Das Wichtigste in Kürze

  • Reagierst du auf kritische Blicke wegen deines Kindes überdurchschnittlich heftig, steckt oft Rejection Sensitive Dysphoria (RSD) dahinter, eine erhöhte Kränkbarkeit, die viele neurodivergente Menschen mitbringen.
  • RSD ist ein Schutzmechanismus des Nervensystems, kein Kompetenzproblem und keine Charakterschwäche.
  • Besonders Mütter verwechseln diese Reaktion oft mit einem generellen Nichtgenügen, einem Hochstapler-Gefühl, das schon vor jedem Urteil da ist.
  • Die Reaktion lässt sich nicht wegdrücken, aber Schritt für Schritt von der aktuellen Situation trennen und herunterregulieren.

Kürzlich habe ich eine Podcastfolge mit der RSD-Spezialistin Jessica Summers gehört, und ein metaphorisches Bild darin ist bei mir hängen geblieben: Viele von uns wünschen sich einfach nur ruhiges Wetter. Also dass das Leben einfach ruhig verläuft und wir nicht durch die sinnbildlichen Stürme gehen müssen. In diesem Bild sind wir selbst das Segelboot. Doch: ruhiges Wetter macht niemanden zur erfahrenen Seglerin. Die Fähigkeit, mit Wellen umzugehen, entsteht genau in den Momenten, wo es nicht glatt läuft.

Mir gefällt dieses Bild ausserordentlich gut. Denn auch ich wünschte mir ruhiges Wetter, auch wenn ich weiss, dass mich dieses sehr rasch langweilt. Wenn ich diesen Wunsch wieder spüre sage ich mir nun, dass ich gerade dabei bin, eine noch bessere Seglerin zu werden.

In der Podcastfolge ging es um Rejection Sensitive Dysphoria, kurz RSD. Ich weiss, dass viele der Eltern, die ich begleiten darf, dieses Phänomen kennen, aber vielleicht noch keinen Namen dafür haben. Bei Eltern, und ich glaube insbesondere Müttern, kann sich das RSD im Alltag durch unsere innere Reaktion auf die Blicke anderer zeigen. Zum Beispiel, wenn dein Kind gerade nicht dem entspricht, was als Norm gilt.

So kann sich das anfühlen: Deine beiden Kinder streiten sich im Tram lautstark um den Fensterplatz. Keines will nachgeben, es wird geschubst und geschrien. Du merkst, wie sich die Blicke der anderen Fahrgäste auf dich richten. Niemand sagt etwas. Trotzdem trifft dich dieser Blick, als hätte gerade jemand laut gesagt, dass du komplett versagt hast und es deine Verantwortung wäre zu schauen, dass sich deine Kinder vernünftig verhalten. Der Puls steigt, das Gesicht wird heiss und es fühlt sich fast schon wie körperlicher Schmerz an.

Vielleicht kennst du das auch vom Elternabend, wenn die Lehrerin einen Satz über dein Kind anders betont oder im Supermarkt, wenn dein Kind völlig überreizt laut singend durch die Gänge rennt und eine andere Kundin kurz zu dir rüberschaut.

Wenn dich solche Momente nicht einfach nur ärgern, sondern körperlich aus der Bahn werfen, bist du nicht zu empfindlich. Es ist dein Nervensystem, das auf eine ganz bestimmte Art reagiert, mit Herzrasen, Scham und dem Impuls, sofort zu verschwinden oder dich zu rechtfertigen.

Und möglicherweise ist es eine Rejection Sensitive Dysphoria (RSD).

Was ist Rejection Sensitive Dysphoria?

Rejection Sensitive Dysphoria beschreibt eine intensive, oft körperlich spürbare Reaktion auf echte oder auch nur vermutete Kritik, Ablehnung oder Zurückweisung. Nicht ein bisschen unangenehm, sondern wie ein Schlag, mit Herzrasen, Scham und dem Impuls, sofort zu verschwinden oder sich zu rechtfertigen. RSD ist bisher keine offizielle Diagnose, wird aber von vielen Fachpersonen als typisches Merkmal neurologischer Vielfalt beschrieben, besonders im Zusammenhang mit ADHS.

