Das Wichtigste in Kürze
- Neurodivergenz ist keine Krankheit, sondern eine andere Art, wie ein Gehirn Reize, Aufmerksamkeit und Informationen verarbeitet.
- Die meisten Schwierigkeiten entstehen nicht durch das Kind selbst, sondern durch die Reibung mit einer Umgebung, die für neurotypische Menschen gebaut wurde.
- Überschneidungen sind die Regel: Etwa die Hälfte aller neurodivergenten Menschen bringt mehr als eine Neurodivergenz mit.
- In diesem Überblick ordne ich ADHS, Autismus, AuDHS, Hochsensibilität, Hochbegabung, Legasthenie, Dyskalkulie und Synästhesie aus Elternsicht ein.
- Der grösste Schutzfaktor ist nicht eine bestimmte Therapie, sondern Eltern, die verstehen, was im Kind vorgeht.
Wenn dein Kind eine Diagnose bekommen hat - oder du eine Vermutung hast - dann stehst du plötzlich vor einem Berg an Begriffen, Ratgebern, Meinungen und Widersprüchen. ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Hochbegabung, AuDHS, Legasthenie, Dyskalkulie, Synästhesie. Manche davon sind offizielle Diagnosen, manche Temperamentsmerkmale, manche beides gleichzeitig. Manche überschneiden sich und manche treten zusammen auf, häufiger als man denkt.
Dieser Artikel ist die Übersicht. Er ist für Eltern geschrieben, die verstehen wollen, was die verschiedenen Neurodivergenzen für ihr Kind und ihren Familienalltag bedeuten. Nicht als Lexikon, sondern als Orientierung: Was ist das, wie hängt es zusammen, und wo findest du vertiefte Informationen?
Wenn du den Hintergrund zum Begriff Neurodivergenz selbst suchst: Was er bedeutet, woher er kommt, was neurotypisch und neuronormativ heisst, findest du das in meinem ausführlichen Artikel zu Neurodiversität und Neurodivergenz.
In diesem Artikel
Meist keine Superkraft, dennoch kein Defizit
Ich finde es ganz wunderbar, wenn Menschen ihre Neurodivergenz als Superkraft erleben. Und ich sehe ganz klar, wie viele Vorteile Neurodivergenzen mit sich bringen können. Neurodivergente Personen haben einen Blick fürs Detail, können Muster erkennen, kreative und innovative Lösungen finden, sich komplett auf ein Thema fokussieren und sich mega rasch einarbeiten, sie sind einfühlsam, unternehmungsfreudig, neugierig und bringen noch ganz viele weitere wundervolle Eigenschaften mit sich.
Doch sie können auch viele Herausforderungen und Unpassungen mit sich bringen. Insbesondere in einem System (z. B. Schule, Arbeitsplatz, Shoppingcenter, ÖV, usw.), das einfach nicht für uns gebaut wurde. Dort kann es schwierig sein, sich anpassen zu müssen. Man stösst sich, weiss nicht, wie man sich wo zurechtfinden kann und für Menschen mit Neurodivergenzen kann dies einen hohen Leidensdruck erzeugen.
Deshalb sehe ich es kritisch von einer Superkraft zu sprechen. Dies könnte Menschen das Gefühl geben, es sei falsch, dass sie nicht klar kommen. Dass sie strugeln, ins Burnout rutschen, überfordert sind, Dinge nicht tun können, die sie gerne tun möchten usw.
Stattdessen lohnt es sich, genau hinzuschauen: Wo liegen die persönlichen Stärken? Egal, ob die mit der Neurodivergenz zu tun haben oder nicht. Sowie wo Dinge schwerfallen und wie diese verändert werden können, damit es leichter wird?
Was Neurodivergenzen gemeinsam haben
So unterschiedlich ADHS, Autismus, Hochbegabung oder Legasthenie auf den ersten Blick sind; einige Dinge ziehen sich durch:
Das Umfeld macht den Unterschied. Die meisten Schwierigkeiten entstehen nicht durch die Neurodivergenz selbst, sondern durch die Reibung zwischen dem neurodivergenten Gehirn und einer Umgebung, die auf neurotypische Funktionsweisen ausgelegt ist. Schule, soziale Normen, Arbeitsstrukturen; all das wurde von neurotypischen Menschen für neurotypische Menschen gebaut. Wer davon abweicht, braucht mehr Energie für dasselbe Ergebnis.
