich finde das völlig in Ordnung, da darf auch jede Familie ein bisschen für sich schauen. Schwierig wird es für mich, wenn das Lob sehr gezielt verteilt wird und das Kind auf alles andere keine Reaktion mehr bekommt. Ich glaube, das macht etwas mit dem Kind.

Wie lobe ich mein Kind richtig?

Ein Lob kommt bei einem Kind am ehesten an, wenn es konkret beschreibt, was du gesehen hast, und ehrlich sagt, was dir daran gefällt. Dafür reicht oft ein Moment, in dem du wirklich hinschaust.

  1. Hinschauen: Was genau hat das Kind gemacht? Was ist neu, was ist anders als sonst?
  2. Beschreiben: „Du hast ganz viele verschiedene Farben genommen.“
  3. Die eigene Freude konkret teilen: „Mir gefällt das Blau oben richtig gut.“
  4. Nachfragen, wenn es passt: „Wie bist du auf diese Technik gekommen?“
  5. Kurz prüfen, worum es dir geht: Hat das, was ich gerade sage, mehr mit meinen Bedürfnissen, Ängsten und meiner eigenen Geschichte zu tun oder wirklich mit der aktuellen Situation?

Bestimmt passen nicht alle Schritte in jede Situation und manchmal ist schon der erste genug.

Überlegtes Loben kann übrigens auch unseren eigenen Blick schärfen. Wenn wir einfach nur „gut“ sagen, haben wir dabei meist wenig überlegt. Schauen wir, was genau uns gefällt, richten wir unseren Blick auf das, was unserem Kind gelingt.

Was kann ich statt „gut gemacht“ zu meinem Kind sagen?

Statt „gut gemacht“ kannst du beschreiben, was du konkret gesehen hast, und dazu sagen, was dir daran gefällt. So kann das klingen:

PauschalKonkret
„Gut gemacht!“„Du stellst jetzt jeden Fuss einzeln auf die Stufe und bist viel schneller oben.“
„Schönes Bild!“„Du hast ganz viele verschiedene Farben genommen. Das Blau oben gefällt mir richtig gut.“
„Du bist so schlau!“„Du hast drei Wege ausprobiert, bis es geklappt hat.“
„Super, wie brav du warst.“„Du hast gemerkt, dass es dir zu laut wird und bist kurz rausgegangen.“

Nicht jede Rückmeldung muss so ausführlich sein. Ein „cool“ zwischendurch ist in Ordnung. Schwierig wird es eher, wenn bei allem immer nur „gut gemacht“ kommt, weil das Kind damit wenig anfangen kann ausser: Mama oder Papa sagt, ich habe es gut gemacht.

Wenn du an eurer Familiensprache weiterdenken magst: Bei den kleinen Hilfen für den Alltag liegt „Wie du dein Kind erreichst, auch wenn es nicht zuhört“ zum kostenlosen Herunterladen, ein E-Book mit fünf Säulen für eine Kommunikation, in der sich alle gehört fühlen.

Welche Worte bei deinem Kind ankommen, finden wir in einer Kurz-Session an euren Alltagssituationen heraus.

Wie lobe ich ein Kind mit ADHS oder Autismus?

Kinder mit ADHS, Autismus oder anderen Neurodivergenzen hören häufig viel Kritik, deshalb kann es ihnen besonders guttun, konkret zu hören, was ihnen gelingt und was man als besonders erkennt oder schätzt. Meine Erfahrung ist, dass ihnen ein konkretes Feedback dabei noch viel mehr hilft und es auch Kinder gibt die es gar nicht mögen, wenn jemand "gut gemacht" sagt.

Ein Kind, das im Unterricht herumzappelt, bekommt von der Lehrperson immer wieder eine Bemerkung dazu. Ein Kind, das sich nicht so gut regulieren kann, bekommt häufig auf den Deckel und soll sich endlich zusammenreissen. Viele dieser Kinder merken früh, dass sie anders funktionieren als andere, in einer Welt, die zu einem grossen Teil für neurotypische Kinder gebaut ist.