Typische Situationen, in denen RSD zuschlägt:

  • Der Blick einer anderen Person, wenn dein Kind gerade ausser Kontrolle gerät
  • Ein gut gemeinter Ratschlag, der sich anhört wie eine Anklage
  • Eine neutrale Bemerkung der Lehrperson, die du sofort als Vorwurf hörst
  • Die Stille am Familientisch, nachdem dein Kind wieder «ausgetickt» ist

Warum ist das eigentlich ein Schutzmechanismus?

Die RSD-Spezialistin Jessica Summers beschreibt RSD als Reaktion des Nervensystem, dessen Aufgabe es ist, dich vor Gefahr zu schützen. Weil du in der Vergangenheit sehr viel Kritik erlebt hast, hat dein System gelernt, schon bei der kleinsten Möglichkeit von Ablehnung Alarm zu schlagen und Verteidigung aufzubauen. Das passiert unbewusst, nicht weil du überreagieren willst.

Ein Ausdruck davon ist, dass wir manche Dinge gar nicht erst tun, einfach damit wir dafür nicht kritisiert werden können. Auch Masking, also das Verbergen der eigenen Art, gehört in diese Kategorie, genauso wie People Pleasing. Beides sind Strategien des Nervensystems, um Ablehnung von vornherein zu vermeiden, keine bewussten Entscheidungen.

Wichtig dabei: RSD ist, so beschreibt es Jessica Summers, kein Kompetenzproblem. Man kann noch so viele Werkzeuge zur Emotionsregulation kennen und trotzdem in einem einzelnen Moment komplett überrannt werden. Es lässt sich darum auch nicht mit «Reiss dich einfach zusammen» lösen. Es ist eine gesunde Reaktion eines Nervensystems, das gerade zu sensibel eingestellt ist und lernen darf, wieder herunterzuregulieren.

Warum trifft dich RSD als Elternteil besonders?

Kinder mit ADHS hören bis zu ihrem zehnten Lebensjahr schätzungsweise 20 000 kritische oder korrigierende Kommentare mehr als gleichaltrige Kinder ohne ADHS, so beschreibt es der Kinderpsychiater Michael Jellinek. 20 000 Mal «Jetzt reiss dich zusammen», «Warum kannst du nicht einfach still sitzen», «Sitz gerade». Diese Zahl wurde von ihm als Schätzung errechnet, das ist keine gemessene Tatsache.

Und hier schliesst sich ein Kreis, den viele Eltern erst spät erkennen: Viele Eltern neurodivergenter Kinder sind selbst neurodivergent, oft ohne es zu wissen. Was du im Tram von vorhin gefühlt hast, ist dann nicht nur die aktuelle Situation. Es ist auch die alte Erfahrung, beurteilt und korrigiert worden zu sein, die gerade wieder anklopft.

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Perfektionsdruck und der weibliche Umgang mit RSD

Auch hier gibt es ein Muster, das sich immer wieder zeigt: Männer reagieren auf RSD tendenziell eher nach aussen, mit einem Wutausbruch. Frauen internalisieren die Reaktion häufiger, sie richtet sich also nach innen. Besonders Mütter erleben erhöhte Kränkbarkeit dann nicht nur als «dieser eine Moment war unangenehm», sondern als Beweis für ein grundsätzliches Nichtgenügen. Das Gefühl kommt dabei nicht erst nach dem Blick, sondern schon davor. Ein Hochstapler-Konstrukt meldet sich: Gleich fliegt auf, dass du es eigentlich gar nicht im Griff hast.

Dazu kommt oft ein Perfektionismus, der nur im eigenen Kopf existiert: Du hast eine Vorstellung, wie eine Situation vor sich gehen sollte. Wie die Kinder im Tram sitzen und beobachten, wie die Welt an ihnen vorbeizieht. Doch nun stehst du da mit schreienden Kindern und knappen Nerven. Diese Lücke zwischen innerem Anspruch und äusserem Bild macht die Kränkbarkeit noch grösser.

Das passt zum doppelten Perfektionsdruck, den Mütter von neurodivergenten oder bedürfnisstarken Kindern ohnehin tragen: die ganz normalen Ansprüche an Mütter, plus das Gefühl, wegen des «besonderen» Kindes noch geduldiger, noch informierter, noch unerschütterlicher sein zu müssen. Und manchmal reagierst du auch gar nicht auf ein tatsächliches Urteil, sondern auf die Unsicherheit oder den Stress der Person neben dir. Unser Nervensystem ist darauf eingestellt, Stress bei anderen aufzunehmen, fast wie ein Spiegel. Wenn eine neurotypische Person angespannt wirkt, lesen wir das schnell als Ablehnung uns gegenüber, auch wenn es das gar nicht ist.