Überschneidungen sind die Regel. Etwa die Hälfte aller neurodivergenten Menschen hat mehr als eine Neurodivergenz. ADHS und Autismus treten häufig zusammen auf. Hochsensibilität begleitet viele andere Neurodivergenzen. Diese Überschneidungen machen die Diagnostik komplex, führen zu Fehldiagnosen und die Standardstrategien sind oft unpassend.
Eltern erkennen sich oft selbst. Viele Neurodivergenzen haben eine hohe Erblichkeit. ADHS liegt bei 70–80 %, Autismus bei etwa 80 %. Es ist keine Seltenheit, dass Eltern über die Diagnose ihres Kindes zum ersten Mal verstehen, warum ihre eigene Lebensgeschichte so verlaufen ist, wie sie verlaufen ist.
Früh verstanden verändert alles. Der grösste Schutzfaktor für neurodivergente Kinder ist nicht eine bestimmte Therapie oder ein bestimmtes Schulsystem, sondern Eltern und Bezugspersonen, die verstehen, was im Kind vorgeht. Wissen ersetzt Frustration durch Orientierung.
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Falls du beim Lesen vor allem an Reizempfindlichkeit denkst: „Ist mein Kind hochsensibel?“ liegt kostenlos bei den kleinen Hilfen für den Alltag und gibt dir zehn typische Anzeichen an die Hand.
Ob das, was du bei deinem Kind beobachtest, zu einer dieser Neurodivergenzen passt, lässt sich oft schon in einer Kurz-Session gut einordnen.
Die einzelnen Neurodivergenzen im Überblick
Im Folgenden findest du eine kurze Einordnung zu jeder Neurodivergenz, die ich auf dieser Seite vertieft behandle. Jeder Abschnitt verlinkt auf einen ausführlichen Artikel, der das Thema aus Elternperspektive beleuchtet: Was passiert neurologisch, wie zeigt sich das im Alltag mit deinem Kind, wie sieht es im Erwachsenenleben aus, und wie grenzt es sich von verwandten Neurodivergenzen ab.
ADHS
ADHS betrifft die Regulation von Aufmerksamkeit, Impulsen und exekutiven Funktionen. Das ADHS Gehirn hat seine ganz eigene Weise zu priorisieren, filtern und mit Zeit und Belohnung umzugehen. Etwa 5–7 % aller Kinder haben ADHS, Mädchen werden unterdiagnostiziert. ADHS ist lebenslang und verändert sich mit dem Alter in seiner Erscheinungsform.
ADHS verstehen: Was im Gehirn passiert und warum das für dein Kind wichtig ist
Praktische Alltagsstrategien, Tipps für die Schule und Ressourcen für die Schweiz, Deutschland und Österreich findest du in meinem ausführlichen Eltern-Ratgeber: ADHS bei Kindern: Einfach umsetzbare Strategien für den Alltag
Autismus
Autismus ist eine neurologische Variante, die Wahrnehmung, Kommunikation und soziale Interaktion betrifft. Autistische Kinder nehmen die Welt oft detaillierter, intensiver und weniger gefiltert wahr. Sie brauchen Vorhersagbarkeit und klare Strukturen, nicht weil sie unflexibel sind, sondern weil ihr Nervensystem auf Überraschungen stärker reagiert. Etwa 1–2 % der Bevölkerung sind im Autismus-Spektrum, Mädchen werden häufig spät oder gar nicht diagnostiziert, weil sie stärker maskieren.
Weder Superkraft noch Umerziehen: Wie Eltern ihre Kinder im Spektrum unterstützen können.
Das, was früher "Asperger Autismus" genannt wurde: Was ist das eigentlich und wie sagt man heute
AuDHS: Kombination von Autismus und ADHS
Früher waren ADHS und Autismus Ausschlussdiagnosen. Heute weiss man, dass sehr viele Menschen beide Neurodivergenzen mitbringen. Dies wird häufig AuDHS genannt. Hier ziehen zwei neurologische Systeme oft in entgegengesetzte Richtungen: ADHS sucht Stimulation, Autismus braucht Routine, ADHS will Neues, Autismus will Vorhersagbares und Rückzug. Das erzeugt innere Widersprüche, die weder durch reine ADHS-Strategien noch durch reine Autismus-Strategien aufgefangen werden.
→ AuDHS verstehen (Artikel in Arbeit)
Hochsensibilität
Hochsensibilität ist ein angeborenes Temperamentsmerkmal, keine Diagnose und keine Krankheit. Etwa 15–20 % aller Menschen nehmen Reize tiefer wahr und verarbeiten sie gründlicher. Das bedeutet: mehr Empathie, mehr Detailwahrnehmung, mehr Kreativität, aber auch schnellere Überforderung, längere Erholungszeiten und ein Nervensystem, das nach einem „schönen Tag“ trotzdem am Abend zusammenbrechen kann. Viele Autist:innen, ADHSler:innen und Hochbegabte sind hochsensibel.