Umso wichtiger finde ich, dass wir zeigen, was sie alles gut machen. Welche Stärken sich zum Beispiel bei ADHS zeigen können und wie generell die Stärken der Kinder mehr hervorgehoben werden können, steht im Artikel über ADHS Stärken bei Kindern.

Weil viele dieser Kinder sehr genau spüren können, wenn Lob als Werkzeug gemeint ist, zählt die Ehrlichkeit hier besonders viel. Wie Anpassungsdruck bei Kindern im Spektrum wirken kann, beschreibt der Artikel Autistisches Kind unterstützen, ohne es umzuerziehen. Einen Überblick über Ansätze, die ohne Belohnungssysteme auskommen, gibt es im Artikel über Erziehungsmethoden für neurodivergente Kinder.

Wie ist das bei euch, wenn dein Kind dir etwas zeigt?

Was tun, wenn die Tipps bei unserem Kind nicht funktionieren?

Genauer hinschauen, was hinter dem Verhalten steckt. Dann lässt sich eine Lösung finden, die zu euch passt.

In einer Einzelsession schauen wir auf die Momente, in denen dir der Blick auf das Gelingende schwerfällt. Dazu schauen wir, was dein Kind von dir hören möchte. Wenn dir Schreiben leichter fällt, geht das auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.

Du bist nicht sicher, was zu dir passt? Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Du erzählst mir kurz, wo es gerade hakt. Dann schauen wir zusammen, welches Angebot zu euch passt.

Häufige Fragen zum Loben von Kindern

Was ist der Unterschied zwischen Lob und Rückmeldung?

Lob bewertet, meistens mit Wörtern wie „gut“ oder „super“. Eine Rückmeldung beschreibt, was jemand gesehen hat, und kann die eigene Freude darüber enthalten. Im Alltag verschwimmt beides und das ist in Ordnung. Einem Kind hilft vor allem, wenn es erkennen kann, was gemeint ist.

Wie lobe ich mein Kind richtig?

Am ehesten kommt Lob an, wenn es konkret und ehrlich ist: beschreiben, was du gesehen hast, und sagen, was dir daran gefällt. Zum Beispiel „Du hast ganz viele Farben genommen, das Blau oben gefällt mir richtig gut.“ Hilfreich kann auch sein, nachzufragen, wie das Kind etwas gemacht hat.

Ist Loben Manipulation?

Loben an sich ist keine Manipulation. Manipulativ wird es, wenn es gezielt eingesetzt wird, um ein Kind zu steuern, etwa indem nur Erwünschtes gelobt und alles andere ignoriert wird. Diese Technik heisst differenzielle Verstärkung mit geplantem Ignorieren und stammt aus dem Behaviorismus.

Schadet zu viel Lob meinem Kind?

Viel pauschales Lob bringt einem Kind wenig, weil es daraus kaum etwas ablesen kann. Überschwängliches Lob kann für Kinder mit geringem Selbstwert ungünstig sein: In einer Studie mieden sie danach eher schwierige Aufgaben. Ehrliche, konkrete Rückmeldung kann die Motivation dagegen stärken.

Was heisst „ermutigen statt loben“?

Der Gedanke stammt aus der Individualpsychologie von Alfred Adler und wurde durch Rudolf Dreikurs bekannt. Ermutigung würdigt das Tun und die Anstrengung eines Kindes, Lob ist dagegen oft an eine Leistung gebunden. Eine konkrete, ehrliche Rückmeldung ist im Alltag häufig schon eine Ermutigung.

Darf ich sagen, dass mir das Bild meines Kindes gefällt?

Ja, ehrliche Freude darf ein Kind hören. Noch mehr kann es damit anfangen, wenn du sagst, was genau dir gefällt, zum Beispiel die Farben oder eine bestimmte Figur.