Die Ablehnungssensibilität ist eine Mischung aus Genetik und Erlerntem

Wichtig zu verstehen: Erhöhte Kränkbarkeit ist keine Charakterschwäche und kein Zeichen, dass du zu dünnhäutig für die Mutterrolle bist. Dein Nervensystem hat gelernt, auf Kritik in Alarmbereitschaft zu gehen, weil das früher notwendig war. Diese Reaktion ist der Situation von heute oft nicht mehr angemessen, in der ein flüchtiger Blick im Tram meistens wirklich nur ein flüchtiger Blick ist. Trotzdem fühlt sie sich real an, jedes Mal wieder, und genau das gilt es zu erkennen: RSD ist ein Gefühl, keine Tatsache.

Und wahrscheinlich gibt es eine genetische Prädisposition oder einen Zusammenhang mit ADHS und/oder anderen Neurodivergenzen, die uns schon von klein auf sensibler auf die Kritik machen. Vielleicht ist es eine generelle Sensibilität oder eine andere Art Zwischentöne wahrzunehmen oder auch etwas ganz anderes.

Wieso wird diese erhöhte Kränkbarkeit für Eltern gefühlt grösser?

Menschen greifen bei einem Kind, das nicht der vermeintlichen Norm entspricht, gern zur einfachsten Erklärung: die Eltern machen etwas falsch. Für dich mit erhöhter Kränkbarkeit ist genau das die gefährlichste Botschaft, die es geben kann, weil sie an eine sehr alte Wunde andockt, nämlich an die eigene Geschichte, korrigiert statt verstanden worden zu sein.

Wenn du selbst neurodivergent bist und als Kind wenig Verständnis erfahren hast, kann die Begleitung deines eigenen Kindes diese alten Themen unweigerlich wieder aufrühren. Nicht weil du etwas falsch machst, sondern weil du gerade doppelt gefordert bist: dein Kind zu verstehen und dich selbst dabei nicht zu verlieren.

Wenn dich dieses Thema stark beschäftigt und du dir dabei Begleitung wünschst: Eine flexible Begleitung per E-Mail kann ein niederschwelliger erster Schritt sein. Dort schauen wir gemeinsam, welche alten Muster gerade mitreden und was dir hilft, sie von der aktuellen Situation zu trennen.

Was hilft im Moment, wenn dich ein Blick trifft?

Stoppen, bevor die Reaktion dich komplett übernimmt. Kurz innehalten und dich fragen: Ist das gerade wirklich die Situation, oder ist es die alte Geschichte, die mitspricht? Oft hilft es, den Körper anzusprechen, statt gegen die Gedanken anzukämpfen: einmal bewusst ausatmen, die Füsse auf dem Boden spüren, den Blick woanders hinlenken als auf die Person, die dich vermeintlich beurteilt. Schon dieses kurze Innehalten verlängert den Abstand zwischen Auslöser und Reaktion, und genau in diesem Abstand liegt der Spielraum.

Die grosse Emotion darf dabei da sein. Sie wegzudrücken kostet meist mehr Kraft, als sie kurz durchzulassen. Was zusätzlich helfen kann: mit dem eigenen Nervensystem sprechen, so wie du es vielleicht schon von der inneren Kritikerin kennst. Also innerlich anerkennen, was gerade passiert, etwa mit «Ah, da ist gerade meine Alarmanlage angesprungen, danke, dass du mich schützen willst», statt dagegen anzukämpfen oder sich dafür zu verurteilen.

Und dann, wenn es geht, dir innerlich sagen, was tatsächlich stimmt. Nicht «Ich müsste das anders / besser machen» oder "was denken die wohl", sondern eher: «Dieser Blick hat nichts mit mir zu tun. Ich reagiere so, wie es für uns richtig ist.».

Was hilft auf lange Sicht im Umgang mit Rejection Sensitive Dysphoria?

Erhöhte Kränkbarkeit verliert an Kraft, wenn sie einen Namen bekommt. Das beste Mittel gegen Scham ist bekanntlich, darüber zu sprechen, mit einer Freundin, einer Fachperson oder online in einem geschützten Rahmen.