Ist mein Kind hochsensibel oder hochsensitiv? Mit Test für HSK (HochSensibles Kind)
Wie kann ich mein hochsensibles Kind besser verstehen und begleiten?
Hochbegabung
Hochbegabung beschreibt ein überdurchschnittliches kognitives Potenzial, oft verbunden mit schneller Auffassungsgabe, hoher Verarbeitungsgeschwindigkeit und tiefem Bedürfnis nach intellektueller Stimulation. Etwa 2–3 % der Bevölkerung gelten als hochbegabt, häufig wird diese mit einem IQ von über 130 beschrieben. Was von aussen wie ein Vorteil aussieht, kann im Schulalltag zu massiver Unterforderung, Verhaltensauffälligkeiten und Rückzug führen. Hochbegabung tritt häufig zusammen mit ADHS, Autismus oder Hochsensibilität auf: Sogenannten Twice Exceptional (2e) Profilen.
→ Hochbegabung verstehen (Artikel in Arbeit)
Dyslexie, LRS, Legasthenie
Dyslexie ist eine neurobiologisch verankerte Lese- und Rechtschreibschwierigkeit, unabhängig von Intelligenz oder Anstrengung. Etwa 5–7 % der Kinder bringen diese Herausforderung mit dem Lesen und Schreiben mit. Das Kernproblem liegt in der phonologischen Verarbeitung: Das Übersetzen zwischen Buchstabe und Laut läuft nicht automatisiert. Diese Kinder bringen hingegen oft ein ausgeprägtes visuell-räumliches Denkvermögen mit.
→ Legasthenie verstehen (Artikel in Arbeit)
Dyskalkulie
Dyskalkulie ist eine neurobiologisch verankerte Rechenschwäche; das Pendant zur Legasthenie im mathematischen Bereich. Etwa 3–7 % der Kinder bringen diese mathematische Besonderheit mit. Die Hauptherausforderung: Mengen werden nicht intuitiv erfasst, Zahlen bleiben abstrakte Symbole ohne inneres Bild. Diese Kinder haben ein spezifisches Verarbeitungsprofil, oft mit ausgeprägten Stärken in Sprache und Kreativität.
→ Dyskalkulie verstehen (Artikel in Arbeit)
Synästhesie
Synästhesie ist eine neurologische Besonderheit, bei der Sinneseindrücke miteinander verknüpft sind: Buchstaben haben Farben, Zahlen haben Formen, Musik wird als Landschaft erlebt. Etwa 4 % der Bevölkerung sind synästhetisch. Synästhesie ist keine Störung und erfordert in der Regel keine Behandlung, aber sie beeinflusst, wie ein Kind die Welt wahrnimmt und verarbeitet. Für Eltern ist es hilfreich zu wissen, dass das Kind keine „seltsamen“ Wahrnehmungen hat, sondern eine biologisch reale, andere Art, Reize zu verknüpfen.
→ Synästhesie verstehen (Artikel in Arbeit)
Warum ich diese Seiten schreibe
Ich bin Mentorin und Coach für Eltern von sensiblen, wilden, gefühlsstarken und neurodivergenten Kindern. Ich habe einen MSc in Molekularbiologie, bilde mich seit Jahren in Entwicklungspsychologie, Neurodivergenz-Forschung und Coaching weiter und ich bin selbst Mutter von zwei Kindern.
Wenn ich mir die bestehenden Informationsseiten zu Neurodivergenzen anschaue, sehe ich zwei Probleme: Entweder sind sie klinisch korrekt, aber für Eltern unzugänglich. Oder sie sind elternfreundlich geschrieben, aber oberflächlich, defizitorientiert oder voller vereinfachter Metaphern, die der Komplexität nicht gerecht werden.
Ich möchte einen dritten Weg: Artikel, die wissenschaftlich fundiert sind, neuroaffirmativ geschrieben, und trotzdem im Alltag von Eltern ankommen. Die erklären, was im Gehirn passiert und warum das verändert, wie du dein Kind begleitest.
Nicht alle Artikel sind bereits fertig. Ich arbeite fortlaufend an dieser Reihe. Wenn du informiert werden möchtest, sobald ein neuer Artikel erscheint, abonniere meinen Newsletter.
Wer hilft mir, das bei meinem Kind umzusetzen?
Das ist meine Arbeit. Ich schaue mit dir auf eure konkreten Situationen und darauf, an welchen Stellschrauben ihr drehen könnt.
In einer Einzelsession schauen wir auf eine Situation, die bei euch immer wieder passiert. Du gehst mit einem nächsten Schritt raus, der zu deinem Kind passt. Wenn dir Schreiben leichter fällt, geht das auch in der Flexiblen Begleitung per Nachricht oder Sprachnachricht.
Manchmal ist es einfacher, zuerst ein paar Sätze aufzuschreiben. Unter hallo@goniboller.ch erreichst du mich direkt. Wir schauen dann gemeinsam, welches Angebot zu dir und deiner Familie passt.
Häufige Fragen zu Neurodivergenz bei Kindern
Was bedeutet Neurodivergenz?
Neurodivergenz bedeutet, dass ein Gehirn Reize, Aufmerksamkeit, Sprache, Lernen oder Gefühle anders verarbeitet als das, was in einer Gesellschaft als üblich gilt. Der Begriff ist ein Sammelbegriff und keine einzelne Diagnose. Dazu gehören unter anderem ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Hochbegabung, PDA, Legasthenie, Dyskalkulie und Synästhesie.
Was kann ich tun, wenn ich vermute, dass mein Kind neurodivergent ist?
Der erste Schritt ist Beobachten statt Bewerten: In welchen Situationen kippt es, was war vorher, was hat gefehlt. Diese Beobachtungen helfen später sowohl im Alltag als auch bei einer allfälligen Abklärung. Parallel kannst du die Bedingungen bereits anpassen, dafür braucht es keine Diagnose.
Kann ein Kind mehrere Neurodivergenzen gleichzeitig haben?
Ja, und das ist eher die Regel als die Ausnahme. Etwa die Hälfte aller neurodivergenten Menschen bringt mehr als eine Neurodivergenz mit. ADHS und Autismus zusammen werden oft AuDHS genannt, die Kombination aus Hochbegabung und einer weiteren Neurodivergenz heisst Twice Exceptional.
Ist Neurodivergenz eine Krankheit?
Nein. Neurodivergenz beschreibt eine Variante der neurologischen Entwicklung, keine Erkrankung. Einzelne Formen sind in Diagnosesystemen als Störung geführt, weil das den Zugang zu Unterstützung regelt. Das ändert nichts daran, dass die meisten Schwierigkeiten aus der Reibung mit der Umgebung entstehen und nicht aus dem Kind selbst.
Wächst sich Neurodivergenz mit der Zeit aus?
Nein, sie verändert nur ihre Erscheinungsform. Aus dem Kind, das nicht stillsitzen kann, wird oft eine erwachsene Person, die innerlich unruhig ist. Was sich verändert, sind die Strategien, das Umfeld und die Freiheit, sich passende Bedingungen zu suchen.
Braucht es unbedingt eine Diagnose?
Für Nachteilsausgleiche, für bestimmte Therapien und für Finanzierungsfragen braucht es sie. Für das Verstehen zu Hause nicht. Viele Familien beginnen mit dem Anpassen von Reizmenge, Übergängen und Anforderungen und merken dabei sehr schnell, was ihrem Kind guttut.
Warum werden Mädchen später erkannt?
Weil sie im Durchschnitt stärker maskieren, also ihre Eigenheiten überdecken, um dazuzugehören. Dazu kommt, dass die diagnostischen Kriterien lange an Jungen entwickelt wurden. Der Preis für das Maskieren zeigt sich oft erst zu Hause oder in der Pubertät, in Erschöpfung, Rückzug oder Angst.
Goni Boller ist Beraterin und Coach für Eltern von sensiblen, gefühlsstarken, wilden und neurodivergenten Kindern. Sie begleitet Familien dabei, zu verstehen, wie bei ihnen alle ticken, und Lösungen zu finden, die für alle passen. Damit der Alltag wieder mehr Spass macht und die Familie zusammenhält. Es geht dabei nicht nur um Ideen für den Umgang mit dem Kind, sondern auch um die eigenen Prägungen und Trigger, die oft genau dann im Weg stehen, wenn Eltern eigentlich anders reagieren möchten.
Selbst neurodivergent und Mutter von zwei gefühlsstarken Jungs kennt Goni diesen Familienalltag nicht nur aus der Theorie. Dazu kommt ihr Wissen aus der Coachingausbildung, aus der kindlichen Entwicklung und aus ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund. Als Coach arbeitet sie seit 2018. Mit ihrer Familie lebt sie im Aargau in der Schweiz.