Wenn Masking oder People Pleasing bei dir eine grosse Rolle spielen, kann es helfen, das bewusste Nicht-gefallen-Wollen zuerst in Situationen zu üben, die dir eigentlich egal sind. Ein bewusst unpassendes Outfit zum Einkaufen, eine Absage an eine Verabredung, die dir nichts bedeutet. Klein anfangen, bevor es um die grossen, wirklich bedeutsamen Situationen geht.

Wer sich fragt, ob die eigene Empfindlichkeit mit eigener neurologischer Vielfalt zusammenhängt, findet über Selbstreflexion und Journaling oft einen ersten, ruhigen Zugang dazu, auch ganz ohne den Anspruch, gleich eine Diagnose zu suchen.

Zurück zum Segelboot vom Anfang: Der nächste kritische Blick wird kommen, so wie garantiert wieder Wind aufkommt. Die Frage ist nicht, wie du das ruhige Wetter herbeizwingst, sondern wie du als Seglerin sicherer wirst, um die (vielleicht wirklich unmöglichen) Blicke zu navigieren.

Woher diese Empfindlichkeit bei dir kommt und was dir im Moment hilft, schauen wir in einer Einzelsession gemeinsam an.

Erkennst du dich in diesem Muster wieder? Was war der letzte Blick, der dich so getroffen hat, wie er eigentlich nicht sollte?

Wie komme ich aus der Dauererschöpfung mit Kind heraus?

Mit Erholung in kleinen Dosen, die in den Alltag passt, statt auf ruhigere Zeiten zu warten. Dabei muss nicht immer die Herausforderung kleiner werden, auch deine Kapazität kann wachsen.

Im Selbstlernkurs „Kraftvoll gelassen“ bekommst du dafür 28 Tage lang einen kurzen Impuls mit einer Frage oder einem kleinen Experiment. Dazu kommen Videos, Audios und jede Woche ein Workbook. Du lernst deine Energiequellen und Energieräuber kennen und gehst bewusster mit ihnen um. Starte jetzt, mitten im Alltag.

Welches Angebot zu dir passt, klären wir auch gerne per Mail. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt mit ein paar Sätzen zu dem, was euch gerade beschäftigt.

Häufig gestellte Fragen zur Rejection Sensitive Dysphoria

Ist Rejection Sensitive Dysphoria eine anerkannte Diagnose?

RSD ist derzeit keine offizielle Diagnose im diagnostischen Handbuch DSM, wird aber von vielen Fachpersonen im Zusammenhang mit ADHS und anderer neurologischer Vielfalt beschrieben. Die Forschung dazu steht noch am Anfang, das Erleben selbst ist für Betroffene aber sehr real.

Ist RSD ein Zeichen fehlender emotionaler Kompetenz?

Nein. Auch Menschen mit viel Wissen über Emotionsregulation können in einem einzelnen Moment von RSD überrannt werden. Es handelt sich nicht um ein Kompetenzproblem, sondern um eine Reaktion des Nervensystems, die sich mit der Zeit herunterregulieren lässt.

Reagieren Männer und Frauen unterschiedlich auf RSD?

Es gibt Hinweise darauf, dass Männer eher mit einem sichtbaren Wutausbruch reagieren, während Frauen die Reaktion häufiger nach innen richten und sie mit einem generellen Gefühl des Nichtgenügens verwechseln. Verlässliche Forschung dazu steht noch am Anfang.

Woher weiss ich, ob ich selbst RSD habe und nicht einfach empfindlich auf Kritik reagiere?

Ein guter Anhaltspunkt ist, ob du die Reaktion auch in Situationen spürst, wo du gar nicht wirklich kritisiert worden bist. Also beispielsweise bei einem Blick, der auch einfach Interesse hätte widerspiegeln können. Und ganz wichtig: RSD spürt man körperlich, wie ein Schmerz, ein ungutes Gefühl im Körper.

Was kann ich sofort tun, wenn mich ein Blick völlig aus der Bahn wirft?

Stoppen, bewusst ausatmen und dich innerlich fragen, ob gerade die aktuelle Situation reagiert oder eine alte Erfahrung. Das schafft oft schon genug Abstand, um nicht in Scham oder Rechtfertigung zu verfallen.